Im Garten von Werner Zempelin in Olfen finden die Eichhörnchen einen gedeckten Tisch. © Werner Zempelin
Blick in die Natur

Geheimnisse der Garten-Lieblinge: Eichhörnchen sind nicht nur niedlich

Emsig, kuschelig, süß: Mit diesen Eigenschaften haben sich die Eichhörnchen unsere Herzen erobert. Die kleinen Nager können aber auch anders. In jedem Fall sind sie heute wichtiger denn je.

Spätestens jetzt ist die Zeit der Trennung. Anfang März gehen Herr und Frau Sciurus wieder getrennte Wege. Vorbei die Zeiten, als sie sich übermütig die Baumstämme rauf und runter jagten und tollkühn von Wipfel zu Wipfel sprangen, als ob es keinen Morgen gäbe und keine Schwerkraft. Inzwischen gibt es Wichtigeres zu tun – für Frau Sciurus. Und wenn der feine Herr mit dem lateinischen Namen, der nichts anderes bedeutet als Eichhörnchen, es nicht selbst kapiert, dann hilft seine Ex schon nach und verjagt ihn. Dieses Mal ganz ohne liebevolles Necken. Danach steht ihr gerade wirklich nicht der rot-braune Kopf.

Familiensinn hat nur das Eichhörnchen-Weibchen

Jetzt beginnt die Familienphase: Das hat bei den Eichhörnchen nichts mit Aufgabenteilung zu tun. Die weiblichen Tiere kümmern sich alleine um alles: um den Bau der Kinderstube, die 38-tägige Schwangerschaft, die Geburt der zwei bis fünf Babys und ihre Aufzucht. Vater Eichhorn sucht sich derweil neue Partnerinnen, immer wieder. Paarungszeit ist von Januar bis in den Sommer. Und welche Eichhörnchenfrau gerade bereit ist für die – zumindest unter diesen Nagetieren – ungewöhnliche Zweisamkeit, riecht er auf eine Entfernung von eineinhalb Kilometern.

Während Herr Sciurus vermutlich schon mit der nächsten fangen spielt im Geäst, hat sich seine Ex-Frau in den Kobel zurückgezogen: ein rundes Nest aus Reisig, Rinde, Laub und Moos, das sich zumeist in Astgabeln befindet – in 6 bis 15 Metern Höhe. Der Wurfkobel – Kreißsaal und Kinderstube in einem – ist etwas größer als der normale Unterschlupf, mit einem Durchmesser von 30 bis 50 Zentimeter. Davon hat jedes Eichhörnchen – egal, welches Geschlecht – mindestens zwei, manchmal sogar bis zu acht: Schutz vor Regen und Kälte, Marder und Greifvogel, und kuscheliger Platz, um im Winter zu dösen und im Sommer Siesta zu halten.

Wie lässt sich das nur öffnen, scheint sich das Eichhörnchen zu fragen. Obwohl Werner Zempelin Eichhörnchen auch separat füttert - eine Kiste mit Deckel - , haben sie es auch auf das Vogelfutter abgesehen.  Ob es ein männliches oder weibliches Tier ist, lässt sich übrigens nicht sagen. Körperbau und -größe helfen da nicht weiter.
Wie lässt sich das nur öffnen, scheint sich das Eichhörnchen zu fragen. Obwohl Werner Zempelin Eichhörnchen auch separat füttert – eine Kiste mit Deckel – , haben sie es auch auf das Vogelfutter abgesehen. Ob es ein männliches oder weibliches Tier ist, lässt sich übrigens nicht sagen. Körperbau und -größe helfen da nicht weiter. © Werner Zempelin © Werner Zempelin

Dass ein gemütliches Zuhause nicht vor ungebetenem Besuch schützt, wissen die Eichhörnchen. Deshalb sorgen sie vor. Jeder Kobel hat mindestens einen Notausgang. Diese Hintertüren sind von innen verstopft. Wenn sich vorne Ungemach anmeldet, lassen sie sich aber im Nu öffnen für die Flucht.

Baby wiegt so viel wie ein 1-Cent-Stück

Wenn die Eichhörnchen-Babys zur Welt kommen, sind sie nackt, blind und hilflos: gerade einmal 10 Gramm wiegt Sciurus Junior: so viel wie ein Centstück. Mama schafft es immer auf fast 400 Gramm. Sie wird in den nächsten Monaten alles geben, damit ihre Kinder möglichst schnell zu Kräften kommen.

Drei Wochen wird es dauern, bis ihnen der erste rotbraune Haarflaum wächst. Vier Wochen, bis sie die Augen öffnen. Kurz danach brechen auch die ersten Zähnchen durch – es werden nicht die letzten sein. Einem Eichhörnchen wachsen seine 22 Zähne ein Leben lang nach, damit es immer kraftvoll zubeißen und Nüsse knacken kann. Nach etwa zehn Wochen ist Schluss mit der zärtlichen Rundum-Versorgung im kuscheligen Kobel. Dann zeigt Mama dem Nachwuchs, wie er selbst Nahrung finden kann: Nüsse, Beeren, Pilze -aber nicht nur das.

Eichhörnchen sind keine Vegetarier

Eichhörnchen sind keine reinen Vegetarier. Sie plündern auch Vogelnester und fressen Jungvögel. Wie stark sie dabei Einfluss nehmen auf die Entwicklung einzelner Vogelarten, ist kaum untersucht, wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) einräumt. Die Naturschützer ahnen auch den Grund: „Offenbar wird dem putzigen Pelztier das Nesterplündern weniger verübelt als anderen Tierarten.“

Nach einem Jahr wird Sciurus Junior geschlechtsreif. Dieses erste Jahr überlebt aber höchstens jedes vierte Junge. Denn Eichhörnchen, insbesondere unerfahrene Jungtiere, leben gefährlich. Um nicht selbst gefressen zu werden, laufen die emsigen Nager die Bäume in Spiralen hinauf. Sie könnten das auch geraden Wegs – hinauf und hinunter wie der Kleiber – , dann könnten Bussard, Habicht und Co. sie aber besser fangen. So gelingt es ihrer Beute immer wieder, rechtzeitig wegzuspringen – bis zur fünf Meter weit.

Erinnerung an Nuss-Depots für schlechte Zeiten?

Ab Sommer kommen die Jungtiere weitgehend alleine klar. Frau Sciurus kann sich wieder mehr ihrem alten Tagesablauf widmen, der sich jetzt von dem ihres einstigen Partners kaum unterscheidet: Nach der ausführlichen Morgentoilette – Zähneputzen mit Rinde inklusive – geht es bis zum Sonnenuntergang um Nahrungssuche, nur von der Siesta unterbrochen. Wie der Volksmund sagt: „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.“

Was es nicht sofort selbst isst, vergräbt es. 2500 Nüsse und Samenkörner sind das im Jahr. In einer Tiefe von bis zu 30 Zentimetern unter der Oberfläche des Waldbodens, kann sie die Nüsse später riechen und an kalten Wintertagen wieder ausgraben. Viele zumindest. Denn laut der Deutschen Wildtier-Stiftung sind Eichhörnchen alles andere als Gedächtnis-Künstler. Sie vergessen ihre Verstecke – zum Glück für den Wald.

Im geschundenen Wald ist Hörnchen-Hilfe willkommen

Denn die eingegrabenen Samen keimen im Frühjahr. „Beim Waldaufbau besetzen die Eichhörnchen damit eine wichtige ökologische Rolle“ – wichtiger denn je. Denn dem Wald geht es so schlecht wie nie. Welche Bäume mit dem Klimawandel besonders gut zurechtkommen, soll die natürliche Verjüngung zeigen. Beim Verteilen der Samen hilft Familie Sciurus.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe
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