Schwungvoller Abgang: Zeugin lässt Richter, Anwälte und Angeklagten einfach sitzen

dzGerichtsprozess

Ein unerwartetes Ende nahm im Amtsgericht Unna ein Prozess gegen einen 36- Jährigen aus Dortmund. Die geladene Hauptzeugin verweigerte plötzlich die Aussage und ließ alle Beteiligten baff zurück.

von Jana Peuckert

Holzwickede

, 28.08.2020, 14:21 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der selbstständige Unternehmer aus Dortmund war angeklagt, am 24. März in einer Werkstatt in Holzwickede eine Frau beleidigt, verletzt und bedroht zu haben. Laut Vorwurf erschien das 64-jährige Opfer demnach gegen 13.40 Uhr in der Werkstatt. Dort soll der Mann sie zu Boden geschubst haben, was Schmerzen zur Folge hatte.

Zudem soll er der Frau ins Gesicht gespuckt und damit gedroht haben, sie „kalt“ zu machen. Im Gericht gab der 36-Jährige an, nichts von alledem getan zu haben. Die Frau sei bei ihm erschienen, um über offene Mietbeträge zu reden. Er habe sie direkt wieder weggeschickt. Etwa eine halbe Stunde später, sei die Polizei bei ihm aufgetaucht, und habe ihn mit den Vorwürfen konfrontiert.

Die 64-Jährige war als Zeugin zum Prozess geladen. Anfangs machte sie einen etwas verwirrten Eindruck und wollte wissen, wer die ganzen Menschen im Gerichtssaal sind. Im Anschluss machte sie eine aus Sicht des Richters glaubhafte Aussage.

Anwalt des Angeklagten passt der Zeugin anscheinend nicht

Sie gab an, Miteigentümerin des Gebäudes zu sein, in der sich die Werkstatt befindet. Der Angeklagte läge mit mehreren Mieten, mittlerweile mehr als 4000 Euro, im Rückstand. Am Tattag habe sie ihn darauf ansprechen wollen. „Er kam näher und näher und wurde aggressiv“, erklärte die Zeugin. Dann habe er sie gepackt und zu Boden geworfen, wobei sie in einen Stapel von Reifen und Eisen fiel.

Zuvor habe er ihr ins Gesicht gespuckt, nachdem die Frau ihn auf Corona und den nötigen Abstand aufmerksam gemacht habe. Anschließend habe der Angeklagte damit gedroht, ihr und ihren Hunden etwas anzutun.

Nachdem der Vorsitzende keine Fragen mehr an die Frau hatte, übergab er dem Vertreter der Staatsanwaltschaft das Wort. Die Zeugin beantwortete ordentlich und friedlich sämtliche Fragen des Mannes. Doch dann kippte die Stimmung plötzlich.

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Als die 64-Jährige auch dem Verteidiger des Angeklagten Rede und Antwort stehen sollte, weigerte sie sich. Lautstark verkündete sie, nicht mit dem Anwalt kommunizieren zu wollen – zumindest nicht, solange sie nicht ihren eigenen Rechtsbeistand habe.

Der Richter wies die Frau mehrfach darauf hin, dass sie dem Verteidiger antworten müsste. „Sie können sagen, was sie wollen, Herr Richter: Ich spreche nicht mit dem Anwalt der Gegenseite“, hielt die Zeugin an ihrem Standpunkt fest. Dann nahm sie unvermittelt ihre Tasche, rückte schwungvoll ihren Stuhl nach hinten und stand auf: „Ich gehe jetzt“, sagte sie und verließ unter Protest des Richters den Sitzungssaal.

So etwas habe er noch nicht erlebt, stellte der Vorsitzende fassungslos mit Blick auf den leeren Zeugenstuhl fest. Er verhängte ein Ordnungsgeld in Höhe von 100 Euro, ersatzweise vier Tage Ordnungshaft gegen die Frau. Dann erklärte er, dass der Prozess unter diesen Umständen nicht fortgeführt werden könne. Missachte er als Richter das Fragerecht des Verteidigers, würde sein Urteil so oder so aufgehoben werden. Also gibt es nun einen neuen Gerichtstermin. Zudem soll auch die Zeugin erneut geladen werden.

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