Einblick in den Arbeitsalltag

Schreiben nach Zahlen: So arbeitet unsere Lokalredaktion heute

Die Arbeitsweise unserer Redaktion hat sich in den vergangenen Jahren rasant verändert. Eine Begleiterscheinung der Digitalisierung sorgt dafür, dass die Reporter heute viel mehr über die Interessen ihrer Leser wissen, als dies in den ausschließlich gedruckten Zeiten der Fall war.
Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass viele unserer Reporter im Home-Office arbeiten. Über die Software „Teams“ tauschen wir uns in Videokonferenzen aus. Auf dem Bildschirm zu sehen sind (von oben links nach unten rechts) Carlo Czichowski, Dirk Becker, Claudia Pott und Michael Dörlemann, im Vordergrund Kevin Kohues. © Stefan Milk

„Früher war alles besser“ war zu allen Zeiten ein beliebtes Sprichwort. Ob es jemals stimmte? In dieser Pauschalität wohl kaum, auch wenn es oft im Auge des jeweiligen Betrachters liegt. So wie zu Zeiten von Kriegen und Hunger in Deutschland kaum alles besser als heute war, gilt dies auch für die Arbeit von uns Journalisten in den Zeiten vor der Digitalisierung.

Sicher ist, dass vieles anders war. Zeitung können wir beim Hellweger Anzeiger seit über 175 Jahren, Nachrichten über digitale Kanäle verbreiten wir seit über 25 Jahren. 1996 ging hellwegeranzeiger.de online. Lang ist’s her.

Die Digitalisierung verändert die Arbeit in der Redaktion massiv

Aber erst in den vergangenen fünf Jahren hat sich mit der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche auch unsere Arbeit in der Redaktion massiv verändert. Kam der Lokalredakteur früher mit Notizblock und Kugelschreiber aus, ist er heute mit Smartphone und Laptop unterwegs. Musste er früher ins Büro, um seine Beiträge für die Zeitungsausgabe des nächsten Tages zu verfassen, kann er heute in Echtzeit von jedem beliebigen Ort aus berichten.

Unsere Kollegen: Data Scientists, Social Media Manager, SEO-Managerin

Und er weiß genau, wie viele unserer (digitalen) Abonnenten seine Artikel gelesen haben. Wir Journalisten haben heute Kollegen, deren Berufsbezeichnung wir vor wenigen Jahren noch gar nicht kannten: Data Scientists, einen Social Media Manager oder eine SEO-Managerin.

Fotostrecke

So arbeitet unsere Lokalredaktion

Saß die Redaktion früher im Laufe des Vormittags zusammen und malte auf fiktiven Zeitungsseiten die Verteilung der Themen für die nächste Ausgabe auf, läuft heute auch die tägliche Themen-Konferenz viel digitaler ab.

Jeden Morgen schalten sich unsere Reporter zu einer Video-Konferenz zusammen. Wegen der Corona-Pandemie arbeiten nur wenige Kollegen in den Verlagshäusern in Unna und Kamen, die meisten schalten sich von zu Hause oder unterwegs dazu.

Immer im Blick: Auf Monitoren in den Redaktionsräumen sehen die Reporter, im Bild Marcus Land (l.) und Dirk Becker, wie viele Abonnenten auf hellwegeranzeiger.de unterwegs sind – und was sie lesen.
Immer im Blick: Auf Monitoren in den Redaktionsräumen sehen die Reporter, im Bild Marcus Land (l.) und Dirk Becker, wie viele Abonnenten auf hellwegeranzeiger.de unterwegs sind – und was sie lesen. Auch ihre Ressortseiten haben die Kollegen auf diese Weise immer „auf dem Schirm“. (Das Foto entstand vor der Corona-Pandemie.) © Udo Hennes © Udo Hennes

Jeden Tag nimmt sich das Team viel Zeit dafür, um nicht nur das zu besprechen, was kommt, sondern auch das, was war. Wir schauen uns die Zahlen an. Welche Geschichte haben am Vortag die meisten Abonnenten gelesen? Von welchem Thema hatten wir uns mehr Zuspruch erwartet? Wo sollten wir dranbleiben, „weiterdrehen“, wo besser nicht? Was sind die Gründe für den Erfolg oder Misserfolg einer Geschichte? Wir lernen jeden Tag dazu, der stetige Austausch und die Daten helfen uns dabei.

Die Nähe zum Leser ist deutlich größer geworden

Aber nicht nur deshalb ist die Distanz zwischen Reporter und Leser deutlich kleiner als früher. Gab es zu reinen Zeitungszeiten mal einen Leserbrief, werteten wir das als sicheren Indikator dafür, dass ein Thema unsere Leser bewegt.

Heute ist die Kommunikation viel direkter, bekommen wir viel mehr Feedback über soziale Medien oder per E-Mail. Und nicht selten ergeben sich daraus neue Ansätze für die Recherche und weitere Themen.

Apropos Themen: Die kritzeln wir schon lange nicht mehr in Notizblöcke, sondern tragen sie im Mobile Editorial Client (MEC) ein. Das Programm, mit dem alle unsere Reporter und Fotografen heute arbeiten, lässt sich von überall aus über den Browser aufrufen und mit Inhalten füttern.

Die Redaktion führt darin ihren Terminkalender, plant ihre Themen und sammelt Material wie Texte, Fotos und Videos. Auch die Ausspielung der Inhalte auf hellwegeranzeiger.de wird über den MEC gesteuert.

Welches Thema wann wo steht, kann jeder Kollege jederzeit beeinflussen, ob im Büro im Verlagshaus oder vom heimischen Sofa aus. Die tägliche Reporter-Arbeit ist an manchen Stellen einfacher, an anderen wiederum komplexer geworden.

Mehr Zeit für die Recherche und fürs Schreiben

Einfacher deshalb, weil unsere Reporter heute mehr Zeit für die Recherche und für das Produzieren von Inhalten haben – zum Beispiel, weil sich um das Planen und Layouten der Zeitungsseiten andere, darauf spezialisierte Kollegen kümmern.

Komplexer deshalb, weil es mit dem bloßen Aufschreiben einer Geschichte – Überschrift, Unterzeile, Haupttext, Bildzeilen – längst nicht mehr getan ist. Die Reporter hantieren nicht nur mit verschiedensten Werkzeugen, etwa um Videos, Karten oder Grafiken zu erstellen.

Unsere Reporter, im Bild Carsten Janecke, sind heute so mobil wie nie zuvor. Laptop und iPhone ermöglichen flexibles Arbeiten.
Unsere Reporter, im Bild Carsten Janecke, sind heute so mobil wie nie zuvor. Laptop und iPhone ermöglichen flexibles Arbeiten. © Stefan Milk © Stefan Milk

Sie jonglieren auch mit den unterschiedlichen Zugangs- und Verbreitungswegen, um mit ihren Inhalten möglichst viele Leser zu erreichen. So gibt es in jedem Artikel eine Metaebene für Schlüsselbegriffe und Angaben, die für eine bessere Sichtbarkeit bei Google sorgen. Eine SEO-Managerin – die Abkürzung steht für Search Engine Optimization – hilft den Kollegen bei der Suchmaschinenoptimierung.

Der Reporter ist heute auch Verkäufer

Der Reporter von heute ist gewissermaßen auch Verkäufer: Seine Nachrichten sind seine Ware. Ein Marktplatz ist Google, ein anderer Facebook, und wer sich dort nicht tummelt, den können wir auch per Newsletter oder über die Mediabox genannten Bildschirme in Banken und Geschäften täglich mit frischem Nachrichtenfutter versorgen.

Macht uns all das zu besseren Journalisten als früher? Ich glaube, Ja. Weil wir uns und unsere Arbeit viel stärker hinterfragen und die modernen Hilfsmittel und Kanäle nutzen, um bessere Inhalte zu liefern. Und weil wir damit viel näher an den Interessen derjenigen sind, für die wir arbeiten – nämlich für Sie, liebe Leserinnen und Leser.

Lesen Sie jetzt