Schalkes Erwin: Das Maskottchen schaut sich die Geisterspiele in der Arena meistens einsam und tapfer in der Nordkurve an. © dpa
Schalke 04

Die große Leere: Schalke ist seit einem Jahr im Geister-Modus

Wenn die Seele fehlt: Am 7. März 2020 spielte Schalke letztmals vor vollem Haus (1:1 gegen Hoffenheim). Kein anderer Klub kam danach ohne Publikum so schlecht zurecht wie die Königsblauen.

Nichts Dolles. 1:1 gegen Hoffenheim, naja. Schalke war sowieso nicht gut drauf, die vielen Verletzten konnten nicht ersetzt werden. Am 7. März 2020 verließen 60.000 Zuschauer die Veltins-Arena in dem Bewusstsein, ein Spiel gesehen zu haben, das wohl keinen Eintrag in die Geschichtsbücher finden würde. Ein Irrtum.Denn es war das letzte Spiel vor der Corona-Zwangspause, erst am 16. Mai wurde der Spielbetrieb wieder aufgenommen. Unter strengen Hygiene-Maßnahmen, ohne Publikum im Stadion. Die Deutsche Fußball-Liga wird ab diesem Datum zur Deutschen Fernseh-Liga, der Rubel muss ja irgendwie weiter rollen. Natürlich alles im nationalen Interesse. Aber Profi-Fußball dauerhaft ohne Fans im Stadion: Geht das überhaupt?

Keine Fans, kein Motor

Auf Schalke bezogen ist diese Frage denkbar einfach zu beantworten: Nein. Natürlich vermissen alle Vereine ihr Publikum, ihre Fans – aber Schalke fehlt damit quasi die Seele. Oder der Motor, wie Kult-Stadionsprecher Dirk Oberschulte-Beckmann findet. Die Geisterspiele werden zu einer gespenstischen und eiskalten Abrechnung mit einer Mannschaft, die in Ermangelung eines eigenen funktionierenden Motivations-Kompasses auf die persönliche Interaktion mit den Zuschauern im Stadion nicht verzichten kann.Wird schon wieder. Dachten sie auf Schalke vor der Fahrt auf der Geisterspielbahn. 0:5 hatte Schalke bei den Bayern verloren, 0:5 gegen Leipzig, 0:3 in Köln. Alles noch vor Publikum übrigens. Es musste ja an den Verletzten liegen, schließlich hatte Schalke nach starker Hinrunde auch noch den Rückrunden-Auftakt gegen Gladbach mit 2:0 gewonnen. Die Champions League winkte.

Fatale Fehleinschätzungen

Nach der Corona-Zwangspause, so die fatale Kalkulation, würde es schon wieder werden. Dachten Trainer David Wagner und wohl auch Sportvorstand Schneider. Am Ende der Saison, Schalke hat gerade 0:4 in Freiburg verloren, nennt Wagner seine Mannschaft „nicht konkurrenzfähig“. Sie ist es bis heute nicht. Und ganz nebenbei hat der Klub durch diverse unfassbare Tritte ins Fettnäpfchen sein Talent auf Selbstzerlegung innerhalb kürzester Zeit eindrucksvoll bestätigt.

Schalke ist zwar schon vor Corona auf dem absteigenden Ast ­– als keine Zuschauer mehr im Stadion sind, beschleunigt sich dieser Absturz allerdings in einer Atem beraubenden Art und Weise. Als andere Mannschaften schon längst erkannt haben, dass es ab jetzt nur noch über Eigenmotivation gehen kann, scheinen Schalkes Profis noch darauf zu warten, dass sich die Stadiontore endlich wieder öffnen und die Fans wieder zu einem Teil des Spiels, das schon längst kein Spektakel mehr ist, werden.Aber die Arena-Türen bleiben geschlossen, während Schalkes Tore sperrangelweit offen stehen. Eine Mannschaft und auch die Mannschaft hinter der Mannschaft ist komplett überfordert mit dem Auftrag, sich ohne Zuschauer selbst helfen zu müssen. So wie am 21. November.

Als Uth weinen wollte

Es gibt so etwas wie ein Stimmungshoch. Schalke hat dreimal in Folge nicht verloren (zwei Unentschieden in der Bundesliga, der Sieg gegen Schweinfurt im Pokal). Suat Serdar gibt nach seiner Verletzungspause sein Comeback. Zu Gast ist der VfL Wolfsburg, zu diesem Zeitpunkt bei allem Respekt keine Mannschaft der allerhöchsten Bundesliga-Kategorie. Jetzt muss es doch mal klappen.

Schalke wird in den ersten 30 Minuten an die Wand gespielt, ist in allen Belangen unterlegen und verliert 0:2. Wer den Abstieg bis dahin wirklich nur für ein vorbei huschendes Gespenst gehalten hat, nimmt dieses Thema jetzt ernst. Mark Uth gibt vor laufender Fernseh-Kamera zu: „Ich würde am liebsten in die Kabine gehen und weinen.“

Die Fans weinen innerlich mit. Aber nicht im Stadion. Das wütende und traurige Herz des Klubs schlägt bis auf wenige Besuche diverser Gruppierungen vor Ort abgesehen jetzt in den sozialen Netzwerken. Wer der Pleiten-Serie des Klubs noch nicht mit Gleichgültigkeit begegnet, sieht sich bestätigt: Diese Mannschaft ist ohne Zuschauer nicht überlebensfähig. Sie braucht uns. Ohne uns ist sie seelenlos.

Drei Abstiege mit Publikum

Zumindest kommt sie so rüber. Dabei ist jedem der Spieler, die da unten auf dem Platz stehen, zu unterstellen, dass er das jeweilige Spiel auch wirklich gewinnen will. Alles andere würde ja keinen Sinn machen. Aber andere wollen es scheinbar mehr. Und nach einem fast sieglosen Jahr muss sich Schalke eingestehen: Andere können zum Teil auch mehr. Ein Teufelskreis. Mit Zuschauern hätte Schalke wenigstens noch einen zwölften Mann dabei. Aber würde der die Rettung garantieren?

Eine spekulative Frage. Und überhaupt: Schalke ist dreimal abgestiegen, jeweils mit den tollen Fans im Rücken. Das erste Mal auch kurz nach einer Vize-Meisterschaft. Es kann alles ganz schnell gehen, nicht nur auf Schalke. Das Publikum kann nicht alles regulieren. Aber es fehlt, gerade auf Schalke, und ganz besonders dieser Mannschaft.

Übrigens ist sportlicher Misserfolg, das ist in den Archiven nachzulesen, immer einhergehend mit großer Unruhe innerhalb der Vereinsfamilie. Auf Schalke, wo man sich mit Kategorien unterhalb von „Spaltung“ und „Zerreißprobe“ gar nicht erst abgibt, funktioniert dieser Reflex besonders gut. Auch das macht diesen Verein so spannend. Und die bislang verlässliche Gewissheit, dass es nach schweren Krisen immer wieder auch aufwärts ging.

Was Hoffnung macht

Allein das macht derzeit Hoffnung. Schalke wird sich bis zum bitteren Ende durch die Geisterspiele gruseln müssen. Es bleibt gespenstisch. Auch für Journalisten: Natürlich hat es seinen Reiz, wenn plötzlich jedes Wort unten auf dem Rasen-Rechteck zu hören ist. Beruhigend für alle Hobby- und Amateurfußballer, dass es das gleiche Vokabular ist, das auch in den Kreisligen dieser Welt gerufen wird: „Drauf, drauf“, „Tempo“, „Hintermann“, „Los, Männer“, dazu die üblichen derben Flüche – wer meint, den Fußball verwissenschaftlichen zu müssen, scheitert spätestens an der Wortwahl der Spieler. Gut so. Das ist interessant. Zwei, drei Mal. Dann wird auch das öde, so ohne Publikum. Die anderen Mannschaften sind sowieso meistens lauter als Schalke. Warum eigentlich?

Und überhaupt: Der Weg auf die Pressetribüne durch die leeren, weiten Flure, die sonst voller Menschen sind, die Bier und Bratwurst vor sich her tragen, ist irgendwie bedrückend. Die Stadionmusik dudelt völlig unbeachtet vor sich hin, Dirk Oberschulte-Beckmann bekommt im Verlesen der Gegentor-Schützen beinahe schon eine seltsame Routine. Geisterspiele sind Fußballspiele ohne äußere Einflüsse, Fußball unter Labor-Bedingungen. Dafür ist so ein prächtiges Stadion wie die Arena nicht gebaut worden.

Wie im Labor

Das sterile Labor gestattet kaum Zufälle, der Bessere gewinnt. Also meistens nicht Schalke. Einziger „Erfolg“ bleibt die Verhinderung der Tasmanisierung Schalkes durch den 4:0-Sieg gegen Hoffenheim im Januar. Als die Geisterspiele ihr „Einjähriges“ feiern, steht Schalke nach dem verlorenen Revier-Derby kurz vor dem Abstieg. Und es gibt Mitleid von Borussia Dortmund. Wie ein Magnet zieht Schalke seit einem Jahr viel Häme auf sich. Damit muss dieser große und zurecht auch stolze Verein klarkommen. Aber Mitleid vom Erzrivalen ist so ziemlich die höchste Stufe des Nicht-Verkraftbaren.

Ein Jahr im Geister-Modus: Wenn Schalke heute, am 5. März 2021, auf Mainz 05 trifft, sitzt mit Dimitrios Grammozis bereits der fünfte Cheftrainer innerhalb dieser Zeitspanne auf der Schalker Bank. Ein Neustart, Aufbruchstimmung, mal wieder. Manuel Baum und Christian Gross werden auch als die Trainer in die Vereins-Historie eingehen, die das Schalker Publikum nie persönlich kennengelernt haben. Der Abstieg droht, die große Leere auf den Rängen hat mittlerweile den ganzen Verein erfasst. Das Foto vom einsam und tapfer in der Nordkurve ausharrenden S04-Maskottchen Erwin ist zum Symbolbild für den Schalker Absturz geworden. Die Botschaft: Es wird Zeit, dass wieder Leben in die Bude kommt.

Auf Wiedersehen: In welcher Liga?

Möglicherweise sieht man sich aber erst in der Zweiten Liga wieder. Das Spiel gegen Hoffenheim könnte das vorerst letzte Erstliga-Spiel vor ausverkauftem Haus gewesen sein. Also doch eins fürs Geschichtsbuch.

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