Heidrun Witte (l.) aus Bergkamen und Svetla Mitewa aus Kamen sind verärgert darüber, dass die Wartenden zunächst nicht darüber informiert wurden, ob sie noch an die Reihe kommen. © Udo Hennes
Impfaktion in Kamen

„Wir erfrieren hier draußen“: Impfaktion in Kamen läuft aus dem Ruder

Viele Menschen wollten sich am Sonntag bei einer Impfaktion des Kreises gegen das Coronavirus impfen lassen. Die Stimmung war gereizt, weil die Menschen zeitweise nicht wussten, ob sie noch drankommen.

Heidrun Witte aus Bergkamen versucht herauszubekommen, ob sie und ihr Mann noch eine Chance auf eine Impfdosis haben. Sie ist vorgelaufen, während ihr Mann noch in der langen Menschenschlange an der Poststraße steht, die bis zum Kreisverkehr reicht, um den Platz zu sichern.

Das Ehepaar möchte sich am Sonntag die Booster-Impfung im Jugendkulturcafé (JKC) abholen, wo das Impfteam des Kreises Unna gegen das Coronavirus impft. Um 10 Uhr waren die beiden vor Ort, nach 12 Uhr stehen vor ihnen noch etliche Menschen. Ich habe gehört, dass es noch 150 Impfdosen gibt. Wir hoffen, dass wir noch dabei sind“, sagt Witte. Die Information habe sie von jemandem, der bereits geimpft wurde.

Nicht nur Witte wartet auf Informationen von offizieller Seite, während sich hinten an der Schlange mehr und mehr Menschen anstellen, die ebenso ratlos sind und sich fragen, ob sie überhaupt eine Chance haben. Einige steigen gleich wieder ins Auto.

Impfwillige beschweren sich über fehlende Informationen

„Es ist doch nicht zu viel verlangt, uns zu informieren. Wir erfrieren hier draußen. Das ist eine Unverschämtheit“, sagt Witte. Es hätte doch gleich morgens jemand die Menschen abzählen können, die sicher noch eine Impfung bekommen – und den Rest nach Hause schicken.

Lange Schlangen und Ungeduld bei einer Impfaktion des Kreises in Kamen an der Poststraße. Die Polizei informierte irgendwann die Wartenden. © Udo Hennes © Udo Hennes

Witte ist nicht die einzige, die ihrem Unmut Luft macht. Es werde überholt und das sei unfair, schimpft eine Kamenerin, deren Tochter seit Stunden auf ihre erste Impfung wartet. „Es sollten doch die zuerst geimpft werden, die noch gar nicht geimpft sind“, so die Kamenerin. Sie selbst sei durchgeimpft, ihre Tochter habe leider bis jetzt gewartet. Dass niemand kontrolliert, ob die Reihenfolge eingehalten wird, macht sie sichtlich wütend.

Ein anderer Wartender will sogar beobachtet haben, wie es am Eingang des JKC Streit und Gedränge gegeben habe. Es habe sich kurzzeitig sogar eine zweite Schlange gebildet. „Es haben sich viele vorgedrängelt“, sagt auch Güray Öztürk. Der Kamener Krankenpfleger ist bereits durchgeimpft, wartet mit seinem Schwiegervater auf dessen Piks.

Impfwillige stellen sich trotz langer Schlange an

Ein paar Meter weiter steht Thomas Zaliwski aus Bergkamen mit einer Gruppe. Er hat gehört, dass die ersten sich schon um 8.30 Uhr angestellt hätten. Er selbst wartet seit 10 Uhr und hofft, noch an die Reihe zu kommen. „Es wurde heute Morgen gesagt, dass nach 14 Uhr nichts mehr geimpft wird. Aber die Menschen hinten wissen das nicht.“

Das sollte sich gegen Mittag endlich ändern, als die Polizei dazu kam. Zwei Beamte ließen sich beim Impfteam über die noch übrigen Impfdosen aufklären und informierten die Menschen, die weiter hinten standen, dass für sie leider nicht mehr genug Impfstoff da sei. Sie könnten nach Hause gehen.

Daria Molas und Mirek Pietraszuk aus Schwerte sowie Thomas Zaliwski und Dennis Senne aus Bergkamen (v.l.) holten sich am Sonntag ihre erste Impfung ab. Sie brachten warme Getränke mit, andere hatten sogar Stühle dabei. © Udo Hennes © Udo Hennes

Die Schlange wurde dann zwar kürzer, aber nicht alle, die keine Impfung mehr abbekommen würden, gingen. Es sei häufig so, dass die Menschen sich von langen Warteschlangen nicht abhalten ließen, erklärt Kreissprecher Volker Meier. Bei Impfangeboten ohne Termin, wie jetzt am Sonntag, komme es leider häufig zu solchen Situationen und langen Schlangen. Nicht nur im Kreis Unna. „Das ist ein großes Problem.“

Das Impfteam versuche, die Wartenden zu informieren, sei aber auch sehr mit dem Impfen beschäftigt. In Unna habe man es auch schon mit Kärtchen versucht, die an jene verteilt wurden, für die noch genug Impfstoff vorhanden ist. „Die Menschen haben sich trotzdem angestellt“, so Meier. Viele würden die langen Schlangen nicht abschrecken, die Menschen hätte riesige Erwartungshaltungen.

Wohl um einen möglichen Ansturm wissend, war Sonntag zur Unterstützung auch die Bundeswehr vor Ort. Letztendlich war es aber die Polizei, die Klarheit schaffte und den Wartenden sagte, wie viele Dosen es noch gibt. Danach behielten Beamte in zwei Streifenwagen beide Enden der Schlange im Blick.

Freie Impftermine auf der Seite des Kreises Unna

„Man merkt, dass Druck im System ist. Das kann nur dahin gehen, weitere Impfmöglichkeiten zu schaffen, auf allen Ebenen“, sagt Kamens Stadtsprecher Peter Büttner zu der Impfaktion des Kreises. Dass jetzt alle geimpft werden möchten, hänge sicherlich auch mit der neuen Variante zusammen, die kürzlich entdeckt wurde.

In der Stadthalle in Kamen verlief das Impfen am Samstag ohne Stress und reibungslos. Die Menschen, die hier geimpft wurden, hatten einen Termin. Bürgermeisterin Elke Kappen zeigte sich dankbar, dass viele Rathaus-Mitarbeiter kurzfristig ehrenamtlich geholfen haben. © Udo Hennes © Udo Hennes

Doch es muss nicht immer so chaotisch laufen. Das zeigt die Impfaktion, die die Stadt Kamen am Samstag in der Stadthalle organisiert hat. 758 Menschen wurden in fünf Impfstraßen von einem Ärzteteam aus Dortmund geimpft. Mitarbeiter der Stadt haben kurzfristig f mitgeholfen, damit alles glatt lief.

Ein Grund, dass alles so gut geklappt hat, war laut Büttner die Erfahrung und die Routine. Es hängt aber sicherlich auch damit zusammen, dass die Impflinge Termine hatten. Zunächst kamen jene, die im Frühjahr schon in der Stadthalle geimpft wurden und dann Menschen, die über den Kreis Unna einen Termin vereinbart haben.

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
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Claudia Pott

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