Brigitte und Helmut Nawroth vor ihrem Haus an der Karolinenstraße. Hier wollten sie längst einen Anbau realisieren. Aber die Baugenehmigung fehlt bis heute. © Thomas Schroeter
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Warten auf Baugenehmigung: „Die treiben die kleinen Leute in den Ruin“

An der Karolinenstraße warten Brigitte und Helmut Nawroth auf ihre Baugenehmigung. Seit Juni 2020. Die Ickerner sind sauer und klagen gegen die Stadt wegen Untätigkeit. Offenbar kein Einzelfall.

Brigitte und Helmut Nawroth wohnen an der Karolinenstraße in Ickern. Das Paar beschloss Anfang 2020, an das Vierfamilien-Haus, das ihnen dort gehört, zwei weitere Wohneinheiten anzubauen, damit sie selbst und ihre erwachsene Tochter dort einziehen können.

Die Nawroths fanden schnell eine Architektin, die den Ickernern den Anbau plante und den Bauantrag fertig machte. Man machte die Finanzierung für die Baumaßnahme klar, reichte im Juni den Bauantrag ein und war ab Sommer 2020 bereit für den Baubeginn.

Nawroths haben einen Fachanwalt eingeschaltet

Geschehen ist seitdem an der Karolinenstraße aber nichts. Nur der Frust bei den Nawroths ist gewachsen. Denn auch diese Ickerner Familie wartet immer noch auf eine Baugenehmigung der Stadt Castrop-Rauxel.

Als Brigitte Nawroth jetzt die Geschichte von Deniz Demirci las, der seit 16 Monaten auf die Erlaubnis zur Sanierung eines kleinen Reihenhauses an der Nordstraße wartet, meldete sie sich in unserer Redaktion. Denn die Nawroths haben die Nase voll, sind längst auch Klienten bei einem Anwalt aus Castrop-Rauxel, der gleich mehrere Menschen mit ähnlichem Schicksal vertritt.

„Unser Anwalt hat inzwischen auch eine Untätigkeits-Klage gestellt“, sagt Brigitte Nawroth. Und sie habe mehrfach Kontakt zur oberen Baubehörde gehabt. Bewirkt hat das alles bisher nichts. Ein Aha-Erlebnis wurde für die Ickernerin nun am Montag, 18. Oktober, ein Besuch im Bürgerbüro, wo sie mit ihrer Mutter für einen Termin für neuen Personalausweis wahrnahm.

Die Garagen neben dem Mehrfamilienhaus sollen weg, dafür sollen hier zwei weitere Wohnungen entstehen. Aber seit Juni 2020 hat die Stadt sich noch nicht gerührt.
Die Garagen neben dem Mehrfamilienhaus sollen weg, dafür sollen hier zwei weitere Wohnungen entstehen. Aber seit Juni 2020 hat die Stadt sich noch nicht gerührt. © Thomas Schroeter © Thomas Schroeter

„Ich habe da die Dame gefragt, ob es sich wohl lohnen würde, auch mal bei der Bauabteilung nachzufragen“, erzählt Brigitte Nawroth. Die Antwort habe sie fassungslos gemacht: „Warten Sie ein, zwei oder drei Jahre, fragte die Frau mich und dass wir mit unseren 16 Monaten ja noch harmlos wären.“ Sie selbst wolle eine Gaube ausbauen und warte schon drei Jahre auf die Genehmigung.

„Immerhin scheint da also selbst Vitamin B nicht zu wirken“

„Immerhin scheint da also selbst Vitamin B nicht zu wirken“, reagiert Helmut Nawroth auf diese Erzählung seiner Ehefrau. Ansonsten ist ihm der Humor völlig vergangen. „Wir haben ja unsere Finanzierung schon laufen, haben mit einem raschen Baustart gerechnet und müssen jetzt Bereitstellungszinsen zahlen“, sagt Nawroth. „Und die kriegen wir bestimmt nicht von der Stadt zurück.“

Der Ickerner fühlt sich von der Stadt im Stich gelassen. Er wisse, dass die Stadt Probleme habe, die nötigen Stellen zu besetzen. Angeblich, so heißt es, seien da, wo sich einmal sechs Leute sich um Baugenehmigungen gekümmert haben, nur zwei Stellen besetzt.

„Aber das kann ich hier als Bürger doch nicht ausbaden müssen“, versteht Nawroth die Stadt-Politik nicht. Spätestens nach einem halben Jahr, so meint er, müsse eine Genehmigung doch wohl vorliegen. „Man hätte uns doch wenigstens sofort am Anfang sagen können: Das kann sehr lange dauern, rechnen Sie nicht mit einer schnellen Genehmigung. Dann hätten wir wenigstens die Finanzierung anders geregelt“, klagt Brigitte Nawroth.

Gerüchteweise haben die Nawroths gehört, dass 140 Genehmigungen noch nicht erteilt sein sollen. Ob das in dieser Dimension stimme, wisse man nicht. Klar aber sei, dass durch die Verzögerung der Baugenehmigung bei den Nawroths die Kosten davon liefen. „Unsere Baukosten steigen wohl um 50 Prozent“, sagt Helmut Nawroth. Außerdem kämen die aktuellen Probleme hinzu, Handwerker zu finden. Und das Material werde ja auch immer knapper.

„Das ist eine Katastrophe“, so Helmut Nawroth. Wenn da nicht bald etwas passiere, sehe er schwarz. „Die treiben die kleinen Leute doch in den Ruin“, beschuldigt er die Stadtverwaltung.

Stadt äußerst sich zum konkreten Fall nicht

Die Stadtverwaltung haben wir mit der Beschwerde konfrontiert: Sie bestätigte auf Anfrage erneut die Personalprobleme im Bereich Stadtplanung und Bauordnung. Es gebe tatsächlich weniger Mitarbeiter, die Gegenüberstellung „Früher 6 und heute nur noch 2 Mitarbeiter“ gehe aber nicht auf, „weil es auch organisatorische Umstrukturierungen und Neuverteilungen von Aufgabengebieten gab, es also nicht einfach vergleichbar ist“.

Zum konkreten Fall aber, so Stadtsprecherin Maresa Hilleringmann, werde man auch hier keine Stellung nehmen, da man als Stadtverwaltung die Vertraulichkeit und den Datenschutz in Einzelfällen zu wahren habe und sich daher grundsätzlich zu individuellen Fällen nicht öffentlich äußere.

Maresa Hilleringmann weiter: „Generell sind die zu bearbeitenden Anträge und Anfragen sehr unterschiedlich. Zumeist sind auch weitere Fachbehörden beteiligt, deren Rückmeldung zur erfolgreichen Abarbeitung erforderlich sind. Darüber hinaus sind gegebenenfalls weitere Unterlagen durch den Antragssteller nachzureichen.“

Die Verfahrensdauer sei daher sehr unterschiedlich und werde stark von der Qualität der Antragsunterlagen bestimmt. Wesentlich sei hierbei auch, in welchem Umfang weitere interne und externe Fachstellen einbezogen werden müssten.

Zahl ungenehmigter Bauanträge bleibt offen

Auf die Frage, ob es Klageverfahren im Zusammenhang mit noch nicht erteilten Baugenehmigungen gebe, bestätigte Maresa Hilleringmann, dass es Klageverfahren gibt. Ob auch Untätigkeitsklagen darunter sind, „lässt sich voraussichtlich Anfang nächster Woche klären“, so die Antwort der Stadt. Die Frage schließlich, wie viele Bauanträge derzeit denn unbearbeitet/ungenehmigt sind, wurde nicht beantwortet.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1961 geboren. Dortmunder. Jetzt in Castrop-Rauxel. Vater von drei Söhnen. Opa. Blogger. Interessiert sich für viele Themen. Mag Zeitung. Mag Online. Aber keine dicken Bohnen.
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Thomas Schroeter

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