Mit moderner Technik gegen Tierleid: Damit Rehkitze bei der Wiesenmahd nicht getötet werden, sucht die Kreisjägerschaft die Wiesen vor der Mahd mit einer Drohne samt Wärmebildkamera ab. © Stephanie Tatenhorst
Naturschutz

Mit Video: Jäger retten Rehkitze vor dem sicheren Tod

Es ist ein Dilemma: Zeitgleich zur Brut- und Setzzeit vieler Wildtiere beginnt die Wiesenmahd - und wird zur Todesfalle. Maschinen bringen aber nicht nur Tod, sie retten auch Leben.

Es ist kurz nach 6 Uhr am frühen Donnerstagmorgen, als Mike Ziller seine Drohne von der Laderampe seines Fahrzeugs nimmt und gemeinsam mit Hofbesitzer Martin Brandt zu dessen Wiese geht. Die soll gleich gemäht werden, aber sowohl Brandt als auch die Bergkamener Jägerschaft wissen, dass diese Wiese bei Rehen sehr beliebt ist. Die Chance, dass eine Ricke ihren Nachwuchs dort zur Welt brachte und ablegte, bis dieser selbstständig laufen kann, ist groß.

Und das bringt das Kitz in Lebensgefahr. „Die Natur hat es so eingerichtet, dass neugeborene Rehe weder riechen noch Laute von sich geben, damit sie von Fressfeinden nicht entdeckt werden“, erklärt Martin Brandt. Nähere sich eine Gefahr per Zufall, ducke sich das Kleine tief auf den Boden und werde so leicht übersehen. Auch vom Menschen, der suchend durchs hohe Gras läuft, und erst Recht, wenn er auf einer Mähmaschine sitzt. „Die modernen Geräte haben 200 PS und ein acht Meter breites Schneidwerk, da haben Tiere oft keine Chance“, weiß Brandt.

Drohneneinsatz, um Leben zu retten

Das ist sowohl Landbesitzern als auch Jägerschaft ein Dorn im Auge. Sie wollen die Jungtiere retten. Dabei hilft eine Drohne mit Wärmebildkamera, die sich Mike Ziller privat für diesen Zweck angeschafft hat. „Auch unsere Kreisjägerschaft hat sich inzwischen so ein Gerät zugelegt“, sagt deren 1. Vorsitzender Reinhard Middendorf. Denn Ziller kann in der Erntezeit nicht überall sein. Die Drohnenflüge sind sein ehrenamtliches Engagement am frühen Morgen, danach geht es für den Unnaer zur regulären Arbeit als Vertriebsleiter.

Als Ziller die Drohne steigen lässt und die Wiese hinter dem Hof Brandt genau in Augenschein nimmt, steckt der Mäher schon in den Startlöchern. Doch er wartet, bis Ziller fertig ist. Der hat auf dem Display, das die Ergebnisse der Wärmebildkamera zeigt, helle Punkte entdeckt. Es könnten Kitze sein. Sofort macht sich Martin Brandt auf den Weg, erst durchs Getreide, dann auf die Wiese. Das Gras reicht ihm mindestens bis zu den Hüften, manchmal sogar bis zur Brust. „Man denkt, man sieht alles, was in der Wiese ist. Aber durch das dichte Gras kann man nicht mal einen Meter weit schauen“, erklärt er.

Mehr als hüfthoch steht das Gras derzeit auf vielen Wiesen und Weiden. Viele Ricken nutzen diese Deckung, um dort ihre Kitze zur Welt zu bringen. Das Mähen wird für die Tierkinder aber zum Todesurteil. Deshalb wird vorher nachgeschaut. © Stephanie Tatenhorst © Stephanie Tatenhorst

Über Sprechfunk ist er mit Mike Ziller verbunden, der ihn genau dirigiert. Denn auch Brandts Körper strahlt Wärme aus, die die Kamera an der Drohne genau erfasst. „Fünf Meter, drei, zwei, noch einer. Da, wo du jetzt stehst“, lotst der Mann mit dem Blick von oben den Sucher im Feld – nachdem er zuvor an anderer Stelle plötzlich Entwarnung geben konnte: „Da springt es weg ins benachbarte Feld.“ Dieses Tier war schon alt genug für den Fluchtreflex – und nebenan im Korn ist es jetzt auch sicher. Damit es nicht zurückkommt, bringt Martin Brandt Signalgeber an, die an eine Alarmanlage erinnern. Das nervende Geräusch hält die Tiere ab, bis der Mäher kommt und das Gerät wieder entfernt.

Totes Kitz entdeckt

Für ihn ist die Wiese nun gesichert. Kein Tier wird darin zu Schaden kommen, was auch den Mäher freut. Weiter geht es zur nächsten Wiese wenige hundert Meter weiter – und auch dort werden Ziller und seine Drohne schnell fündig. Wieder macht sich Martin Brandt mit dem Einkaufskorb, mit dem er das Kitz zum Wiesenrand bringen würde, auf den Weg. Doch dann muss er eine traurige Nachricht übermitteln: „Das Kitz ist tot“, schallt es aus dem Walkie Talkie.

Betretende Stille bei den Männern, die sonst vom Hochsitz aus das Gewehr anlegen. „Das ist außergewöhnlich“, sagt Ziller. Denn seine Drohne zeigte noch die Körpertemperatur des Kitzes. Das Handyfoto, das Martin Brandt mit zurückbringt, gibt den Männern Gewissheit. „Das Tier hat die Geburt nicht überlebt. Und die ist noch nicht lange her. Vielleicht heute Nacht“, schlussfolgert Ziller. „Das ist Natur“, sagt Middendorf.

Die Kameras der Drohnen zeigen sowohl ein Luftbild als auch die Wärmereflektion. Kleine weiße Punkte zeigen an, wo Kitze liegen könnten. Die Stellen werden dann zu Fuß aufgesucht und kontrolliert. © Stephanie Tatenhorst © Stephanie Tatenhorst

Die restliche Wiese ist unauffällig, weiter geht es zu einer dritten Stelle an den Overberger Ortsrand. Wieder lässt Mike Ziller seine Drohne auf 80 bis 100 Meter steigen, sucht das Display mit dem Blick eines Fachmanns ab und zoomt an gewissen Stellen tiefer in das Bild hinein. Es ist inzwischen 7.15 Uhr – und die Arbeit wird immer schwieriger.

Die Sonnen erschwert die Arbeiten

Totholz wie bei Zaunpfählen ist jetzt von der Sonne so aufgeheizt, dass es ebenfalls als weiße Punkte auf dem Display erscheint. Genau wie ein Rehkitz haben Pfosten nun eine Temperatur von etwa 36 Grad. „Normalerweise bin ich deshalb noch früher am Tag unterwegs“, sagt Ziller. Denn je höher die Sonne steigt und je wärmer es wird, desto weniger kann er Tier von Umwelt unterscheiden. Auch jetzt schickt er Martin Brandt an eine Stelle, an der nur ein großes Blatt liegt, unter dem sich die Luft erwärmt hat. „Ab 11 Uhr ist dann gar nichts mehr zu machen. Dann ist alles andere zu warm“, sagt Ziller. Doch für diesen Tag hat er sein Ziel erreicht: Zumindest ein Tier konnte er mithilfe der Drohne vor großer Gefahr schützen.

Über die Autorin

Unna am Abend

Täglich um 18 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.