Die beiden Hauptakteure des Stückes um die gefälschten Hitler-Tagebücher: Fälscher Prof. Dr. Fritz Knobel (l.), überzeugend gespielt von Carsten Klemm sowie Skandalreporter Hermann Willié (Luc Feit). © Elvira Meisel-Kemper
Theater um Hitler-Tagebücher

„Schtonk!“ weckt in Werne Erinnerungen an den größten Fälscher-Skandal

Noch 24 Stunden vor der Aufführung war nicht ganz sicher, ob das Coronavirus dem Theaterstück „Schtonk!“ im Kolpingsaal Werne einen Strich durch die Rechnung machen würden. Machte es aber nicht.

Der Name „Schtonk!“ weckt Erinnerungen, die bis heute das Urteil über die Glaubwürdigkeit der Presse erschüttern. 1983 präsentierte das Hamburger Magazin „Der Stern“ die Hitler-Tagebücher, die sich wenig später als Fälschung aus dem Atelier von Konrad Kujau entpuppten. Reporter Gerd Heidemann war damals auf diese Fälschung hereingefallen.

„Schtonk!“ steht für einen Film, den Helmut Dietl 1992 als Drehbuchautor und Regisseur unter diesem Namen mit prominenter Besetzung der Schauspieler in die Kinos brachte. Damals standen Götz George, Uwe Ochsenknecht und Christiane Hörbiger vor der Kamera.

Diese Szene zeigt v. l. Pit Kummer (Ressortleiter), Kurt Glück (Chefredakteur) und Hermann Willié. Glück hält die angeblichen Hitler-Tagebüchern in der Hand.
Diese Szene zeigt v. l. Pit Kummer (Ressortleiter), Kurt Glück (Chefredakteur) und Hermann Willié. Glück hält die angeblichen Hitler-Tagebüchern in der Hand. © Elvira Meisel-Kemper © Elvira Meisel-Kemper

Ganz so prominent besetzt war die Theaterauffassung nicht, die 2018 auf der Württembergischen Landesbühne Esslingen ihre Uraufführung erlebte. Dafür aber genial gespielt und umgesetzt. Jetzt war dieses Theaterstück auch auf der Bühne des Kolpingsaales in Werne zu sehen; allen Absage-Befürchtungen wegen der Coronakrise zum Trotz.

Hauptfigur ist Prof. Dr. Fritz Knobel, der Fälscher, virtuos und überzeugend gespielt von Carsten Klemm. Der Skandalreporter Hermann Willié wird ebenso beeindruckend verkörpert von Luc Feit. Mitten in einem dezenten Bühnenbild spielte die Szenerie mal in einem Café oder im Atelier des Fälschers, in dem sich gleich zwei Frauen an seiner Seite tummeln: Biggi, die Frau des Fälschers (Iris Boss) und Martha, seine Muse (Alina Hidic).

Seilschaften überzeugter Nationalsozialisten

Menschliches mischt sich mit Künstlerischem, aber auch mit den Seilschaften von immer noch überzeugten Nationalsozialisten. Willié ist liiert mit Freya von Hepp (Julia Weden), die sich offen und sogar positiv zur Verwandtschaft mit Hermann Göring bekennt. Kunsthistoriker Prof. August Strasser (Holger Teßmann) ist ein Altnazi.

Schlagkräftig sind die Dialoge, die das Publikum oft zum Schmunzeln bringen. Knobel steigert sich immer mehr in den Fälscherwahnsinn hinein. Willié sieht sich schon im Ruhmeshimmel als Reporter. Dazu kommen Geschichten, die Knobel in die Welt setzt, die ebenso „gefälscht“ bzw. erstunken und erlogen sind. Ein Flugzeug soll zehn Kisten mit privaten Gegenständen von Hitler, darunter die Tagebücher, weggeschafft haben. Allerdings wurde das Flugzeug abgeschossen und verbrannte. Knobel habe die Tagebücher gerettet.

Viel Applaus gab's am Schluss für die zehn Schauspieler der Aufführung
Viel Applaus gab’s am Schluss für die zehn Schauspieler der Aufführung „Schtonk!“. © Elvira Meisel-Kemper © Elvira Meisel-Kemper

Die Arbeit an der Fälschung der Tagebücher treibt Knobel buchstäblich in den Wahnsinn. Er wird immer seltsamer, vernachlässigt seine beiden Frauen und sich selbst. Immer wieder sitzt er im Bademantel am Schreibtisch und malt die Tagebücher in altdeutscher Schrift, während er Willié verspricht, nicht nur drei Tagebücher gefunden zu haben und gegen Geld an ihn zu verkaufen, sondern die Zahl der Tagebücher wird bei jedem Treffen der beiden mehr. Willié ist so euphorisiert, dass er Verlagsleiter Dr. Guntram Wieland (Kai Hufnagel), Ressortleiter Pit Kummer (Matthias Hörnke) und Chefredakteur Kurt Glück (Gregor Eckert) total überzeugt.

Der Skandalreporter dreht durch

Der tiefe Fall kommt für alle Ruhmessicheren am Schluss mit der Expertise des Bundeskriminalamtes: Papier, Bindung und Tinte seien aus der Zeit nach 1945. Der gerade gefeierte Willié dreht durch und murmelt vor sich hin „Hitler lebt!“. Und Knobel präsentiert sich als jemand, der vom Wahnsinn der Fälschung gezeichnet ist. Der begeisterte Schlussapplaus belohnte die zehn Schauspieler für diese grandiose Leistung.

Über die Autorin
Freie Journalistin
Elvira Meisel-Kemper ist freie Kunsthistorikerin und Journalistin. Sie hat Erfahrung als Autorin, Kunstvermittlerin, Projektbegleiterin und in der Fotografie. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeiten liegt in der Kunstszene des Münsterlandes.
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