Lara Brix (l.) und Frank Dreher in der Stadthalle, wo ca. 90 Einzeltische auf die nächste Veranstaltung vorbereitet wurden. Vor allem Firmen und kommunale Gremien treffen sich auf Abstand. © Stefan Milk
Kultur in Kamen

Umsatzeinbruch in der Stadthalle: Aber die Abi-Bälle sind noch nicht abgesagt

Abgesagte Veranstaltungen, heftige Umsatzverluste und Kopfschütteln über den Allesdichtmachen-Vorstoß. Die Stadthalle macht zwar viel, aber längst nicht alles dicht. Und eine Hoffnung bleibt.

Frank Dreher muss schon etwas länger überlegen, wann zum letzten Mal Kultur in der Kamener Stadthalle war. „Es war wohl im Oktober 2019, als Christian Anders auftrat“, sagt der Geschäftsführer des großen Veranstaltungssaals direkt neben dem Rathaus.

Anderthalb Jahre sind vergangen. „Seitdem planen wir nur, um gleich wieder abzusagen“, sagt er und runzelt kritisch die Stirn. Die Corona-Pandemie hat das Flaggschiff der Kamener Kultur und Veranstaltungsszene mit voller Breitseite erwischt. Der Umsatz ist in 2020 im Vergleich zum Vorjahr um über 80 Prozent eingebrochen. „In diesem Jahr wird es nicht besser“, so Dreher.

Der Kreistag nutzte die Stadthalle als Tagungsort. Im Juni ist eine weitere Sitzung der Kreistagspolitiker geplant.
Der Kreistag nutzte die Stadthalle als Tagungsort. Im Juni ist eine weitere Sitzung der Kreistagspolitiker geplant. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Luca-App und Abi-Bälle

Zusammen mit Veranstaltungsplanerin Lara Brix bastelt er jetzt an der Stadthallen-Zukunft. Ein Bestandteil ist die Luca-App, die Ende voriger Woche aktiviert wurde. „Ein weiterer Pluspunkt für uns“, so Dreher. Die App für die papierlose Kontaktnachverfolgung ist ab sofort nutzbar. Denn ganz ohne Veranstaltungen ist die Stadthalle auch in tiefster Pandemie nicht. „Von Gremiensitzungen über Betriebs- und Personalversammlungen bis zum Kreistag“, schildert Brix. Auch als Impfzentrum wurde es an einigen Wochenenden genutzt. In dem 840 Quadratmeter großen Saal sind nach aktuellen Verordnungen bis zu 150 Besucher zulässig. Womöglich auch zu bevorstehenden Abi-Bällen. Fünf sind für Juni gebucht. „Abgesagt wurden sie noch nicht“, so Brix.

Blick auf die vier Impfstraßen am Freitag (26.3) in der Stadthalle Kamen.
Blick auf die vier Impfstraßen am Freitag in der Stadthalle Kamen. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Mitarbeiter in Kurzarbeit, Aushilfskräfte abgetaucht

Die Prognose, ob diese stattfinden können, fällt genauso schwer wie für alle anderen Veranstaltungen, für die jetzt Pläne geschmiedet werden. Die acht Mitarbeiter sind in 50-Prozent-Kurzarbeit. Ob das Aushilfspersonal, mit dem Großveranstaltungen wie das Straßenmusikfest unter der Hochstraße gewuppt wird, kurzfristig zu reaktivieren wäre, bezweifelt Dreher. „Das sind 40 Kräfte, die sich jetzt teilweise schon etwas anderes gesucht haben – vom Supermarkt bis zur Logistik.“ Dass es diese Kräfte, für die er keine Beschäftigung hat, schwer haben, ist Dreher bewusst. Den Vorstoß deutscher Schauspieler, die mit umstrittenen Aussagen unter dem Hashtag „Allesdichtmachen“ auf die unbefriedigende Situation der Kulturtreibenden aufmerksam machten, findet er aber nicht gut. „Da ist man übers Ziel hinausgeschossen.“

Die Schlagerparty war im Jahr 2019 eine der letzten Großveranstaltungen in der Stadthalle. Es ist ungewiss, wann es solche Events mit so viel Publikum geben kann.
Die Schlagerparty war im Jahr 2019 eine der letzten Großveranstaltungen in der Stadthalle. Es ist ungewiss, wann es solche Events mit so viel Publikum wieder geben kann. © Niklas Mallitzky © Niklas Mallitzky

Kritik an der „Allesdichtmachen“-Initiative

Dreher ist nicht nur Stadthallen-Geschäftsführer, sondern auch Feuerwehrmann und kennt die Corona-Krise auch von dieser Seite. „Es geht oft um Leben und Tod. Dass man sich auf diese Art über die Situation lustig macht, ist nicht das richtige Mittel. Auch wenn man verstehen kann, dass sie auf ihre Lage aufmerksam machen wollen.“ Wann es wieder mehr Raum für Kultur gibt, will Dreher nicht prognostizieren. „Vielleicht schon bald für Getestete, Geimpfte und Schlussgeimpfte? Hat man dann eine Zwei-Klassen-Gesellschaft? Das ist alles sehr schwierig“, benennt er Probleme.

In der Krise fällt die Bilanz besser aus

Und so geht er davon aus, dass die Kultur noch einige Zeit im Lockdown bleiben wird. Wirtschaftlich über Wasser halten konnte sich die Stadthalle mit staatlichen Hilfen, von denen auch kommunale Betriebe eingeschränkt profitierten. Dreher konnte die November- und Dezemberhilfe aktivieren, was allerdings lange nicht sicher war. „Ja, wir sind auch insolvenzfähig – und das schien zeitweise nicht unmöglich.“ Jetzt aber fällt die Bilanz fürs vorige Jahr wirtschaftlich besser aus als in manchen Jahren ohne Corona, wo der Zuschussbedarf bei jährlich etwa 300.000 Euro liegt. Die genauen Zahlen errechnet Dreher zurzeit für den Jahresbericht, der noch nicht öffentlich ist. „Auch wenn wir jetzt besser dastehen – in dieser Situation möchte ich das trotzdem nicht als gut bezeichnen.“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke
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