Zwangsarbeiter in Unnas Bergwerken

dzEnde der Bergbau-Ära

Der Bergmann Karl Kamphans arbeitete selbst lange unter Tage. Während des Kriegs kam er auch in Kontakt mit Zwangsarbeitern, die Schwerstarbeit leisteten und sich Misshandlungen durch das Aufsichtspersonal ausgesetzt sahen. Ein dunkles Kapitel der Bergbaugeschichte.

von Niko Wiedemann

Unna

, 08.10.2018, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Karl Kamphans war bis zu seinem Renteneintritt im Jahr 1960 im Bergbau beschäftigt. Trotz einer schweren Erkrankung an den Augen, die ihn fast erblinden ließ, arbeitete er jahrzehntelang als Hilfsarbeiter unter Tage und baute Steinkohle ab. Fast 60 Jahre später hält sein Sohn verschiedene, aus Draht geflochtene Figuren in den Händen: Eine Ente, ein Flugzeug, Körbe in unterschiedlichen Größen. Was aussieht wie ein nettes Mitbringsel aus dem Urlaub, hat tatsächlich historische Bedeutung. Die Drahtfiguren sind Relikte des vielleicht dunkelsten Kapitels der Bergbaugeschichte. Sie wurden von Zwangsarbeitern gefertigt, die während des Zweiten Weltkriegs in der Zeche „Königsborn“ arbeiteten. Aus „Schießdraht“, der eigentlich für Sprengungen im Bergwerk eingesetzt wurde, wickelten die Kriegsgefangenen unter verdeckter Hand kleine Kunstwerke, die sie Karl Kamphans im Tausch gegen eine kleine Mahlzeit überließen.

Zwangsarbeiter in Unnas Bergwerken

Dieses Zeugnis des unmenschlichen Kontaktverbots steht in Lünern: Der Künstler Christian Brachmann hat 1987 die Skulptur „Paar 1943“ geschaffen. Sie erinnert an eine 17-jährige Reichsangehörige, die eine Liebschaft mit einem polnischen Zwangsarbeiter hatte. Sie kam nach zwei Wochen aus dem Gefängnis heraus, er endete am Galgen. © Wilfried Wirth

Der Bergmann ging mit dem Tauschgeschäft ein großes Risiko ein. „Haltet Abstand von Kriegsgefangenen“, schrieb der „Westfälische Anzeiger“ im August 1940. Damals war den Bergarbeitern jeglicher Kontakt zu Zwangsarbeitern untersagt, sofern er sich nicht auf Anweisungen beschränkte. Zuwiderhandlungen wurden im Extremfall mit einer sofortigen Abordnung an die Ostfront bestraft. Diese drastische Strafe stand sinnbildlich für den unmenschlichen Umgang mit den Kriegsgefangenen, die offiziell nur „Reichsfeinde“ genannt wurden. Auch Unna blickt auf ein dunkles Kapitel seiner Geschichte zurück.

Arbeitskräftemangel im Krieg

Nach den großen Verlusten der Wehrmacht an der Ostfront im Jahr 1942 sahen sich viele Unnaer Bergleute gezwungen, die deutschen Truppen an der Ostfront zu unterstützen. Um größere Beeinträchtigungen der Kriegswirtschaft zu vermeiden, musste die Arbeitskraft der Abwesenden möglichst umgehend ersetzt werden. Unnas Zechen versuchten, dem Arbeitskräftemangel mit einer Verlängerung der Arbeitszeiten der Daheimgebliebenen entgegenzuwirken. Außerdem griffen sie verstärkt auf Frauen zurück, die allerdings nicht unter Tage arbeiten durften. Diese Maßnahmen brachten jedoch keine dauerhafte Lösung, vor allem die Überschichten trafen zunehmend auf Unmut unter den Bergleuten. Mit dem Vorstoß der deutschen Truppen an der Ostfront ergab sich schließlich eine Möglichkeit, die fehlende Arbeitskraft dauerhaft zu ersetzen: durch Kriegsgefangene.

Zwangsarbeit in Unna

550 Polen erreichten am 30. September 1939 den Bahnhof Unna. Ein Teil von ihnen kam im Saal der Gastwirtschaft „Paas“ unter, die zum ersten Zwangsarbeitslager der Stadt umfunktioniert wurde. Die ersten Kriegsgefangenen wurden gezwungen, die örtliche Rüben-, Kartoffel- und Kohlernte zu verrichten. Die Zahl der Zwangsarbeiter stieg im Verlauf des Krieges von 400 im Jahr 1941 bis auf fast 1800 im Jahr 1944. Zu diesem Zeitpunkt war etwa jeder zwölfte Unnaer ein Kriegsgefangener.

Zwangsarbeiter in Unnas Bergwerken

Der ehemalige Zwangsarbeiter Pavel Spak (3. v. l.) kehrte 2007 zur Zeche Monopol in Kamen zurück. Er musste dort nach seiner Verschleppung während der NS-Zeit arbeiten. © trojan

Viele von ihnen „malochten“ in den örtlichen Zechen unter zum Teil katastrophalen Bedingungen. Besonders hart traf es die Polen und „Ostarbeiter“ aus der Sowjetunion, die in der NS-Rassenideologie auf unterster Stufe standen. Sie lebten überwiegend in bewachten und maßlos überfüllten Baracken-Anlagen, von denen sich im Jahr 1944 etwa 20 in Unna befanden.

Schlechte Verpflegung und körperliche Misshandlung

Die Situation der Zwangsarbeiter war durch lange Arbeitszeiten, eine geringe Entlohnung, körperliche Übergriffe und eine miserable Verpflegung gekennzeichnet. Die Gefangenen kamen zum Teil schon stark unterernährt ins Ruhrgebiet, unzureichende Rationen trotz der Schwerstarbeit unter Tage führten dazu, dass viele von ihnen schon nach kurzer Zeit arbeitsunfähig wurden oder sogar verstarben. Die Betriebe setzten die Lebensmittelrationierung als ein perfides Mittel zur Leistungssteigerung ein: Leistungsstarke Arbeiter erhielten Zusatzrationen, die wiederum den weniger produktiven Arbeitern abgezogen wurden. Während der Arbeit wurden die Kriegsgefangene nicht selten Opfer körperlicher Gewalt, die ein legitimes Mittel zur Bestrafung war. Die Täter konnten sich hier auf eine undurchsichtige Anordnung berufen, die körperliche Gewalt als ein „Notwehrmittel“ gegen Angriffe gegen ihr „sittliches“ oder „vaterländisches“ Gefühl erlaubte. Zwangsarbeitern, die unerlaubt die Arbeit niederlegten, drohte die Überstellung in ein Arbeitserziehungslager. Dort erwarteten sie weitere körperliche Misshandlungen, die in den meisten Fällen zur Arbeitsunfähigkeit oder zum Tod führten.

Zwangsarbeiter in Unnas Bergwerken

Nach der Befreiung durch die Alliierten 1945 kehrten die Zwangsarbeiter, die noch lebten, in ihre Heimat zurück. Das Foto entstand in Holzwickede.

Mit dem Kriegsende endete auch das dunkle Kapitel der Zwangsarbeit. Die alliierten Truppen erreichten Unna am 11. April 1945 und befreiten die Kriegsgefangenen. Viele Zwangsarbeiter erlebten diesen Tag nicht mehr. Rund 200 von ihnen – die Hälfte davon Russen – wurden zum Opfer von Unterernährung, Seuchen, Luftangriffen oder Hinrichtungen. Nach ihrer Befreiung machten sich etliche Kriegsgefangene auf den Heimweg. Für die sowjetischen Zwangsarbeiter setzte sich dort oftmals der Leidensweg fort: Pauschal der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigt, verschwanden nicht wenige von ihnen in stalinistischen Lagern.

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