Bei den überkreislichen Mannschaften sorgt die Saison-Annullierung für gemischte Gefühle. © Neumann
Fußball

Reaktionen zur Annullierung: „Wir hätten uns das stumpfe Laufengehen sparen können“

Die Fußball-Saison in Westfalen wird aus den Büchern gestrichen. Das steht seit Montag fest. Die Gewissheit eint die Kapitäne der heimischen Klubs in den überkreislichen Ligen - aber nicht die Erleichterung.

Nun steht es fest. Womit viele Vereine und ihre Verantwortlichen schon seit einigen Wochen gerechnet haben, ist nun eingetreten und offiziell durch den Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) verkündet worden: Die Amateurfußball-Saison 2020/21 in Westfalen wird nicht gewertet und komplett annulliert – mit Ausnahme der vergebenen Roten Karten.

Dass diese Entscheidung erst jetzt getroffen wurde, hat vor allem rechtliche Gründe. Solange wie es rechnerisch noch möglich war, 50 Prozent der Spiele pro Liga auszutragen, durfte die Saison nicht durch den FLVW annulliert werden. Das ist jetzt vorbei. Bei den Spielführern der überkreislichen heimischen Vereine herrscht der Tenor, dass die Entscheidung unumgänglich war. Trotzdem fallen die Reaktionen unterschiedlich aus.

SuS-Kapitän Timo Milcarek (am Ball) glaubt, dass eine Hinrunden-Wertung wieder für ordentlich Gesprächsstoff sorgen würde. © Palschinski © Palschinski

Timo Milcarek, Kapitän SuS Kaiserau: „Für mich ist das die absolut richtige Entscheidung. Ich finde es auch verständlich, dass der FLVW so lange gewartet hat. Wenn man aber realistisch ist, dann wussten sie selbst wohl auch schon seit Längerem, dass es mit der 50-Prozent-Wertung nichts mehr wird. Es wäre niemandem geholfen, wenn man jetzt noch versuchen würde, diese Hürde krampfhaft zu erreichen. Für den SuS ist die Entscheidung wegen der Tabellenkonstellation nicht von Nachteil. Trotzdem hätten wir natürlich gerne weitergespielt. Ich bin der Meinung, wir hätten den Klassenerhalt auch sportlich geschafft.“

Das lange Bein von Jonas Radix (RWU in Weiß) war nicht lang genug, um den Pass von SSV-Kapitän Jan Pfeffer (in Rot) zu verhindern. © Neumann © Neumann

Jan Pfeffer, Kapitän SSV Mühlhausen: „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für die Annullierung. Die Zahlen sind eindeutig. Ich kann die Entscheidung sehr gut nachvollziehen – auch, wenn es für uns besonders schade ist. So ein guter Saisonstart lässt sich nur schwer wiederholen. Ich hätte vielleicht noch die Möglichkeit gesehen, die jetzige Saison im Herbst weiterzuspielen. Die annullierte Saison war trotz alledem nicht für die Katz‘. Wir haben uns als Truppe gefunden und werden ganz bestimmt auch nächste Saison eine gute Rolle spielen.

Damian Marchewka (r.) fällt allein schon wegen seiner Größe von 2,03 Metern auf dem Fußballplatz auf. © Neumann © Neumann

Damian Marchewka, Kapitän Königsborner SV: „Richtig so! Viele andere Verbände in Deutschland haben die Annullierung schon lange offiziell verkündet. Da sollte meiner Meinung nach eine einheitliche Linie gefahren werden. Jetzt können die Mannschaften endlich für die neue Saison planen. Nicht nur die Senioren – auch die Junioren. Ich glaube, die Entscheidung kam etwas zu spät. Ich möchte da niemanden einen Vorwurf machen, schließlich hat die Politik ja auch immer mal wieder gelockert und dann die Regeln wieder verschärft. Klar, irgendwie ist es auch schade, denn wir waren von Beginn an gut dabei. Jetzt hoffe ich einfach, dass die nächste Saison normal abläuft und auch Zuschauer wieder dabei sein dürfen.“

Marco Köhler ist in Massen weiterhin als Spielertrainer gefragt. © Neumann © Neumann

Marco Köhler, Spielertrainer SG Massen: „Ich glaube, zu dem Thema gibt’s kaum zwei Meinungen. Die Annullierung ist vernünftig, schließlich gab es immer noch keine Aussichten, wann wir wieder trainieren können, ohne die Gesundheit aufs Spiel zu setzen. In den nächsten Wochen ist an Fußball nicht zu denken. Jetzt haben wir Planungssicherheit und genügend Zeit, um uns auf die neue Saison vorzubereiten. Ob die Verkündung zu spät kam, weiß ich nicht. Ich bin nicht in der Position, das zu bewerten. Wir machen jetzt auf jeden Fall einen Haken an die Saison. Nach fünf Spielen wäre es ohnehin schwierig gewesen, zu sagen, in welche Richtung es für uns geht.“

TSC-Kapitän Cengiz Duman (l.) nervt es, dass er seit einem halben Jahr nicht mehr seinem Hobby nachgehen kann. © Neumann © Neumann

Cengiz Duman, Kapitän TSC Kamen: „Es ist sehr schade, dass die Saison nicht gewertet wird, aber ich kann es auch gut verstehen und habe auch damit gerechnet. Trotzdem bin ich allmählich echt genervt. Ein halbes Jahr haben wir nicht mehr vernünftig Sport treiben können, das fehlt schon enorm. Die Gesundheit geht vor, klar. Die Zahlen schießen ja gerade wieder in die Höhe. Aber ich glaube auch, dass die Ansteckungsgefahr an der frischen Luft nicht wirklich groß ist. Die Mannschaft hatte richtig Bock auf die Bezirksliga. Wir haben uns schnell an die neue Klasse gewöhnt. Das Team in der neuen Saison wird aber noch mehr Potenzial haben.“

Aaron Logah (l.) ist Kapitän der Holzwickeder Reserve. Er hätte es gut gefunden, wenn die Saison eher annulliert worden wäre. © Michael Neumann © Michael Neumann

Aaron Logah, Kapitän Holzwickeder SC II: „Ich find’s ehrlich gesagt gut, die Saison zu annullieren. Die verbleibenden Spiele, um die 50 Prozent zu erreichen, wären viel zu anstrengend geworden. Der FLVW hätte die Entscheidung ruhig ein paar Wochen eher treffen können, dann hätte man sich das stumpfe Laufengehen sparen können. Andererseits hatten viele noch die Hoffnung, dass es weitergehen kann. Auch wir, denn ich glaube, wir hätten es noch geschafft, die Klasse sportlich zu halten. Trotzdem habe ich mit dieser Entscheidung gerechnet. Die Zahlen müssen jetzt runtergehen. Niemand will, dass noch mehr Menschen sterben.“

Über den Autor
Volontär
Jahrgang 1992. Geboren und aufgewachsen in Unna. Kennt den Kreis Unna wie seine Westentasche, hat in seinem Leben aber noch nie eine Weste getragen. Wollte schon als Kind Sportreporter werden und schreibt seit 2019 für Lensing Media über lokale Themen - auch über die Kreisgrenzen hinaus.
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Marcel Schürmann
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