Wernes Stadtführerin Heidelore Fertig-Möller zeigt die Bronzekugel auf dem Domhof-Parkplatz an der Südmauer in Werne. © Felix Püschner
Videokolumne Heidewitzka

Mit Video: Diese Geschichte steckt hinter der Bronzekugel an der Südmauer

Das Gammelhaus an der Südmauer in Werne hat einen recht ungewöhnlichen Nachbarn: eine riesige Kugel. Bei deren Geschichte spielen unter anderem Bier und Feuer eine wichtige Rolle.

Ehe man in der Werner Altstadt Kanalisation, Wasserleitung und elektrisches Licht zu Anfang des 20. Jahrhunderts einführte und Werne somit durch den Einzug des Bergbaues aus seinem Dornröschenschlaf aufweckte, bestand die Wasserversorgung ausschließlich aus Brunnen beziehungsweise Pumpen, die das benötigte Wasser für die Stadtbevölkerung zur Verfügung stellten. Über zwanzig dieser Brunnen, verteilt in der ganzen mittelalterlichen Stadt, waren nötig, um die Bürger von Werne ausreichend mit dem kostbaren Nass zu versorgen.

Allerdings brauchte man dieses nicht zum Trinken, sondern zum Waschen, Tränken der Tiere, säubern und Ähnlichem, ebenso für die Zubereitung von Bier, das früher das beliebteste und oft das einzige Getränk für alle Familienmitglieder war. Auch für die Frauen und älteren Kinder gab es Bier, das allerdings weniger Alkohol hatte, denn normales Wasser aus dem Brunnen hielt man für zu unrein zum Trinken.

Aber für eine Tätigkeit war das Wasser am öffentlichen Brunnen unentbehrlich, nämlich für das Feuerlöschen. Da im Mittelalter fast alle Häuser in Werne aus Fachwerk bestanden und oft mit Stroh gedeckt waren (außer Kirche, Rathaus, Steinhaus und Kapuzinerkloster) und jeder offenes Feuer, nicht nur zum Wärmen, sondern auch für viele Arbeiten benötigte, kam es oft zu Feuersbrünsten.

Die einzige Löschmethode war dann, den ledernen Eimer, den jeder Haushalt besitzen musste, zu nehmen und mittels einer Menschenkette Wasser vom nächstgelegenen Brunnen an den Brandherd zu bringen. Dass dies nicht immer erfolgreich war, kann man sich wohl denken und oft brannte ein ganzes Stadtviertel ab.

Besonderes Ritual bei Aufnahme in Pumpengemeinschaft

Erst zu Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten freiwilligen Feuerwehren, die dann mit Pferd und Wagen, einem Wasserbottich und später auch einer Wasserspritze zur Brandstelle eilten. Um 1900 gab es nur noch wenige Pumpen in der Werner Innenstadt, so zum Beispiel auf dem Marktplatz und vor dem ehemaligen Hellmannschen Haus zu Beginn der Bonenstraße (später entstand dort das Hotel „Burghof“), wo man zu jener Zeit auch noch die Tradition der Pumpengemeinschaft pflegte.

Die Bewohner der Häuser um diese Pumpe herum gehörten dazu und nur durch eine feierliche Aufnahme konnte ein neues Mitglied, etwa eine junge Frau, die dort einheiratete, hinzu kommen: Am Abend, wenn alle Bewohner um die Pumpe versammelt waren, wurde dem neuen Mitglied ein Besen gereicht, auf dem ein lebender Hahn befestigt war, als Sinnbild für Sauberkeit und Wachsamkeit – dreimal wurde sie dann um die Pumpe geführt und galt dann als vollwertiges Mitglied der Pumpengemeinschaft.

Blick in die Bonenstraße: Vorne links sieht man noch eine der alten Pumpen um das Jahr 1900.
Blick in die Bonenstraße: Vorne links sieht man noch eine der alten Pumpen um das Jahr 1900. © Archiv Förderverein Stadtmuseum © Archiv Förderverein Stadtmuseum

Diese Tradition verschwand ebenso wie die öffentlichen Pumpen und Brunnen im Laufe des 20. Jahrhunderts und nur einige alte Postkarten und Fotos zeugen von ihnen. Auch sind noch einige Brunnenschächte aus dem Mittelalter vorhanden, so zum Beispiel vor der Buchhandlung Beckmann, im Museumsgarten und auf dem Roggenmarkt, die allerdings alle abgedeckt wurden und somit heute nicht mehr erkennbar sind.

Heute gibt es nur noch wenige Brunnen und Wasserspiele in Werne, meist zum Vergnügen der Kinder, aber auch zur Verbesserung des Mikroklimas in der Stadt. Neun öffentliche Wasserspender wurden bei Fertigstellung der Fußgängerzone in Werne in den 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts eingerichtet, wobei vier heute leider nicht mehr existieren: Die Brunnen vor dem Stadthaus, vor dem Museum, auf dem Kirchhof und in der Bonenstraße gibt es nicht mehr.

Noch eine Kugel: Auch die gehört zu einem Brunnen - zu dem am Salinenparc.
Noch eine Kugel: Auch die gehört zu einem Brunnen – zu dem am Salinenparc. © Felix Püschner © Felix Püschner

Nur noch der von der Familie Moormann gestiftete sogenannte Sternzeichenbrunnen auf dem Moormannplatz, der „Sprichwortebrunnen“ („Arm wie eine Kirchenmaus“, „Eitel wie ein Pfau“, „Furchtsam wie ein Hase“ und „Schlau wie ein Fuchs“) zu Beginn der Bonenstraße, der Wasserlauf am Hintereingang der Stadtsparkasse, der kleine Steinbrunnen vor dem Kloster und die Bronzekugel auf dem Domhof-Parkplatz, die leider schon seit Jahren kein Wasser mehr führt, sind noch übriggeblieben.

Hinzugekommen sind in den letzten Jahren der Wasserlauf mit sich drehender Scheibe und Marmorkugel an der unteren Steinstraße vor dem Kreisel zum Hagen und das wunderschöne Wasserspiel auf dem Marktplatz, das besonders die Kinder im Sommer fasziniert. Diese Wasserfontänen sind vor allem Friseurmeister Paul Quante, der sich sehr dafür eingesetzt und gegen alle Widerstände verwirklicht hatte, zu verdanken – die lachenden und oft juchzenden Jungen und Mädchen im Kleinkindalter erfreuen nun alle.

Am Moormannplatz gibt es auch heute noch einen Brunnen.
Am Moormannplatz gibt es auch heute noch einen Brunnen. © Felix Püschner © Felix Püschner
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