Streit an der Grundschule: Kabbelei unter Schülern oder Mobbing?

Redakteurin
Die siebenjährige Sarah (Name geändert) hat Probleme mit einem anderen Kind aus ihrer Klasse. © privat
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Sarah (7) hat oft Bauchschmerzen. Sie schläft schlecht, möchte nicht essen und weint sehr viel. Vor allem möchte sie nicht mehr zur Schule gehen. „Ich habe nur noch Angst um mein Kind“, erzählt ihre Mutter gegenüber der Redaktion. Sie hat sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt, um dem Kind zu helfen.

Es geht um einen Konflikt an einer Grundschule im Dortmunder Süden. Um einen Streit zwischen Kindern, aber auch zwischen Müttern und zwischen Schule und Eltern. Einen Streit, bei dem keiner gewinnen kann und bei dem vor allem die Kinder die Verlierer sind.

Um das Ganze nicht noch schlimmer zu machen, nennen wir hier keine echten Namen, auch nicht den der Schule (die Namen sind der Redaktion bekannt). Wir können die Vorwürfe beider Seiten, das Gesagte, nicht überprüfen. Wir können aber darstellen, wie Konflikte an Schule eskalieren können und wie die Institution damit umgeht.

Täter, Opfer und die subjektive Sicht der Eltern

Die Vorwürfe der 32-jährigen Mutter wiegen schwer. Ein Junge quäle ihre Tochter seit längerem, mit ernsten Folgen für die Gesundheit und Psyche. Die Schule unternehme nichts dagegen. Die Mutter hat mittlerweile Polizei und Jugendamt eingeschaltet.

Die Schulleiterin möchte sich zu diesem konkreten Fall nicht äußern. Es handele sich um eine einzelne, subjektive Wahrnehmung, nicht um ein strukturelles Problem der Schule. „Das sind Kinder, sie sind bei uns sicher und die Schulen sind im Umgang mit derartigen Problemen gut aufgestellt“, sagt sie.

Sarahs Mutter aber fühlt sich zu wenig unterstützt, ihr Kind werde nicht geschützt. Laut ihrer Darstellung hat alles schon in der ersten Klasse mit Tritten unter dem Tisch angefangen. „Sie hatte von oben bis unten blaue Flecken.“ Der Junge wurde weggesetzt, die Mutter dachte, nun klärt sich alles. Aber die Streitigkeiten gingen weiter. Und übertrugen sich auf die Mütter, gingen wohl so weit, dass diese sich in aller Öffentlichkeit prügelten.

Für die einen ist es Fangen spielen, für die anderen Jagen

Der Junge habe Sarah als „Scheiß-Deutsche“ beleidigt, sie zusammen mit einem anderen Jungen gejagt und auf sie eingetreten, als sie am Boden lag. „Die Schule hat sie alleingelassen und nichts unternommen“, klagt die Mutter. „Alle sehen weg.“ Sie fordert, den Jungen vom Unterricht zu suspendieren.

Der Klassenpflegschaftsvorsitzende beschreibt die Situation anders. „Das sind alles ganz normale Streitigkeiten unter Kindern. Die Schule hat viel unternommen für das Wohlsein der Kinder.“ In den Pausen seien immer zwei bis drei Lehrer auf dem Hof, um auf die Kinder zu achten.

Der Elternvertreter sieht das Problem bei Sarahs Mutter, die sich alleine um Sarah und ihre eineinhalbjährige Schwester kümmern müsse und parallel eine Ausbildung mache. „Die Vorwürfe sind nicht normal, es wird zu viel Druck aufgebaut auf das Mädel.“

Sein Kind gehe sehr gern zur Schule und der betreffende Junge sei ein liebes Kind. Die Mutter sei eine Nörglerin, rege sich auch über geöffnete Fenster auf oder Sportunterricht im Freien. „Die beschwert sich über alles. Es ist richtig schlimm, dass die eigenen Probleme auf die Kinder übertragen werden.“

Verzweifelte Mutter macht sich Sorgen um die Tochter

Die Mutter hingegen ist verzweifelt und wirkt überfordert. Sarah leide unter Kopfschmerzen, habe Konzentrationsprobleme und wolle nicht mehr zur Schule gehen, aus Angst vor dem Jungen. Der Arzt hat sie wiederholt krank geschrieben. „Ich muss das alles jeden Tag alleine machen. Aber ich versuche, für Sarah stark zu sein.“ Sie sei keine hysterische Übermutter, sondern wolle einfach nur, dass man sie hört und etwas unternommen wird.

Die Schulleiterin sieht die Probleme sehr wohl, wenn auch aus einer anderen Warte. Sie stehe in engem Austausch mit allen Beteiligten, um den Konflikt zu lösen. An ihrer Grundschule gehe man mit Konflikten zwischen Schülerinnen und Schülern, mit Gewalt und Mobbing sehr sensibel um. „Wir nehmen Vorfälle ernst und kümmern uns um Klärung und Aufarbeitung.“

Die Klassenlehrer seien erste Ansprechpartner der Kinder, wenn Konflikte auftreten. Akute Situationen würden nach Möglichkeit sofort geklärt. Zusätzlich würden im wöchentlichen Klassenrat gemeinsam mit der Klasse Lösungsmöglichkeiten für wiederkehrende Konflikte erarbeitet.

Schulsozialarbeiter und -psychologen helfen bei Konflikten

Zudem könnten sich alle Kinder mit ihren Sorgen während des gesamten Schultages an die Schulsozialarbeit wenden. Zur Konfliktlösung würden dort verschiedene Methoden genutzt, beispielsweise Einzel- oder Gruppengespräche.

„Auch von der Schulleitung werden die Kinder mit Ruhe und Zeit bei der Klärung von Konflikten unterstützt. Eltern werden in den Prozess einbezogen.“ Bei schwerwiegenden Verstößen erfolgten erzieherische Maßnahmen oder Ordnungsmaßnahmen gemäß Schulgesetz.

„Unabhängig davon erfolgt für alle Eltern eine wöchentliche schriftliche Rückmeldung zum Arbeits- und Sozialverhalten ihrer Kinder durch die Klassenlehrerinnen und -lehrer.“ Auch bei der wöchentlichen Sprechstunde könnten wiederkehrende Konfliktsituationen besprochen werden.

Bei Bedarf werde ein Termin mit der schulpsychologische Beratungsstelle der Stadt Dortmund organisiert. Ein solcher Gesprächstermin könnte auch in diesem verfahrenen Fall helfen. „Wir nehmen eine unabhängige, neutrale Position ein und erarbeiten in der Regel in einem gemeinsamen Beratungsprozess mit Lehrkraft, Eltern und Schüler Lösungen und Wege“, so beschreibt es die Beratungsstelle.

Die Profis könnten helfen zu klären, wo die Kabbelei aufhört und Mobbing anfängt und wie der Konflikt beigelegt werden kann. Dann wird vielleicht auch Sarah wieder gern zur Schule gehen.