Rüdiger Weiß (v.r.) bei einer Maikundgebung. Ob für den Sozialdemokraten das Streben nach Gerechtigkeit das wichtigste Motiv seiner politischen Laufbahn ist, bezweifeln selbst Parteifreunde. © Stefan Milk
Porträt

Rüdiger Weiß: Von einem der auszog, erfolgreich zu werden

Wofür der SPD-Landtagsabgeordnete Rüdiger Weiß politisch steht, ist selbst für langjährige Beobachter kaum auszumachen. Ein Versuch, das zu finden, was den Politiker antreibt.

Den Landtagsabgeordneten Rüdiger Weiß als politisches Stehaufmännchen zu bezeichnen, ist zu kurz gegriffen – auch wenn er politisch schon einmal ganz am Boden zu liegen schien. Wer sich mit seiner politischen Biografie beschäftigt, sieht vielmehr einen Menschen, der sich auch bei seiner größten Niederlage an den letzten Zipfel Einfluss klammert. Ihm ist es gelungen, sich daran wieder hochzuziehen und auf seine Chance zu warten – und die kam.

Selbst Mitglieder seiner eigenen Partei aus Bergkamen, die ihn kritisch sehen, bescheinigen dem Landtagsabgeordneten eine besondere Affinität zu zwei Dingen: Posten und Geld. Wer jedoch einen Blick auf seine Homepage wirft, könnte den Eindruck einer sozialdemokratischen Karriere vom jungen Rebellen zum Landtagsabgeordneten haben.

In die SPD eingetreten ist Weiß nach eigenen Angaben 1983. Zur Erinnerung: 1982 hatte Helmut Kohl (CDU) nach einem konstruktiven Misstrauensvotum den sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt abgelöst. Wer damals in die SPD eintrat, hatte oft die Hoffnung, dass sich in der linkeren der beiden damaligen Volksparteien nach der Schmidt-Ära etwas bewegen ließe. Der damalige Lehramtsstudent Weiß wurde schon zwei Jahre später Vorsitzender des Stadtverbands der Jungsozialisten (Jusos) in Bergkamen.

Rüdiger Weiß sitzt dem SPD-Ortsverein Oberaden vor. Der Stadtteil ist wichtig für die Bergkamener Partei, nicht nur wegen der Maikundgebungen in der Römerberghalle. © Stefan Milk © Stefan Milk

Als er sich bei den Jusos engagierte, die sich damals meist noch als Rebellen in der Partei verstanden, fiel der spätere Landtagsabgeordnete jedoch nicht durch rebellische Ansichten auf. Man könnte auch sagen: Er hielt sich und die Oberadener Jusos möglichst aus allem heraus, was Ärger mit dem Partei-Establishment bedeuten konnte.

Wer ihn gutwillig sehen will, verortet ihn mehr in der politischen Mitte als am linken Flügel. Wer es negativ sieht, könnte vermuten, dass ihm die Parteikarriere wichtiger schien als sich mit Rebellen abzugeben. Immerhin war die SPD damals in NRW noch mit großem Vorsprung vor der Konkurrenz Regierungspartei und in Bergkamen mit einer festgemauerten absoluten Mehrheit ausgestattet.

Internet-Affäre 2001: Weiß wollte Bürgermeister Schäfer stürzen

Diese Haltung brachte sichtlich Erfolg: 1992 wurde Weiß SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Oberaden, Ende der 90er-Jahre sogar Fraktionsvorsitzender im Stadtrat – und er strebte offenbar nach noch Höherem.

Als Fraktionsvorsitzender war er Initiator oder zumindest Mitinitiator der sogenannten Internet-Affäre, die für fast jeden anderen das völlige politische Aus bedeutet hätte. 2001 hatte die Bergkamener SPD-Fraktion auf Initiative von Weiß die Abwahl von Bürgermeister Roland Schäfer (SPD) gefordert, unterstützt von den Grünen. Begründung: Schäfer habe im Internet pornografische Bilder verbreitet.

Keine Freunde fürs Leben: Bei der sogenannten Internet-Affäre versuchte Rüdiger Weiß (l.) Bürgermeister Roland Schäfer (r.) zu stürzen. Es blieb beim Versuch. © Stefan Milk © Stefan Milk

Um überhaupt verstehen zu können, dass die Fraktionsmitglieder diesen Vorwurf glauben konnten, muss man sich in eine Zeit zurückversetzen, die heute kaum noch vorstellbar ist: Längst nicht jeder hatte vor 20 Jahren Internet und kaum jemand wusste, wie es funktioniert. Schäfer hatte auf seiner persönlichen Homepage Links zu anderen Seiten gesetzt. Auf einer dieser Seiten fand sich bei intensiver Suche ein weiterer Link, der wiederum zur einer Seite führte, auf der es auch einige Darstellungen zu sehen gab, die zumindest unappetitlichem Schülerhumor entsprachen.

Seit 2010 sitzt Rüdiger Weiß im Landtag. Dort bekommt er auch schon mal närrischen Besuch. © Archiv © Archiv

Als die ganz offensichtlich völlig haltlosen Vorwürfe schon beim ersten Pressegespräch in sich zusammenbrachen, hätten viele Politiker wahrscheinlich an Rücktritt gedacht. Nicht so Weiß: Er stellte sich in Gesprächen als Opfer dar, der selbst den Einflüsterungen „Dritter“ erlegen sei. Forderungen nach einem Rücktritt wegen erwiesener Naivität – um es vorsichtig auszudrücken – wies er zurück.

Stattdessen zeigte er, was er wirklich kann: begnadet Strippen ziehen. Ein Abwahlantrag als Fraktionsvorsitzender scheiterte an einer knappen Mehrheit der Fraktionsmitglieder aus Oberaden und Weddinghofen.

Erst als der Druck immer größer wurde, war Weiß nach einem Jahr bereit, freiwillig sein Amt als Fraktionsvorsitzender aufzugeben. So ganz ging er aber nicht: Er blieb Ratsmitglied und Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Oberaden – und er wartete offenbar auf seine nächste Chance.

Unerwartete neue Chance zur Landtagswahl 2010

Die kam unerwartet zur Landtagswahl 2010, als die Bergkamener SPD nach einer Kungelei unter Genossen Einfluss auf den Landtagskandidaten nehmen konnte. Weiß schaffte es, eine Mehrheit in der Bergkamener SPD hinter sich zu bringen und über den für die SPD sicheren Landtagswahlkreis Unna III/Hamm II in den Landtag einzuziehen.

Dort verhielt sich Weiß – um es wohlwollend zu sagen – völlig unauffällig, zumindest bis zur Briefkopf-Affäre. Dafür startete er ein Comeback in Bergkamen: Weiß ist seit der Kommunalwahl 2020 wieder SPD-Fraktionsvorsitzender und Vorsitzender des wichtigen Stadtentwicklungsausschusses.

Die jüngste Affäre wundert übrigens selbst Bergkamener Sozialdemokraten nicht besonders, die nicht zu seinem unmittelbaren Umfeld gehören. Das passe zu seinem Charakter, befand einer. Damit kann man es offenbar weit bringen, zumindest in der heimischen SPD.

Über den Autor
Redaktion Bergkamen
Geboren 1960 im Münsterland. Nach dem Raumplanungsstudium gleich in den Journalismus. Mag Laufen, Lesen, Fußball und den BVB ganz besonders. An den Bergkamenern liebt er ihre Offenheit. Die Stadt ist spannend, weil sie sich im Strukturwandel ganz neu erfinden muss und sich viel mehr ändert als in anderen Städten.
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Michael Dörlemann

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