Bei mir zu Hause in Witten herrscht Landunter. Die Straße, die ich immer in Richtung Schwerte fahre, heißt Ruhrdeich. Am Donnerstag wird der nur von Booten befahren. Da muss ich wohl von zu Hause aus arbeiten. © Martina Niehaus
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Ohne Boot zur Redaktion nach Schwerte fahren? Keine Chance!

Von Witten aus ist man mit dem Wagen in einer halben Stunde in Schwerte. Allerdings nicht dann, wenn man nah an der Ruhr wohnt. Und die DLRG-Boote plötzlich auf der Straße fahren.

Das kommt davon, wenn man „Toitoitoi“ sagt: Noch am Mittwochabend (14.7.) habe ich mit der Schwerter Feuerwehr telefoniert. Alles ruhig, keine Einsätze, sagte der Feuerwehrleiter. Und fügte eben ein schnelles „Toitoitoi“ hinzu.

Zu Hause in Witten-Heven angekommen, gehen wir abends mit der Familie noch an die Ruhr. Wir wohnen knapp 500 Meter vom Flussufer entfernt, kurz bevor die Ruhr in den Kemnader See mündet. Auf der Lakebrücke, einer kleinen Fußgängerbrücke, zeigen meine Jungs aufgeregt auf die dicken Baumstämme, die in großer Geschwindigkeit unter uns hindurchschießen.

Überall geht das Wasser bis an den Wegesrand. Trotz nasser Schuhe ist es noch ein netter Abendspaziergang. Über die riesige Hundewiese, am Kanuclub und dem Campingplatz vorbei geht es zurück nach Hause.

Am Mittwochabend ist die Ruhr zwar voll, aber übers Ufer getreten ist sie noch nicht.
Am Mittwochabend ist die Ruhr zwar voll, aber übers Ufer getreten ist sie noch nicht. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Auf der Straße fahren DLRG-Boote herum

Am Donnerstagmorgen (15.7.) stehen Hundewiese, Kanuclub und Campingplatz dann unter Wasser. Und eine Fahrt nach Schwerte ist selbst bei Sonnenschein nicht möglich: Die Straße ist komplett überschwemmt. Wo ich üblicherweise mit dem Auto entlangfahre, fahren morgens zwei DLRG-Boote über die Straße.

Mit Booten fahren DLRG-Mitglieder hinaus, um Anwohner aus ihren Häusern zu befreien.
Mit Booten fahren DLRG-Mitglieder hinaus, um Anwohner aus ihren Häusern zu befreien. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Die Ruhr ist nämlich hier über Nacht so weit angestiegen, dass unsere Nachbarn, die etwas näher am Ufer wohnen, teilweise vom Wasser eingeschlossen worden sind. „Wir haben zwischen 30 und 40 Personen mit dem DLRG-Shuttle aus ihren Häusern geholt“, erklärt Abschnittsleiter Thorsten Schanze von der Feuerwehr Witten.

Anwohner ist entnervt: „Im See aufgewacht“

Zunächst holen die 20 DLRG-Leute und 15 Feuerwehrleute die Menschen mit Booten aus den Häusern, die bis zu zwei Meter hoch vom Wasser umgeben sind. Später kann dann ein Lkw der Feuerwehr mit Hebebühne heranfahren. Unter den Evakuierten sind auch Peter Koch, dessen Frau Jadwiga und ihr Hund Bruno. Drei kleine Taschen haben die Kochs bei sich.

Jadwiga und Peter Koch mit ihrem (wasserscheuen) Hund Bruno. Sie sind mit einem Boot gerettet worden.
Jadwiga und Peter Koch mit ihrem (wasserscheuen) Hund Bruno. Sie sind mit einem Boot gerettet worden. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

„Gestern Abend war meine Frau noch mit dem Hund draußen, und heute wachen wir auf und wohnen in einem See“, erzählt der völlig entnervte Anwohner. Was ihn besonders wurmt: Dass sie nicht vorgewarnt wurden. „In meiner Garage stehen zwei schöne Oldtimer, darunter ein Porsche Cabrio.“ Wie schwer die Autos beschädigt sind, weiß Peter Koch nicht. Das Wasser steht eineinhalb Meter hoch vor der Garagentür.

„Hoffentlich konnte die Katze sich retten!“

Auch die 78-jährige Maria Wülbeck wird von der Feuerwehr abgeholt. „Ich wohne seit 35 Jahren hier – sowas habe ich noch nicht erlebt.“ Weil die Häuser vom Strom abgeschnitten seien, wollte sie schnell weg.

„Als ich aus dem Haus geholt wurde, habe ich eine unserer Nachbarskatzen auf einer Mauer sitzen sehen. Ich hoffe, dass sich das Tier retten konnte“, sagt die Seniorin besorgt. „Das war wie auf einer Insel hier.“ Viele der Anwohner kommen an diesem Tag bei Verwandten unter.

Erst mit dem Boot, später dann mit einem Lkw holen Helfer die Anwohner aus ihren Häusern.
Erst mit dem Boot, später dann mit einem Lkw holen Helfer die Anwohner aus ihren Häusern. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Die Lakebrücke, von der aus wir uns am Vortag die Ruhr angeschaut haben, ist unerreichbar geworden. Der Fluss fließt nur knapp einen Meter unterhalb der Kante entlang – bei normalen Pegelstand sind es schätzungsweise fünf bis sieben Meter von der Brücke bis zur Oberfläche.

Blick von der Autobrücke auf eine Seenlandschaft

Einen guten Blick bietet die benachbarte Autobrücke, die von Witten-Heven ins benachbarte Herbede führt. Von hier aus sehe ich mir mit meinen Söhnen die gigantische Wasserlandschaft unter uns an.

Wir sehen vollgelaufene Campingwagen, schwimmende Bienenkörbe, umgekippte Kanus und Autos, die nur noch mit dem Dach aus dem Wasser ragen. Und ganz weit hinten sehen wir die Lakebrücke, auf der wir am Vorabend noch gestanden haben. Auch auf der Brücke herrscht Stau. Viele Autos, die aus dem Stadtteil herauszukommen versuchen, müssen wenden.

Deshalb arbeite ich von zu Hause aus. Und telefoniere im Lauf des Tages noch mehrmals mit dem Schwerter Feuerwehrleiter Wilhelm Müller. „Nur weil Sie das mit dem Toitoitoi geschrieben haben, kamen direkt anschließend so viele Einsätze“, bekomme ich zu hören. Es tut mir leid, Herr Müller. Ich tu‘s nie wieder!

Über die Autorin
Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus

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