Die Virus-Krise erschwert den Wahlkampf. Vor der Kommunalwahl am 13. September suchen die Parteien nach Wegen, wie sie die Wähler erreichen, sowohl digital als auch über klassische Formate.

Kamen

, 05.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wahlkampf in Corona-Zeiten. Wenige Wochen vor der Wahl fällt der Auftakt vor der Kommunalwahl am Sonntag, 13. September, eher bescheiden aus. Corona macht es auch für die Parteien schwierig, sich Gehör zu verschaffen. Die Parteien und Wählergemeinschaften setzen verstärkt auf digitale Angebote, wollen aber auch nicht ganz auf den klassischen Weg, das Wahlvolk anzusprechen, verzichten. Die Kamener Lokalpolitiker schildern im Gespräch mit unserer Redaktion, wie sie nun die Wähler für sich gewinnen wollen.

Denis Aschhoff, SPD-Stadtverbandsvorsitzender, geht mit seiner Partei in den Wahlkampf: „Wer nicht zeigt, dass er sich bemüht, hat keine Chance.“

Denis Aschhoff, SPD-Stadtverbandsvorsitzender, geht mit seiner Partei in den Wahlkampf: „Wer nicht zeigt, dass er sich bemüht, hat keine Chance.“ © Stefan Milk

SPD sucht Nähe: „Es zählt auch der Nasenfaktor“

Die letzten vier bis fünf Samstage vor der Wahl sind in der Regel feste Termine im Wahlkampf-Kalender, um die Infostände in der Fußgängerzone in Position zu bringen. Mit dabei ist die SPD, auch wenn es in der Virus-Krise Einschränkungen gibt. „Für alle Parteien ist es gleich schwierig“, sagt SPD-Stadtverbandsvorsitzender Denis Aschhoff. „Ein normaler Wahlkampf wird nicht möglich sein.“

An den Infoständen gilt Abstand halten, Wahlmaterial soll nicht persönlich überreicht werden. „Wir werden es über ein Ständersystem vorhalten oder auslegen“, schildert Aschhoff die Überlegung. Zwiespältig sei der Haustür-Wahlkampf. Aschhoff: „Besuche mit Gesichtsmaske und in ausreichender Entfernung? Die Frage ist, wie nimmt das der Bürger wahr und wem nutzt es dann noch?“ Die SPD will jedem Kandidaten die Entscheidung selbst überlassen. Fest stehe, so Aschhoff: Im Digital-Wahlkampf könne man zwar etwas bewirken, aber keine Wahl gewinnen. „Es zählt auch der persönliche Kontakt, es zählt auch der Nasenfaktor.“

Ralf Eisenhardt hält es für möglich, an den Infoständen ausreichend Abstand zu halten. „Wir singen ja auch keine Lieder.“

Ralf Eisenhardt hält es für möglich, an den Infoständen ausreichend Abstand zu halten. „Wir singen ja auch keine Lieder.“ © CDU Kamen

CDU am Infostand: „Wir singen ja auch keine Lieder“

Auch die CDU sieht keine andere Möglichkeit, als den Wahlkampf in eingeschränkter Form durchzuführen. „Welche Alternativen haben wir denn? Wir müssen alle zusammen versuchen, das Virus einzudämmen“, so Fraktionsvorsitzender Ralf Eisenhardt.

Dennoch sei es wichtig, nun auch mit dem Wahlkampf anzufangen, um seine Positionen deutlich zu machen. Wie an den klassischen Infoständen. „Dort kann man sich gut unterhalten, durch den Tisch hält man automatisch ausreichend Abstand“, so Eisenhardt. „Wir singen ja auch keine Lieder.“

Stände gibt es in der Kamener Fußgängerzone und an anderen Standorten in den Stadtteilen wie auf dem Rewe-Parkplatz in Methler. Auftakt ist am Freitag, 14. August, 15 bis 18 Uhr in Heeren-Werve auf dem neu gestalteten Platz vor der Volksbank.

Auch ein Haustür-Wahlkampf ist geplant. Mit Maske und Abstand. „Wir werden das Gespräch suchen, und das ist, falls die Situation so bleibt, auch gut zu vertreten“, so Eisenhardt.

Andreas Dörlemann von den Bündnisgrünen hält Haustür-Wahlkampf in Zeiten von Corona für unangemessen. „Die Leute sind nicht grundlos im Home-Office.“

Andreas Dörlemann von den Bündnisgrünen hält Haustür-Wahlkampf in Zeiten von Corona für unangemessen. „Die Leute sind nicht grundlos im Home-Office.“ © Grüne

Grüne ohne Hausbesuch: „Menschen nicht grundlos im Home-Office“

„So eine Situation hatten wir noch nie“, sagt Andreas Dörlemann, Sprecher von Bündnis90/Die Grünen. Die Partei plant mit vier Terminen für Wahlstände an den Samstagen vor der Wahl, „ohne Give-Aways und In-den-Arm-nehmen“, sagt er. Die Vorbereitungen auf den Wahlkampf seien schwierig, weil es kaum persönliche Treffen gebe und die Kommunikation zu 99 Prozent über Videokonferenzen im Internet laufe. Deswegen wird der Wahlkampf der Bündnisgrünen dieses Jahr deutlich digitaler, geführt auch über Facebook, Instagram, Twitter und die digitalen Angebote unserer Redaktion.

Auf Hausbesuche will die Partei verzichten. Dörlemann: „Man könnte das vielleicht im Vorgarten auf Abstand tun. Aber ob das so gut ankommt, das glaube ich nicht. Viele Menschen sind nicht grundlos im Home-Office, die einen Besuch dann vielleicht als unangemessen empfinden.“ Trotz Corona ist sich Dörlemann sicher, dass sich die Menschen auch für konkrete politische Themen interessieren: „Das Thema Klimaschutz ist ja nicht vom Tisch, nur weil wir einen Sommer haben, der nicht so heiß ist.“

Klaus-Dieter Grosch von der Fraktion „Die Linke/GAL“ hält es für besser, auf Wahlkampf an der Haustür zu verzichten. „Ich glaube nicht, dass das geboten ist“, sagt er.

Klaus-Dieter Grosch von der Fraktion „Die Linke/GAL“ hält es für besser, auf Wahlkampf an der Haustür zu verzichten. „Ich glaube nicht, dass das geboten ist“, sagt er. © Privat

Die Linke: Bald wieder Platz für andere Themen

Auch die Parteien Die Linke und GAL, die bei der Wahl unter dem Label „Die Linke“ antritt, wird auf den Haustür-Wahlkampf verzichten, wie Fraktionsvorsitzender Klaus Dieter Grosch informiert. „Ich glaube nicht, dass das geboten ist. Wenn die Bürger auf uns zukommen oder es sich zufällig ein Gespräch ergibt, dann ist es okay. Einen Klingel-Wahlkampf gibt es bei uns nicht.“ Derlei Gespräche könnten sich ergeben, wenn das Wahlprogramm in die Briefkästen geworfen werde. „Wir halten uns dabei an die Abstandsregel und haben immer Masken dabei.“

Den Schutz vor Corona habe man auch bisher sehr ernst genommen, auch bei Wahlkampf-Treffen, immer in anderen Gärten. Grosch: „Bei dem Wetter konnte man das auch ganz gut machen.“ Für die Oppositionsparteien sei es eine schwierige Zeit, weil man durch Corona kaum durchdringen könne. „Man sieht ja, dass die Umfragewerte für die Parteien, die Politik gestalten, sehr hoch sind – und dort hat man es auch ganz gut gemacht“, spielt er auf die Bundespolitik an. Grosch hofft aber, dass bald auch wieder Platz für eigene Themen ist. „Es wird bald wieder besser.“

Alfred Mallitzky schwebt in Corona-Zeiten eine Infostand-Aktion mit Seifenpäckchen vor unter dem Titel: „Immer sauber bleiben“.

Alfred Mallitzky schwebt in Corona-Zeiten eine Infostand-Aktion mit Seifenpäckchen vor unter dem Titel: „Immer sauber bleiben“. © Privat

FDP an Infostand mit Seifen-Idee: Immer sauber bleiben

Keine Kugelschreiber und anderlei Wahlkampf-Geschenke an den Infoständen. „So etwas wird nicht möglich sein“, sagt Alfred Mallitzky, Stadtverbandsvorsitzender der FDP. „Und die Menschen mit einer Maske anzusprechen, das ist nicht so nett.“ Die FDP wolle dennoch Akzente setzen – auch an Infoständen, möglicherweise mit kleinen Säckchen, angereicht auf einem Tablett, gefüllt nicht nur mit Info-Material, sondern auch einem Stück Seife, auf dem passend zu Corona-Zeiten steht: Immer sauber bleiben. „Das können sich Interessierte dann selbst herunter nehmen“, so Mallitzky. Zudem, so das Vorhaben, sollen in jedem Wahlbezirk Flyer verteilt werden. Ein Haustür-Wahlkampf komme eher nicht infrage, die Entscheidung könne aber jeder Kandidat selbst fällen. „Wir FDP-Leute haben damit sowieso nicht die besten Erfahrungen und schon schroffe Ablehnung erfahren“, so Mallitzky. Das sei aber schon lange her – als in Bergkamen in der Bergbau-Krise Möllemann-Puppen verbrannt wurden.

Helmut Stalz hat Termine für Infostände der Freien Wähler beantragt, weiß aber auch, dass sich die Situation jederzeit wieder verändern kann.

Helmut Stalz hat Termine für Infostände der Freien Wähler beantragt, weiß aber auch, dass sich die Situation jederzeit wieder verändern kann. © Privat

Freie Wähler: „Das Leben spielt sich nicht in Berlin ab“

Auch die Freien Wähler haben schon vor einiger Zeit Termine für Infostände an vier Samstagen vor der Wahl beantragt, immer mit der Ungewissheit, ob sie denn durchzuführen sind. „Wir sind vorbereitet. Und wenn es dann nicht geht, dann geht es eben nicht“, so Vorsitzender Helmut Stalz.

Deswegen setze man verstärkt auch auf digitale Medien, wie Facebook und auch die Videoclips unserer Redaktion, auch die Internetseite der Partei erhalte einen neuen Look. Ob man potenziellen Wählern auch einen Besuch an der Haustür abstatte, hänge letztlich von der aktuellen Corona-Situation ab. „Mit Mund-Nasenschutz ist das etwas schwierig. Natürlich kann man etwas sagen, aber die Atmosphäre ist eine andere“, sagt er. Flyer in die Briefkästen einzuwerfen, sei machbar, einen Kugelschreiber zu überreichen eher weniger. „Da muss man schon sensibel sein.“

Dass die Partei in der Virus-Krise auch mit ihren Inhalten landen könne, darüber macht er sich keine Sorgen: „Das Leben spielt sich ja nicht nur in Berlin und Düsseldorf ab.“

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Die AfD, die in Kamen in acht Wahlkreisen antreten wird, war bis Redaktionsschluss nicht erreichbar bzw. meldete sich auf eine Anfrage nicht zurück.

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