Silke Fischbach kämpft um ihre Reitschule am Siegeroth in Südkamen. Die Stadt Kamen hat den Betrieb ihrer Shetty-Ranch untersagt. © Marcel Drawe
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Stadt schließt beliebte Pony-Ranch – Besitzerin zieht vor Gericht

Kein Pferdegetrappel mehr auf der Pony-Ranch in Südkamen. Die Stadt Kamen untersagt den Betrieb auf der Wiese am Rande der Stadt. Für Reitpädagogin Silke Fischbach beginnt ein Überlebenskampf.

Reitstunden, Ponyspiele und tierisch gute Kindergeburtstage, bei denen die langmähnigen Ponys – kreativ mit Haarkreide bemalt – der Villa Kunterbunt entsprungen sein könnten. Auf der Shetty-Ranch in Südkamen werden Kinderträume wahr. Mit 18 Pferden, zwei Ziegen, sechs Hühnern und drei Hunden sind die Besucher mittendrin im wuseligen Tier- und Landleben, genauer: sie waren es.

Seit Anfang April ist es vorbei mit dem nachgefragten Angebot. Die Stadt Kamen hat den Betrieb von Reitlehrerin Silke Fischbach-Beckmann untersagt. Die 45-Jährige setzt jetzt einen Hilferuf ab.

Ein Leben für die Pferde

Für Silke Fischbach ist das Reiten Leidenschaft. Seitdem sie zehn Jahre alt ist, hat sie diese Passion nicht mehr losgelassen. Es folgen 35 Jahre, in denen sie Turniere bestritt, Dressur ritt, junge Pferde ausbildete und sich schließlich selbst zur Reitpädagogin ausbilden ließ. „Es geht nicht mehr ohne Pferde“, sagt sie – und ihr Blick schweift über das zwei Hektar große Gelände, das sie für ihre Reitschule vor rund zwei Jahren gepachtet hat. Abwerfen tut der Betrieb nichts. Fischbach arbeitet Vollzeit bei der Deutschen Bahn. „Die Ranch habe ich eher ehrenamtlich betrieben, unterstützt von zahlreichen Helfern.“

Ziege Zottel ist neugierig. Sie ist eines von über zwei Dutzend Tieren, die auf dem zwei Hektar großen Grundstück in Südkamen leben.
Ziege Zottel ist neugierig. Sie ist eines von über zwei Dutzend Tieren, die auf dem zwei Hektar großen Grundstück in Südkamen leben. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Lieber Wohneigentum verkauft als die Pferde aufgegeben

Sie hat etwa 50 Reitschüler, bietet Reitbeteiligungen an und lässt unter Aufsicht über Landwege traben. Zumindest bis vor kurzem. „Jetzt bleiben nur noch die Kosten“, klagt sie. Etwa 4000 Euro, die sie monatlich für Futter, Tierärzte, Hufschmied und Pacht aufbringen muss. „Ich habe meine Eigentumswohnung und ein Reihenmittelhaus verkauft, damit ich meine Tiere über Wasser halten kann.“ Über Paypal hat sie ein Spendenkonto eingerichtet, das auch über die Website „www.facebook.com/Shettyparty“ erreichbar ist. 1000 Euro sind dort bisher eingegangen. Zudem hat sie Klage gegen die Stadt Kamen eingereicht vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Ihr Mindestziel: „Dem Kind einen anderen Namen geben – beispielsweise als Verein.“

Emily ist traurig, dass sie die Pony-Ranch nicht mehr besuchen darf. In für Kinder schwierigen Corona-Zeiten hat sie einen Ausgleich und eine Aufgabe gefunden.
Emily ist traurig, dass sie die Pony-Ranch nicht mehr besuchen darf. In für Kinder schwierigen Corona-Zeiten hat sie einen Ausgleich und eine Aufgabe gefunden. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Stadt Kamen sieht Urteilsverkündung gelassen entgegen

Ein Wunsch, der nicht in Erfüllung gehen wird, wenn es nach der Stadtverwaltung geht. „Die Stadt Kamen war verpflichtet, die Nutzung des Betriebes zu untersagen, weil sie illegal ist und vollständig gegen geltendes Bau- und Planungsrecht verstößt“, so Stadtsprecher Peter Büttner auf Anfrage.

Es habe darüber hinaus zum Teil massive Beschwerden aus der Anwohnerschaft gegeben. Man sehe deswegen dem Urteil des Verwaltungsgerichtes gelassen entgegen. „Wir gehen davon aus, dass das Gericht die rechtliche Bewertung der Stadt Kamen als Bauaufsichtsbehörde teilt und die erlassene Nutzungsuntersagung des Betriebes bestätigt.“

Auch Emma fühlt sich offenbar pudelwohl auf der Shetty-Ranch in Nachbarschaft der vielen anderen Tiere.
Auch Emma fühlt sich offenbar pudelwohl auf der Shetty-Ranch in Nachbarschaft der vielen anderen Tiere. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Bußgeld über 7500 Euro angedroht

Die Stadt, berichtet die Reitlehrerin, habe wegen der illegalen Nutzung bereits ein Bußgeld von 200 Euro verhängt. „Und eine Androhung von 7500 Euro bei einem weiteren Verstoß.“ Sie bestätigt, dass es Beschwerden von Anwohnern gegeben habe.

Unter anderem, weil an der Straße am Siegeroth geparkt wurde – vor allem, als sie ein Ferienspaß-Angebot organisiert hatte. Auch Vorwürfe wegen Tierquälerei habe es gegeben, Beobachtungen, die laut Fischbach falsch interpretiert wurden. „Wir lieben unsere Tiere.“

Reitschülerinnen sind traurig

Das bestätigen Kamenerinnen, die ihre Kinder zum Reiten angemeldet hatten. Yvonne Milejczaks Tochter hat eine Reitbeteiligung und ist regelmäßig auf dem Gelände. „Sie kümmert sich um ihr Pferd, hilft im Stall mit, ein tolles Angebot“, sagt die Mutter. Und Marion Freitag aus Methler fügt an: „Gerade in Corona-Zeiten ein schöner Ausgleich für meine beiden Mädchen, die zuhause sonst nur daddeln würden.“ In der Reitschule werde das Miteinander groß geschrieben, man helfe sich gegenseitig, finde sozialen Halt. „Es ist traurig, dass das jetzt nicht mehr geht.“

Silke Fischbach hofft, dass sie vor Gericht Recht bekommt. „Auf der Wiese standen früher auch Pferde.“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke
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