So unterschiedlich kann die Risikobewertung sein: Oben ein Bild von der konstituierenden Kreistagssitzung am 2. November 2020 in der Stadthalle Unna, unten ein Bild von der Kreistagssitzung am 9. November 2021. Vor einem Jahr zog die Zahl der Neuinfektionen spürbar an – und mit ihr die 7-Tage-Inzidenz auf 176,25. An diesem Donnerstag gab das RKI die Inzidenz für den Kreis Unna mit 121,7 an. © Alexander Heine
Coronavirus

Ein Jahr, zwei Corona-Welten: Die Gesellschaft ist sorgloser geworden

Vor einem Jahr führten steigende Infektionszahlen zu massiven Einschränkungen. Jetzt reagieren Bund und Länder eher behäbig – und die Gesellschaft vergleichsweise sorglos.

Die Pandemie entwickelt sich mit zunehmender Dramatik. Politisch waren die Reaktionen darauf von Bund und Land zuletzt jedoch vergleichsweise verhalten. Vielmehr vermittelten umfangreiche Lockerungen fast schon den Eindruck, die Pandemie sei vorbei. Das sorgt zunehmend für Unbehagen.

Coronavirus: Präsenzsitzungen sorgen wieder für Unbehagen

Sascha Kudella (SPD) ist Kommunalpolitiker und als solcher Mitglied des Kreistags. Vor allem aber ist er Mensch und Familienvater. Er brachte seine ganz persönliche Gefühlslage zum Ausdruck, als er am Mittwoch (10. November) fragte: „Macht es wirklich Sinn, dass wir uns treffen?“

Eine freilich rhetorische Frage, die er an seine Mitstreiter im Gesundheitsausschuss richtete; auch mit Verweis auf die Kreistagssitzung tags zuvor.

Sascha Kudella aus Schwerte ist gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion.
Sascha Kudella aus Schwerte ist gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion. © SPD / Archiv © SPD / Archiv

Im Gespräch mit dieser Redaktion erläuterte der Schwerter: „Das ist gar nicht nur ein Fingerzeig auf uns selbst gewesen. Aber ich meine schon landauf, landab zu erkennen, dass eine gewisse Desensibilisierung stattgefunden hat und man für viele Sachverhalte nicht mehr so sensibel ist, wie noch vor einiger Zeit.“

Er habe niemanden rügen wollen, betonte Kudella. „Ich wollte einfach mal zum Nachdenken anregen und an die Vorbildfunktion der kleinen und insbesondere großen Politik appellieren.“ Es war auch keine SPD-Meinung, die er zum Ausdruck brachte. Es war seine eigene, ganz persönliche. „Und ich hatte nach der Ausschusssitzung den Eindruck, dass viele sich ähnliche Fragen stellen.“

„Aber ich meine schon landauf, landab zu erkennen, dass eine gewisse Desensibilisierung stattgefunden hat […].“

Sascha Kudella (SPD)

Der Kreistag am Dienstag (9. November) tagte in voller Stärke. Bis auf wenige Ausnahmen verzichteten die allermeisten auf das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes. Die Ausschussmitglieder am Mittwoch konnten schon mehr Abstand wahren – allerdings hörten sie über mehr als zwei Stunden zwar durchaus wichtige Vorträge, die man in dieser Form aber vielleicht auch hätte digital halten können.

Kudella: Kein „Weiter so“

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der tendenziell zu lasche Umgang mit der Pandemie ist kein Problem von Kreistag oder Kommunalpolitik, sondern vielmehr ein gesamtgesellschaftliches; auch, weil zuletzt die entsprechenden Botschaften aus Landes- und Bundespolitik gekommen sind.

Auch Sascha Kudella fragt sich: „Wenn eine Landesregierung hergeht und die Maskenpflicht in der Schule abschafft – was ist das für ein Signal?“, verwies er im Gespräch mit dieser Redaktion auf Landesteile mit Inzidenzen von über 500. „Ich habe einfach die Befürchtung, dass das auch hier ankommen wird, wenn alle so weiter machen wie bisher.“

Vor einem Jahr haben steigende Infektionszahlen auch Einfluss auf die Kommunalpolitik gehabt. Der Kreistag etwa konstituierte sich nach der Kommunalwahl in der Stadthalle Unna, wo für alle Kreistagsmitglieder trotz ausreichendem Abstand eine Maskenpflicht galt.

Sicher, inzwischen sind alle Kreistagsmitglieder vollständig geimpft. Hundertprozentigen Schutz bietet die Impfung aber bekanntlich auch nicht. Kudella machte deshalb am Mittwoch im Ausschuss klar: „Ich würde mich sehr freuen, wenn die Impulse in die Fraktionen aus diesem Ausschuss heraus kamen.“ Aus dem Ausschuss, dessen Kernthema Gesundheit ist…

Über den Autor
stv. Chefredakteur
Jahrgang 1985, verliebt in seine Heimat am nördlichsten Bogen der Ruhr. Geselliger Vereinsmensch mit vielseitigen Interessen. Im Job brennt er vor allem für politische und menschelnde Storys. Seit 2010 beim Hellweger.
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Alexander Heine

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