Im großen Saal des Landgerichts Münster ist am Mittwoch der erste Teil des Nagelstudio-Prozesses zu Ende gegangen. Der Richter baute den Angeklagten eine goldene Brücke. © Matthias Münch (A)
Landgericht Münster

Nagelstudio-Prozess: Angeklagte trotz hoher Strafen auf freiem Fuß

Mehrjährige Haftstrafen verhängte das Landgericht Münster am Mittwoch zum Ende des ersten Nagelstudio-Prozesses. Die Kammer blieb nur knapp unter den Forderungen der Staatsanwältin.

Die Gerichtsentscheidung beruht auf den Geständnissen der Angeklagten sowie den umfangreichen Observierungen von Zollfahndung und Polizei. Allerdings bezieht sich das Urteil nur auf den Betrug an den Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherungen. Jeweils knapp 400.000 Euro wurden den beiden Bossen angelastet. Die Nichte soll Beihilfe zu Delikten von über 500.000 Euro geleistet haben. Sie fungierte als Betriebsleiterin oder Mitinhaberin von Geschäften und beschaffte das Material für die Studios.

Die Urteile: Drei Jahre und drei Monate bzw. zwei Jahre und neun Monate gegen die beiden 55 und 48 Jahre alten Chefs des vietnamesischen Nagelstudio-Clans. Die 38-jährige Nichte der beiden Brüder bekam eine Strafe von zwei Jahren und acht Monaten.

Nagelstudio-Expansion auch nach Werne

Angefangen hatte alles 2011 mit einem Nagelstudio in Münster. Von dort expandierte die Bande in alle Himmelsrichtungen, auch nach Werne. Teilweise mit Hilfe von Strohleuten eröffneten die Brüder Studios in ganz NRW. Spätestens ab 2015 bis 2019 arbeiteten sie mit illegal beschäftigten Landsleuten.

Einen wichtigen Mitarbeiter rekrutierten sie in Bergkamen. Der 29-jährige Vietnamese arbeitete sich in der Bande rasch nach oben und wurde mit angeklagt. Gegen ihn stellte das Gericht vor einigen Wochen das Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage ein.

Nur einen geringen Teil offiziell abgerechnet

Ein geringer Teil der Arbeit in den Nagelstudios lief offiziell durch die Bücher. Das meiste war Schwarzarbeit, wie es laut Gericht im vietnamesischen Zweig der Branche üblich sein soll. Weitere Ermittlungen laufen noch, unter anderem gegen die Ehefrau des Jüngeren der beiden Clanchefs.

In seiner Urteilsbegründung schrieb der Richter den Angeklagten eine erhebliche kriminelle Energie zu. Sie hätten eine frappierende Gleichgültigkeit gegenüber dem deutschen Rechtssystem an den Tag gelegt. Das zeige sich schon am langen Zeitraum ihrer Straftaten.

Wegen Fluchtgefahr ordnete das Gericht die Fortdauer der Haft gegen alle drei Täter an. Auf sie kommen erhebliche Kosten zu. Sie müssen für die angerichteten Schäden und für die Prozesskosten aufkommen. Abgetrennt vom Prozess wurden die in Millionenhöhe angeklagte Steuerhinterziehung sowie die Schleuserkriminalität. Da drohen neue Verfahren, wie die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer angekündigt hatte.

Überraschung nach Urteilsverkündung

Es könnte aber auch ganz anders kommen. Denn die große Überraschung platzte am Mittwoch nach der Urteilsverkündung. Da baute der Kammer-Vorsitzende den Angeklagten eine goldene Brücke. Sollten sie auf Rechtsmittel gegen den Schuldspruch verzichten, dann könnten Haftverschonungen geprüft werden.

Dazu kam es tatsächlich. Die beiden Clanchefs akzeptierten das Urteil. Daraufhin setzte das Gericht ihre Haftbefehle gegen Meldeauflagen außer Vollzug. Ob es obendrein noch zur Einstellung der weiteren Verfahren kommt, entscheidet sich in den nächsten Tagen.

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