Thorsten Lachmann vor dem Café Extrablatt am Willy-Brandt-Platz: Mit einer flüchtigen Begegnung in Dortmund fing 1993 alles an. © Claeßen
Kneipen in Lünen

Die Seele leidet: Ein Spaziergang durch die Kneipengeschichte in Lünen

In 30 Jahren hat Getränkeverkäufer Thorsten Lachmann einiges erlebt. Beim Spaziergang spricht er über Bierfässer im Wohnzimmer, einen Fackelzug durchs Quartier und die Folgen des Lockdowns.

Die Maske ist für unseren Spaziergang Pflicht. Corona trifft uns heute doppelt hart – zum einen wird unser Streifzug durch die Lüner Innenstadt eine eher distanzierte Veranstaltung, zum anderen besteht aufgrund des Lockdowns auch keine Möglichkeit, bei den Lokalitäten einzukehren, über die der 57-Jährige Lüner eine ganze Menge erzählen kann.

Wobei, vielleicht ist es ganz gut, dass wir nicht an jedem Tresen anhalten. Sonst bestünde vermutlich ernsthafte Gefahr, dass wir unseren Spaziergang nicht zu Ende bringen können, weil wir vermutlich volltrunken in der Lippe landen würden – falls uns nicht vorher die Ordnungskräfte aus dem Verkehr ziehen. Denn Thorsten Lachmann kennt vermutlich jeden Zapfhahn in Lünen ganz genau – nicht, weil er Alkoholiker wäre, sondern weil er seit 30 Jahren als Getränkeverkäufer Lüner Gastronomen und Kneipiers betreut – 25 Jahre von als Mitarbeiter von Getränke Gefromm.

Die erste Frage lautet immer: „Wie geht‘s?“

Und in einer solchen Zeit lernt man seine Kunden natürlich kennen. „Man ist ja nicht nur Kaufmann, sondern nimmt auch am Leben der Wirte-Familien teil. Die Gespräche beginnen in der Regel erstmal mit der Frage: ,Wie geht‘s?‘ Und dann fängt man an zu erzählen“, sagt Lachmann.

Begonnen hatte alles Anfang der 1990er-Jahre, als er damals noch als Mitarbeiter der Dortmunder Union-Brauerei für das Verkaufsgebiet Lünen und Umgebung eingeteilt wurde. „Für mich war der rauhe, aber herzliche Umgang neu“, erinnert er sich an einen Wirt, bei dem er einen Kaffee bestellte: „Hier gibt es Bier, oder traust du deiner eigenen Suppe nicht?“, bekam er damals als Antwort. Die Tageszeit spielte dabei keine Rolle, wie Lachmann bei seinen Besuchen im Brauhaus Drei Linden erfuhr: „Bei Familie Plaver gab es morgens immer schon zur Begrüßung einen Becherovka, und im Wohnzimmer war stets ein Altbierfass im Anstich.“

2002 übernahmen Christiane und Frank Teschler das Brauhaus. „Frank hatte damals noch die Gaststätte ,Am Roggenmarkt‘. Als er ins Brauhaus Drei Linden umzog, veranstalteten wir einen Fackelzug von der alten Kneipe zur neuen“, erzählt Thorsten Lachmann, während wir die Strecke ablaufen – vorbei an den Restaurants „Da Dino“ und „Irodion“, mit denen er natürlich auch zu tun hat. „Mit Familie Tzes arbeite ich seit 1992 zusammen.“ In dem Jahr hatte er die meisten „Erstkontakte“ in Lünen, unter anderem mit Heinz Georg Walbaum von der Gaststätte „Zur Süggel“. Den traf er erstmals auf dem Oktoberfest in Lünen-Süd: „Zur Begrüßung erzählte er mir, dass er mit der Brauerei unzufrieden ist und uns rausschmeißt, wenn der Vertrag zu Ende ist.“ Das weckte den Ehrgeiz des jungen Kaufmannes – und es entstand eine langjährige Partnerschaft. „Leider sind die Eheleute 2018 viel zu früh verstorben.“

Besondere Begegnung in Dortmund

Das Oktoberfest in Lünen-Süd fand mit der Zeit immer weniger Anklang, irgendwann war es für die Interessengemeinschaft der Süder Kaufleute (IGS) nicht mehr zu finanzieren. „Leider“, sagt Thorsten Lachmann. „Die Rundgänge am Freitag nach dem Fassanstich waren legendär.“ Also musste eine neue Legende für Lünen-Süd her. Bei einem Neujahrsspaziergang mit Tobias Kurtz, einem befreundeten Veranstalter, entstand die Idee eines Festes im Preußenhafen. „Die Fläche war geeignet, und der Hafenkioskbetreiber war sofort begeistert.“ 2014 war Premiere, und Lachmann hofft, dass die Idee den pandemiebedingten Ausfall von 2020 übersteht. „Die Planungen für August 2021 laufen.“

2014 riefen Thorsten Lachmann (v.l.), Marleen Zimmermann, Rosel Haak und Tobias Klotz das Preußenhafenfest ins Leben.
2014 riefen Thorsten Lachmann (v.l.), Marleen Zimmermann, Rosel Haak und Tobias Klotz das Preußenhafenfest ins Leben. © Foto: Bernadette Winter © Foto: Bernadette Winter

1993 gab es in Dortmund eine flüchtige Begegnung, die für Lünen Folgen haben sollte: „Bei der Eröffnung des Café Extrablatt in Dortmund habe ich Herrn Wefers getroffen.“ Die Idee des Extrablattes war nach Lachmanns Meinung auch etwas für Lünen, doch es dauerte bis 1998, ehe sich Wefers und Lachmann ganz offiziell trafen. „Aber es gab noch keine geeignete Gastronomiefläche.“ Das änderte sich mit dem Bau des Technischen Rathauses, in dem ein Café vorgesehen war. Heute steht Thorsten Lachmann stolz vor dem Café Extrablatt am Markt und sagt: „Es ist auch ein bisschen mein Verdienst, dass wir das heute haben.“

Das gilt ebenfalls für die Lüner Kneipennacht, die 2019 ihre 15. Auflage feierte und 2020 ebenfalls der Pandemie zum Opfer fiel. „Unsere Kunden aus Unna hatten mir begeistert von den Kneipennächten dort erzählt.“ Also nahm Lachmann Kontakt zu Uwe Wortmann vom Kulturbüro auf, anschließend führte er Gespräche mit Frank Teschler und Christian Merten vom Extrablatt. Ergebnis: Im Oktober 2005 stieg die erste Lüner Kneipennacht. „Und vielleicht wieder im Oktober 2021, mal schauen“, sagt Thorsten Lachmann, während wir an der Dortmunder Straße 1 stehen bleiben.

Der Frühschoppen ist aus der Mode

Hier ist das Restaurant „Bella Italia“ zuhause. „1985 ist Antonio Rizzo hier reingekommen, vorher war es der Lüner Hof mit einer Schänke und einer Kegelbahn.“ In der Schänke ist mittlerweile ein Blumenladen, die Kegelbahn ist geschlossen. „Restaurants machen mittlerweile den größten Anteil bei Getränkebestellungen aus, die klassische Kneipe ist nicht mehr so gefragt.“ Laut Lachmann lag der Bierkonsum 1992 bundesweit bei 125 Litern pro Kopf, mittlerweile seien es weniger als 100 Liter.

„Es hat sich vieles geändert – vor allem das Ausgehverhalten der Leute.“ Während früher der Frühschoppen sonntags nach der Kirche selbstverständlich war und die Frauen ihre Männer zum Mittagessen aus der Kneipe zerren mussten, gebe es nun ein anderes Familien- und auch Gesundheitsbewusstsein. „Es werden deutlich mehr alkoholfreie als alkoholische Getränke abgenommen“, hat Lachmann in den vergangenen Jahren bemerkt.

Als er in Lünen anfing, waren seine Kunden in der Regel deutlich älter als er. „Heute ist das umgekehrt“, sagt er mit einem Schmunzeln. Seine Erfahrung hilft so manchem Gastronom weiter: „Es geht bei den Gesprächen ehrlich gesagt weniger um das Verkaufen, sondern um den Austausch von Marktinformationen, Beratung bei Verträgen oder auch Pachtvermittlung.“ In den 30 Jahren, die er nun schon die Gastronomie betreut, hätten es Wirtinnen und Wirte alles andere als leicht gehabt.

„Jetzt wissen wir, was fehlt“

Umso höher schätzt Lachmann die Leistung der Familien ein, die mehr als 20 und teilweise mehr als 30 Jahre ihre Betriebe führen. „Das Schöne ist, dass die Zusammenarbeit generationenübergreifend ist. Anfangs habe ich beispielsweise mit Karl-Heinz und Anette Westermann zusammengearbeitet, jetzt sind Tochter Anke Westermann und Manuel Kraas meine Geschäftspartner im Westermann‘s.“

Der Gastronom ist für Thorsten Lachmann der Schlüssel zum Erfolg: „Er ist Gastgeber, Entertainer, Zuhörer, Ideengeber, Visionär – kurzum: Er ist die Seele des Geschäfts.“ Was es bedeutet, wenn diese Seele abhanden kommt, erfahre man derzeit schmerzlich durch den Lockdown: „Jetzt wissen wir, was fehlt: Das Entspannen, das Genießen, das Verwöhnen und Bedienen lassen.“ Dass die Umsätze im Einzelhandel einbrechen, sei auch zu einem Teil den geschlossenen Gastronomien geschuldet: „Ein Bummeln durch die Stadt mit einem Kaffee oder einem Bier bei einem Gespräch mit netten Freunden fehlt. Niemand bleibt mehr zufällig in den Geschäften hängen.“

Bei aller Euphorie, mit der die digitale Entwicklung vorangetrieben wird, plädiert Thorsten Lachmann dafür, den Faktor Mensch nicht zu vergessen: Es bleibt viel zu viel auf der Strecke. Dabei zeigt der persönliche Kontakt doch auch die Wertschätzung eines Menschen.“ Wenn der Lockdown tatsächlich verlängert wird, rechnet Thorsten Lachmann fest damit, dass einige seiner Kunden verschwinden. „Und damit ein ganz wichtiges Element, um sich zu vergnügen und zu entspannen.“

Hier gab es Bier und mehr

  • Kolpinghaus jetzt Parkhaus des Marien-Krankenhauses;
  • Hänschen Angenehm/Cafe Lydia in der Persiluhrpassage, keine neue Nutzung;
  • Omis Schnapshaus, Gartenstrasse leerstehend, soll abgerissen werden;
  • Rimini, erster Italiener in Lünen am Tobiaspark;
  • Lippetor im Lippezentrum, jetzt städtisch genutzt;
  • Gaststätte Körwer, Lange Straße, jetzt Einzelhandel „Nanu Nana“;
  • Gaststätte Pumpe/Pasadena, Marktstraße, jetzt Eiscafé Dolomiti;
  • Gaststätte Türmchen, Franz-Gormann-Straße, jetzt Privatnutzung;
  • Gaststätte Prösterchen, Lange Straße, jetzt Einzelhandel Pieper;
  • Gaststätte Roggenmarkt, Roggenmarkt, jetzt Asia-Imbiss;
  • Gaststätte Krone, Roggenmarkt, jetzt Privatnutzung;
  • Gaststätte Alter Markt, Roggenmarkt, jetzt Einzelhandel;
  • Gaststätte Destille, Erweiterung des Restaurants Irodion;
  • Gaststätte Schüttstall, Mauerstraße, jetzt Privatnutzung;
  • Gaststätte Erdelbrauck, Lange Straße, jetzt Imbiss;
  • Restaurant Ackerbürger in der Silberstraße, jetzt Privatnutzung;
  • Dampfbierbahnhof, Im Engelbrauck.
Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
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Daniel Claeßen
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