Auf 25 Kilometern Industriekultur, Kunst und Natur pur. Wer den Sesekeweg fährt, erfährt auch mehr über seine Heimat. Diese Tour führt vom Bönener Förderturm Ostpol bis zum Horstmarer See in Lünen.

Kamen

, 06.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine Story über den Sesekeweg? Kein Problem! Er gehört doch hier – in Kamen, Bönen und Lünen – längst zur Familie, ist vertraut, verlässlich und trägt durchs Leben, meistens volle Lotte geradeaus und niemals hintenrum, so wie man hier im Ruhrpott, auch in seinem östlichen Teil, halt auch charakterlich ist.

Ein Weg, facettenreich mit all dem, was die Region zu bieten hat. Von Natur über Kunst bis zur Industriekultur und das Meter für Meter, Schlag auf Schlag. „Der Weg ist eine tolle Bereicherung, nicht nur für die Freizeit, sondern auch für die Alltagsinfrastruktur, sowohl für Radfahrer auch Fußgänger“, sagt Heinrich Kissing vom ADFC-Ortsverband Kamen.

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Der Sesekeweg – von Bönen über Kamen nach Lünen

25 Kilometer langer Weg im Jahr 2013 eröffnet

Der 25 Kilometer lange Weg ist im Mai 2013 eröffnet worden. Rund zwei Millionen Euro sind in die Strecke geflossen. „Wer hätte gedacht, dass man einmal an der Seseke Sonn- und Feiertage verbringen kann, dort picknickt und am Wasser sitzt“, sagt Jochen Stemplewski, damaliger Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.

Der Sesekeweg – in der Familie vieler traditionsreicher Radwege ist er das Nesthäkchen. Stück für Stück ist er gewachsen, als der Lippe-Nebenfluss zwischen 2008 und 2014 renaturiert wurde, Betriebswege wurden freigegeben, einige Privatgrundstücke erworben, um direkt an der Seseke entlang zu führen.

Dort, wo früher niemand sein wollte, weil der Fluss ein offener Abwasserkanal war, will jetzt jeder sein. Die einstige Köttelbecke ist jetzt ein sprudelnder Saubermann, in dem sich Forelle und Quappe guten Tag sagen.

Der ehemalige Förderturm Königsborn III/IV bietet als Industriedenkmal eine einzigartige Innenarchitektur. Bis zu einer Höhe von 55m ist der Innenraum zu Fuß über Treppen begehbar. Der Turm wird in der Höhe durch verschiedene Zwischenebenen gegliedert.

Der Förderturm Ostpol bietet als Industriedenkmal eine einzigartige Innenarchitektur. Bis zu einer Höhe von 55 Metern ist der Innenraum zu Fuß über Treppen begehbar. Der Turm wird in der Höhe durch verschiedene Zwischenebenen gegliedert. © Carsten Janecke

Start am Förderturm „Ostpol“ in Bönen

Kommt man von Osten, beginnt der Sesekeweg an der Butterfeld-Brücke am Butterwinkel in Bönen-Flierich. Doch der ist als Ausgangspunkt etwas aus der Welt, sodass sich als Startpunkt das Bönener GSW-Hallenbad an der Wolfgang-Fräger-Straße eignet.

Dort kann man seine Räder genauso vom Auto laden wie am Förderturm Bönen „Ostpol“, wo es ebenso einen großen Parkplatz gibt. Der ist aber nicht immer geöffnet.

Ostpol ist auch das erste Glanzlicht der Tour. Der von Alfred Fischer geplante und 1929 fertiggestellte Förderturm der ehemaligen Schachtanlage Königsborn III/IV gilt als bedeutendes Dokument im Industriebau der zwanziger Jahre. Führungen sind dort nach telefonischer Anmeldung möglich. Aber auch ohne Besichtigung lohnt der Blick von außen auf ein imposantes Zeugnis der Bergbaugeschichte.

Die Freiluft-Galerie am Schwarzen Weg unweit des Förderturms Ostpol, bietet Gelegenheit zum Stopp. Kunst unter freiem Himmel, wie gemacht für Corona-Zeiten.

Die Freiluft-Galerie am Schwarzen Weg unweit des Förderturms Ostpol, bietet Gelegenheit zum Stopp. Kunst unter freiem Himmel, wie gemacht für Corona-Zeiten. © Carsten Janecke

Kulturelles Aha-Erlebnis

Ein kulturelles Aha-Erlebnis gibt es am Schwarzen Weg an der ca. 100 Meter langen Freiluft-Galerie, wo an den Stahlmattenzaun gehefteten Schüler-Kunstwerke mit Motiven wie Förderturm und Hund „Waldemar“ Aufmerksamkeit erzeugen.

Dazu geht es auf dem Sesekeweg, nur ganz kurz, in die falsche Richtung, sprich: zurück bis zum Hochwasserrückhaltebecken (HRB) Bönen-Seseke. Das hat beachtliche Werte fast wie eine Talsperre: Es kann 340.000 Kubikmeter Niederschlagswasser fassen. Das sind umgerechnet 340 Millionen Liter oder 2,43 Millionen gefüllte Badewannen. Wer Geduld hat, kann am Rande des Beckens Reiher und Kormorane beobachten.

Die fast hüfthohen Miniatur-Häuser an der Seseke im Maßstab 1:10. Aus der Froschperspektive sieht es aus wie ein richtiges Haus.

Die fast hüfthohen Miniatur-Häuser an der Seseke im Maßstab 1;10. Aus der Froschperspektive sieht es aus wie ein richtiges Haus. © Carsten Janecke

Das Leben am Wasser: Traum und Alptraum

Vom HRB geht es über den Schwarzen Weg und die Hubert-Biernat-Straße zunächst an den Rexebach. Dort hat der Künstler Bogomir Ecker unter dem Titel „Abnehmende Aussicht“ fünf funktionierende Laternen mit fünf roten Attrappen von Überwachungskameras nahe beieinander aufgestellt – die erste von mehreren Installationen, die auf der Strecke zu finden sind. Sie stammen hauptsächlich aus dem Kulturhauptstadtjahr 2010, als – noch ohne Sesekeweg – zwölf Kunstprojekte realisiert wurden.

Ein weiteres witziges Werk kommt kurze Zeit später in Höhe Heeren-Werves: Die Miniatur-Häuser des Künstlerduos Köbberling/Kaltwasser unter dem Titel „Here comes the rain again“ haben den Maßstab 1:10 und stellen die Frage nach Traum und Alptraum vom Leben am Wasser.

Ein Graureiher stakt auf Streichholzbeinen an der Mühlbachmündung durch die Seseke und sucht nach Nahrungsmitteln,

Ein Graureiher stakt auf Streichholzbeinen an der Mühlbachmündung durch die Seseke und sucht nach Nahrungsmitteln, © Carsten Janecke

Vom Graureiher bis zum Wachsenden Steg

Kunst begleitet uns bis nach Lünen. Doch die Natur auch. Die Renaturierung der Seseke ist wörtlich zu nehmen. Die Natur ist zurück am Fluss. Und das kann man an der Strecke, die auch vorbei an Auen und Feldern führt, hautnah erleben. Wie an der Mündung der Mühlbachs, der hinter der nächsten Kurve in die Seseke sprudelt. Das Wasser so flach, dass hier ein Graureiher durchs Gewässer stakt.

Einen buchstäblichen Brückenschlag zwischen Natur und Industriekultur gibt es nach sieben gefahrenen Kilometern in Kamen: Der „Wachsende Steg“ darf betreten werden. Diese sogenannte „baubotanischen Struktur“ mit einer Länge von 18 Metern und einer Breite von 1,5 Metern besteht aus 60 Rotbuchen, die den mit in die Höhe wachsenden Steg einmal ohne Stützkonstruktion tragen sollen.

Die Fünfbogenbrücke wurde 1846 fertiggestellt. Sie war sehr kostspielig, weil die Bahn das sumpfige Sesekegebiet überqueren und vorher Eichenstämme in sehr großer Zahl in den Boden getrieben werden mussten. Die Zeitung schrieb am 19. August 1846 über die Einweihung: „Der Sesekebrücke hierselbst, in fünf Bogen kolossal und wunderschön erbaut, wurde heute der Schlussstein eingefügt, zu welcher Feier sich die Herren Beamten der Bahn von Hamm, Dortmund und hier eingefunden."

Die Fünfbogenbrücke wurde 1846 fertiggestellt. Sie war sehr kostspielig, weil die Bahn das sumpfige Sesekegebiet überqueren und vorher Eichenstämme in sehr großer Zahl in den Boden getrieben werden mussten. Die Zeitung schrieb am 19. August 1846 über die Einweihung: „Der Sesekebrücke hierselbst, in fünf Bogen kolossal und wunderschön erbaut, wurde heute der Schlussstein eingefügt, zu welcher Feier sich die Herren Beamten der Bahn von Hamm, Dortmund und hier eingefunden." © Carsten Janecke

Fünfbogenbrücke, Sesekepark, Fördergerüst und Technopark

Von dort aus sind es nur wenige Meter bis zur Fünfbogenbrücke, einer der ältesten Eisenbahnbrücken Deutschlands und kurze Zeit später der erste von zwei Kömschen Bleiern, Kamens Symbolfisch als Metallfischgerippe. Dann ist schon Kamen erreicht, wo man am Alten Markt bei vielfältiger Gastronomie eine Pause einlegen und links des Weges eine Partie Minigolf spielen kann, bevor es bei jetzt gefahrenen 8,5 Kilometern weiter über den Sesekepark in Richtung Lünen geht.

Der Kömsche Bleier von Künstler Winfried Totzek steht seit 2007 an der Seseke. Ein Fischgerippe aus Edelstahl, das auf einer Säule rotieren kann. Einer Edelstahl-Säule, auf dem ganz oben der Schiefe Turm nachgebildet ist. Ein zweiter Kömscher Bleier, deutlich größer als dieser, ist am Sesekepark zu finden.

Der Kömsche Bleier von Künstler Winfried Totzek steht seit 2007 an der Seseke. Ein Fischgerippe aus Edelstahl, das auf einer Säule rotieren kann. Einer Edelstahl-Säule, auf dem ganz oben der Schiefe Turm nachgebildet ist. Ein zweiter Kömscher Bleier, deutlich größer als dieser, ist am Sesekepark zu finden. © Janecke

Zunächst radelt man mitten durch Kamen, vorbei am Fördergerüst der früheren Zeche Monopol, an der Gartenstadt Sesekeaue und am Technopark, wo man die Hallen-Rückseite des innovativen Falthallenherstellers Sabura erblickt. Das Klärwerk lässt man buchstäblich links liegen, bevor man die Innenstadt verlässt und es wieder ländlich wird.

Die zweiteilige Installation von Diemut Schilling am Deich der Seseke in Lünen unweit des Datteln-Hamm-Kanals nimmt Bezug auf den englischen Maler William Hogarth. Sie wiederholt die im 18. Jahrhundert als Ideallinie beschriebene geschwungene Flusswindung in beiden Objekten. Auf dem Deich befindet sich eine Holzskulptur, die auch zum Sitzen benutzt werden kann. Im Fluss ist eine Stahlskulptur befestigt, die aufgrund des Wasserstandes mal mehr oder weniger zu sehen ist.

Die zweiteilige Installation „Hogarth’s Dream“ von Diemut Schilling am Deich der Seseke in Lünen unweit des Datteln-Hamm-Kanals nimmt Bezug auf den englischen Maler William Hogarth. Sie wiederholt die im 18. Jahrhundert als Ideallinie beschriebene geschwungene Flusswindung in beiden Objekten. Auf dem Deich befindet sich eine Holzskulptur, die auch zum Sitzen benutzt werden kann. Im Fluss ist eine Stahlskulptur befestigt, die aufgrund des Wasserstandes mal mehr oder weniger zu sehen ist. © Carsten Janecke

Horstmarer See und Kanal Belohnung für die Ausdauer

Und schon wieder etwas Sehenswertes bei Kilometerstand 11,5: Das Gabionen-Kunstwerk „Jetzt und der Fluss“ des Berliner Künstlers Christian Hasucha. Dort formen sich die Umrisse des Wortes „JETZT“ und lassen den Blick frei auf die langsam vorbei fließende Seseke. „Obwohl das Wort immer einen Zeitpunkt in der Gegenwart beschreibt, zeigt ein Blick durch die Skulptur, dass sich das Jetzt gar nicht festhalten lässt. Was man sieht, ist immer eine Sequenz in einem Prozess der Veränderung“, so heißt es zu dem Werk.

Das Werk des Berliner Künstlers Christian Hasucha thematisiert Zeit und Veränderung in eindringlicher Form. Von Steingabionen gefasst, formen sich die Umrisse des Wortes „JETZT“ und lassen den Blick frei auf die langsam vorbei fließende Seseke und ihre stete landschaftliche Entwicklung.

Das Werk des Berliner Künstlers Christian Hasucha thematisiert Zeit und Veränderung in eindringlicher Form. Von Steingabionen gefasst, formen sich die Umrisse des Wortes „JETZT“ und lassen den Blick frei auf die langsam vorbei fließende Seseke und ihre stete landschaftliche Entwicklung. © Carsten Janecke

Das Jetzt trifft es: Denn jetzt geht es weiter. Vorbei an Maisfeldern, über einen hohen Damm bis nach Lünen. Dort dann nach 19 Kilometern die Belohnung für die Ausdauer: Der Horstmarer See mit frei zugänglicher Frisbee-Golf-Anlage und seinem weitläufigen Strand, momentan allerdings eingezäunt wegen der Corona-Pandemie. Nur einen Katzensprung entfernt: der Datteln-Hamm-Kanal. Hier findet man Anschluss an weitere Radwege, beispielsweise zum Schiffshebewerk Henrichenburg.

Jetzt geht es erstmal zurück. Der Weg, heute bleibt er ganz Familiensache.

Eine weitläufige Frisbee-Golf-Anlage, frei zugänglich, ist kurz vor dem Horstmarer See zu finden. Wer eine fliegende Scheibe auf dem Gepäckträger hat, kann dort eine sportliche Pause vom Radfahren einlegen.

Eine weitläufige Frisbee-Golf-Anlage, frei zugänglich, ist kurz vor dem Horstmarer See zu finden. Wer eine fliegende Scheibe auf dem Gepäckträger hat, kann dort eine sportliche Pause vom Radfahren einlegen. © Janecke

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