Am vorletzten Verhandlungstag im Nagelstudioprozess schlug die Stunde von Staatsanwältin Elfi Lechtape. © Matthias Münch
Landgericht Münster

Nagelstudio-Prozess: „Rechtsfeindliche Gesinnung“ der Angeklagten

Im Prozess um illegal betriebene Fingernagelstudios unter anderem in Werne liegen jetzt die Strafforderungen der Staatsanwaltschaft auf dem Tisch.

Haftstrafen ab drei Jahren forderte die Staatsanwältin Elfi Lechtape am Donnerstag für die drei verbliebenen Angeklagten im Nagelstudio-Prozess am Landgericht Münster. Von 2015 bis 2019 sollen sie in NRW zwei Dutzend Nagelstudios mit schwarz arbeitenden Frauen, Männern und Jugendlichen aus Vietnam betrieben haben. Darunter auch in Werne und allen Teilen des Landes NRW.

Der 55-jährige deutsch-vietnamesische Clanchef und Drahtzieher soll drei Jahre und acht Monate hinter Gitter. Für dessen 48 Jahre alten Bruder beantragte die Staatsanwältin drei Jahre und zwei Monate, für die 38-jährige Nichte glatt drei Jahre. Die Anträge beziehen sich nur auf den Schaden der Sozialversicherungen.

Die Vorwürfe der Steuerhinterziehung und der Schleuserkriminalität werden in späteren Verfahren behandelt. Um den Prozess zu verkürzen und den Angeklagten die Geständnisse zu erleichtern, habe die Strafkammer die Höhe des Sozialversicherungsbetruges „stark eingedampft“, so die Anklagevertreterin. Dem könne sie mit großen Bedenken zustimmen. Für den Clanchef kam sie auf eine Schadenssumme von 395.000 Euro in 45 Fällen, für den Bruder auf 382.000 Euro in 114 Fällen. Die Nichte habe Beihilfe zu den Betrugsdelikten in Höhe von 522.000 Euro gleistet.

Die Angeklagten hätten eine „rechtsfeindliche Gesinnung“ an den Tag gelegt und in einer „kriminellen Parallelgesellschaft“, operiert. Das habe der Zoll für fast alle vietnamesischen Nagelstudios festgestellt.

Verteidiger weisen Anträge zurück

Die sechs Verteidiger wiesen sowohl die Ausführungen als auch die Strafanträge der Staatsanwältin als weit überzogen zurück. Die Angeklagten seien geständig und nicht vorbestraft. Von Schleuserkriminalität könne keine Rede sein. Die Anwälte des 55-Jährigen beantragten für ihren Mandanten zwei Jahre und vier Monate. Die Verteidiger des Bruders forderten eine Bewährungsstrafe unter zwei Jahren. Auch die Verteidiger der Nichte hielten eine Strafe unter zwei Jahren für angemessen.

Die Staatsanwältin hielt die Fortdauer der fast 14 Monate dauernden U-Haft in allen drei Fällen wegen Fluchtgefahr für notwendig. Dagegen wandten sich die Anwälte vehement und beantragten unisono die Aufhebung der Haftbefehle. Ihre Mandanten seien mit ihren Familien in Deutschland integriert. Den Vorwurf überdurchschnittlicher krimineller Energie wies ein Verteidiger zurück.

Schwarzarbeit gebe es in Deutschland schon 100 Jahre. Das einzig Neue: „Sonst geht es um Baugerüste, hier geht es um Fingernägel.“ Mit der Gerüstmafia hat sich Staatsanwältin Lechtape bereits intensiv beschäftigt.

Die 12. Große Strafkammer will die Urteile am Mittwoch, 16. Dezember, verkünden.

Lesen Sie jetzt