Die Stadt war am 12. März 1945 schon weitgehend zerstört. Trotzdem erlebte Dortmund an diesem Tag vor genau 75 Jahren den schwersten Bombenangriff, den je eine deutsche Stadt traf.

Dortmund

, 12.03.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gegen 16 Uhr heulen am 12. März 1945, einem Montag, die Sirenen. Eine knappe halbe Stunde später beginnt für die Dortmunder ein wahres Inferno. Innerhalb von einer Dreiviertelstunde laden 1069 britische Flugzeuge 4851 Tonnen Bomben über der Stadt ab – soviel wie nie zuvor.

Auch wenn die Einwohner der Stadt seit Mai 1943 schon mehr als 100 Luftangriffe erlebt haben, durchleiden viele in den Bunkern und Tiefkellern Todesängste. „Das waren wahnsinnige Geräusche“, erinnert sich Hans Kurzak. Als 14-Jähriger erlebt er den Bombenangriff in einem Bunker an der Mallinckrodtstraße mit. Auch wenn es in den Monaten zuvor schon hunderte Angriffe gegeben hat, diesen Nachmittag haben viele Dortmunder noch im Gedächtnis.

Fegefeuer auf Erden

Eine Zeitzeugin, die den Angriff in der östlichen Innenstadt miterlebte, hatte das Gefühl, ein schweres Erdbeben zu erleben. „Man meinte, der Boden hebe sich. Das Wasser stieg an, weil die Pumpen ausfielen. Wir mussten auf die Bänke steigen, haben uns aneinandergeklammert, geweint und laut gebetet. Wir haben alle gedacht, diesmal kommen wir hier nicht wieder raus.“

Nichts als Trümmer: So sah es während des Bombenkriegs am Hansaplatz aus.

Nichts als Trümmer: So sah es während des Bombenkriegs am Hansaplatz aus. © Stadtarchiv

„Wer diese 43 Minuten ausgehalten hat, in denen die Luft von tiefem, orgelartigem Motorengebrause erfüllt war und von unaufhörlichen Aufschlägen allerschwerster Bomben erzitterte, während die Erde bebte, große Häuser mit Krachen einstürzten, und Rauchschwaden bis in die letzten Winkel der Keller, Bunker oder Stollen eindrangen, wer den plötzlichen oder qualvollen Tod seiner Angehörigen miterlebte, wer die fürchterliche Angst der eingeschlossenen Menschen in dunklen, sich mit Grundwasser füllenden Kellern geteilt hat, der hat schon auf Erden ein Fegefeuer durchschritten und das Entsetzen drohender Vernichtung gespürt“, schreibt später die Stadtarchivarin Luise von Winterfeld.

Tote in Stollen und Bunkern

Vor allem der südliche Teil der Innenstadt ist schwer getroffen. „Der große Ruhrschnellweg ist ein wildes Durcheinander von tiefen Trichtern. Erdhügeln usw.“, berichtet die Chronik der Bonifatius-Gemeinde. „Vom Krankenhaus ist nichts mehr übrig, es hat mindestes acht sehr schwere Bomben erhalten, die alle bis in den Keller durchgeschlagen sind. Es hat viele Tote gegeben: In einem Stollen in der Nähe des Krankenhauses schlug eine Bombe durch und tötete alle 90 Personen, die darin waren.“

Auch die alte Westfalenhalle war nach dem Bombenangriff vom 12. März 1945 nur noch eine Ruine.

Auch die alte Westfalenhalle war nach dem Bombenangriff vom 12. März 1945 nur noch eine Ruine. © Stadtarchiv

Im sogenannten Jucho-Bunker, der komplett verschüttet wurde, kamen mehr als 100 Menschen ums Leben. Zahlreiche Opfer gab es auch im Kriegsgefangenenlager an der Westfalenhalle.

Eine Ruinenstadt

Wer überlebte, den empfingen beim Verlassen der Bunker Feuer und rauchende Trümmer. „Draußen ein erschütterndes Bild der Verwüstung: nur Trümmer, Rauch, Staub, Qualm und Flammen. Mit dem ersten Blick übersieht man, dass jetzt auch der Süden Dortmunds nur noch eine Ruinenstadt, eine Steinwüste darstellt“, erinnert sich der spätere kommissarische Oberbürgermeister Dr. Hermann Ostrop. Er überlebte den Angriff im sogenannten Befehlsbunker an der Landgrafenstraße/Ruhrallee.

Leben in Bunkern

Britische Quellen nennen am Ende fast 900 Todesopfer und 2358 Schwerverletzte. Eine genaue Zahl lässt sich allerdings nicht ermitteln. Dass es nicht so viele Tote wie wenige Wochen zuvor beim Angriff auf Dresden gab, war nur dem Umstand zu verdanken, dass viele Dortmunder inzwischen die Stadt verlassen hatten und Zuflucht in Bunkern hier geübter Alltag war.

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Die Dimension des Angriffs selbst übertraf aber Dresden deutlich: „Es war der gewaltigste aller Luftangriffe des gesamten Weltkriegs auf eine deutsche Stadt“, verkündete der Britische Rundfunk am Abend. Ziel war einzig und allein, das ohnehin schon bestehende Chaos zu vergrößern, erklärt ein britischer Offizier später. Der Verteidigungswille sollte gebrochen, der Boden für den Einmarsch der Alliierten bereitet werden, der wenige Wochen später mit dem Vorstoß amerikanischer Truppen ins Ruhrgebiet begann.

Am Ende der Kräfte

Und das war gelungen. Die Zerstörung der Stadt wurde perfekt gemacht. Wo es vorher Wohnviertel gab, existierte nur noch eine Steinwüste, die Strom-, Gas- und Trinkwasserversorgung brach in weiten Teilen der Stadt zusammen.

Teile der Nordstadt werden überflutet, weil zwei Pumpwerke ausgefallen sind. Die Behörden erklären das Stadtzentrum zwischen den Wällen für unbewohnbar.

„Was von Dortmund noch übrig war, wurde weithin zerstört, wer noch in der Stadt war, lebte hauptsächlich in den Bunkern“, heißt es in der Chronik der Kreuz-Gemeinde. Mit Gemeinschaftsküchen, meist direkt in den Bunkern untergebracht, versuchte man, die verbliebenen Menschen zu versorgen.

Ruinen prägten schon ab Mai 1943 das Stadtbild - so wie hier an der Kreuzung Kampstraße/Hansastraße.

Ruinen prägten schon ab Mai 1943 das Stadtbild - so wie hier an der Kreuzung Kampstraße/Hansastraße. © RN-Archiv

Fast alle waren am Ende ihrer Kräfte. Völlig lethargisch reagierten die Menschen auf weitere Bombenangriffe am 17. und 23. März und die regelmäßigen Attacken der „Jabos“. Eine funktionierende Luftabwehr, so es sie je gab, existiert nicht mehr. „Die geplagten Geschöpfe (haben) alle durch die Bank nur noch den einen Wunsch, - nur bald ein Ende“, heißt es in einem Brief.

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