Mirja Stoltefuß und Serdar Ulusan vor dem Jugendkulturcafé an der Poststraße, das zurzeit den öffentlichen Betrieb eingestellt hat. Von dort aus ziehen die Streetworker los, um Kamens Jugend zu treffen. © Carsten Janecke
Jugend und Corona

Die Jugend und die Lockdown-Langeweile: „Manche halten es kaum noch aus!“

Unendliche Langeweile im Endlos-Lockdown. Wie Mädchen und Jungs gerade eine von der Pandemie gelähmte Welt erleben, wissen die beiden Streetworker aus Kamen. Sie halten Kontakt und muntern auf.

Unterricht aus der Ferne, die Jugendzentren geschlossen, der Trainingsbetrieb über Monate eingestellt und erst jetzt wieder leicht gelockert. Die Jugend, sonst voll Energie und Tatendrang, hat im Lockdown eine Vollbremsung hingelegt.

Das spüren die beiden Streetworker Mirja Stoltefuß und Serdar Ulusan, die im Auftrag der Stadt Kontakt zu jenen Jugendlichen halten, die sich in der Öffentlichkeit treffen. „Die Jugendlichen haben Langeweile: Da hat sich viel Lust und Energie angestaut. Lust darauf, dass sie endlich wieder was machen können, was jetzt nicht möglich ist“, sagt Serdar. „Manche halten es nicht mehr aus.“

Mirja Stoltefuß, 34, ist seit einem Jahr als studentische Fachkraft im Jugendkulturcafé und als Streetworkerin beschäftigt. Wie hier im Postpark sucht sie Jugendliche auf, um mit ihnen zu reden.
Mirja Stoltefuß ist seit einem Jahr als studentische Fachkraft im Jugendkulturcafé und als Streetworkerin beschäftigt. Wie hier im Postpark sucht sie Jugendliche auf, um mit ihnen zu reden. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

Das Jugendkulturcafé als Ausgangspunkt der Arbeit

Der 34-jährige Kamener ist seit sieben Jahren Streetworker. Zu seiner zweiten Heimat gehört das Jugendkulturcafé an der Poststraße, das als Ausgangspunkt der „Straßenarbeit“, sprich: der Jugendarbeit auf der Straße, genutzt wird.

„Wenn ich zwei Wochen nicht trainiere, dann fehlt mir was.“

Streetworker Serdar Ulusan

Im JKC ist auch Mirja Stoltefuß beschäftigt. Es gibt kaum Mädchen oder Jungen, die die beiden Jugendarbeiter nicht kennen. „Das führt schon dazu, dass ich in Kamen kaum noch ins Schwimmbad gehen kann, weil mir dann gleich 100 Kinder hinterher laufen“, sagt Serdar schmunzelnd.

Selbst hinterherlaufen müssen sie den Jugendlichen, meist im Alter zwischen 13 und 21 Jahren, aber nicht. Sie kennen die Treffpunkte, lassen sich dort sehen, suchen das Gespräch und muntern in der Lockdown-Langeweile auf. „Man merkt jetzt deutlich, dass sich die Jungs und Mädchen zurückziehen. Online stehen sie aber in Kontakt“, sagt Mirja.

Serdar Ulusan ist seit sieben Jahren als Streetworker in Kamen unterwegs. Er weiß, wie die Jugendlichen unter dem Lockdown leiden und wie sie sich trotzdem zurechtfinden.
Serdar Ulusan ist seit sieben Jahren als Streetworker in Kamen unterwegs. Er weiß, wie die Jugendlichen unter dem Lockdown leiden und wie sie sich trotzdem zurechtfinden. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

Eine Welt, die zurzeit nicht in Ordnung ist

Die beiden Streetworker spüren deutlich, dass die Welt der Jugendlichen zurzeit nicht in Ordnung ist.

„Wir hören dann oft die Frage: Wann macht ihr wieder auf, wann geht es weiter?“

Streetworkerin Mirja Stoltefuß

Aber sie ist auch nicht kaputt, wie es oftmals den Eindruck macht, wenn über pandemiebedingte Störungen der Psyche geredet wird. „Wir haben keine Sorgenfälle“, sagt Serdar und Mirja nickt.

Die Jugendlichen treffen sich jetzt öfter zum Spazierengehen, manche sportlich beim Running, die anderen zu zweit im Zwiegespräch. Mirja: „Wir hören dann oft die Frage: Wann macht ihr wieder auf, wann geht es weiter?“

Serdar merkt, dass vor allem den Jungs der Sport fehlt. „Das merke ich schon an mir. Wenn ich zwei Wochen nicht trainiere, dann fehlt mir was“, sagt er als Basketballer.

Vertrauen erworben durch langjährige Besuche

Die Jugendlichen aus Kamen, einige auch aus Bergkamen, haben Vertrauen zu den Beiden entwickelt. Das liegt daran, dass es das Streetwork-Projekt mit der sogenannten „aufsuchenden Arbeit“ schon seit Jahren gibt. Und daran, dass die Streetworker nicht belehren, beaufsichtigen oder Anweisungen erteilen, wenn ein Fehlverhalten erkennbar ist. Jüngst hatte es am Jahnstadion reichlich Müll gegeben, als sich mutmaßlich Jugendliche dort trafen hatten, laut Musik spielten und Beschwerden der Nachbarn provozierten. „Wir sagen nicht, dass es nicht gerade schick ist, den Mülleimer nicht zu treffen“, so Serdar.

Dafür haben sie ein oder zwei Ohren für die Probleme. Wie am Anfang des Online-Unterrichts, als darüber viel geklagt wurde. „Jetzt ist es zur Normalität geworden“, so Mirja.

Treffpunkte nicht so belebt wie früher

Der Alte Markt, der Sesekepark, Plätze in Heeren und Methler, dort, wo man sich auch mal unterstellen kann. Das sind die Plätze der Jugend, an denen sie hoffen, dass sie unter sich bleiben können, dass sie niemanden stören, sodass der Treffpunkt nicht verboten wird. Aber in Corona-Zeiten seien diese Orte auch nicht mehr so belebt, so Serdar. „Sie sagen dann eher so etwas wie: Ich bin froh, dass ich noch mit dem Hund spazieren gehen kann.“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke
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