Industrie- und Gewerbegebiet

Erhitzte Gemüter beim Bürgerforum: „Wir vertrauen der Politik nicht“

Zu einem Bürgerforum über die weiteren Planungen eines Industrie- und Gewerbegebiets an der Nordlippestraße hatte die Stadt Werne am Freitag in den Kolpingsaal geladen. Es ging teils hitzig zu.
Bei der Podiumsdiskussion im Kolpingsaal redeten die Teilnehmer Tacheles. Zumindest einige, wie Clemens Overmann, Götz Heinrich Loss und Bürgermeister Lothar Christ. © Felix Püschner

Bis auf den letzten Platz gefüllt ist der Kolpingsaal an der Alten Münsterstraße am Freitagnachmittag nicht. Das mag daran liegen, dass die Uhrzeit für das Bürgerforum zum Bürgerentscheid über das mögliche Industrie- und Gewerbegebiet an der Nordlippestraße nicht gerade vorteilhaft für jeden ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Stadt besagte Veranstaltung zusätzlich online per Video-Stream überträgt – oder es ist schlichtweg der Pandemie geschuldet. Fest steht jedenfalls: An der Brisanz des Themas liegt es nicht.

Denn wie sehr die Planungen die Werner aufwühlen, wird schnell deutlich. Zur Einführung stehen vier jeweils einminütige Statements auf dem Programm – von Befürwortern und Gegnern der Planungen. Den „fachlichen Input“ liefert ein Vertreter des Regionalverbands Ruhr. Dann startet die eigentliche Podiumsdiskussion mit Bürgermeister Lothar Christ, Wirtschaftsförderer Matthias Stiller sowie Clemens Overmann und Dr. Götz Heinrich Loos als Vertreter des Bürgerbegehrens. Und auch Michael Zurhorst hat es als Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Wir für Werne quasi im letzten Moment noch auf die Bühne geschafft. War ursprünglich nicht so vorgesehen – und kommt auch nicht bei allen gut an.

Klartext von Overmann – Antwort von Christ

Die Gegner des Kooperationsstandorts fühlen sich benachteiligt. Das ändert sich auch nicht, als Moderatorin Britt Lorenzen versichert, dass jeder Seite 45 Redeminuten zustehen. „Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir auch noch ein paar Leute mehr mitgebracht“, sagt Overmann und erntet dafür Applaus. Fragen aus dem Publikum werden anschließend an eine Leinwand projiziert. Alle Redner dürfen Stellung beziehen. Die mit Abstand meiste Redezeit beanspruchen dann gefühlt aber Christ und Overmann für sich – und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund.

Der Vertreter des Bürgerbegehrens hebt einen Aspekt hervor, der schon lange mitschwingt, den man aber nicht auf offiziellen Dokumenten oder in Broschüren findet. Man habe schlichtweg nicht das nötige Vertrauen in die Politik, die von einem nachhaltigen und grünen Gewerbegebiet träumt und schon mehrfach betont hat, nichts anderes als das zuzulassen: „Und hätten wir immer allen Vorschlägen aus der Politik zugestimmt, dann hätten wir heute kein Gradierwerk und auch kein historisches Rathaus mehr“, sagt Overmann. Wieder gibt‘s Applaus.

Die Veranstaltung wurde per Livestream übertragen.
Die Veranstaltung wurde per Livestream übertragen. © Felix Püschner © Felix Püschner

Bürgermeister und Wirtschaftsförderer weisen anschließend mehrfach darauf hin, dass man Klimaschutz und Wirtschaft durchaus verbinden könne. Mehr noch: Ohne Firmen, die fortschrittlich denken, sei Klimaschutz in Zukunft nicht in dem erforderlichen Maße möglich. Und besagte Firmen bräuchten nun mal Platz. Wernes Bürgermeister geht noch etwas weiter und spricht mit Bezug auf das Thema Flächenversieglung in Richtung Publikum: „Schauen Sie sich an, schauen Sie Ihren Nachbarn an – jeder, der einen Job hat, arbeitet bei einem Unternehmen, das auf einer Fläche steht.“

Auch beim Thema Fachkräftemangel sind sich beide Seiten nicht ganz einig – zumindest bezüglich einer Lösung des Problems. Dass es ihn gibt, auch in Werne, ist klar. Während Overmann jedoch den Blick insbesondere in die Innenstadt mit ihrer Gastronomie richtet, bleiben die Befürworter des Kooperationsstandorts an der Nordlippestraße lieber in ihrem Außenbereich. Den Fachkräftemangel müsse man auf einer anderen Ebene lösen. Das könne man nicht in Werne schaffen. Und erst recht nicht dadurch, dass man Gewerbeflächen verbietet, heißt es. Am Ende gibt es dann doch noch versöhnliche Worte. Die Zukunft von Werne wolle man gemeinsam gestalten und zwar im Dialog – egal, wie der Bürgerentscheid ausgeht.

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