Bäume kurz vorm Austrieb, volle Streusalzlager und ein Kaufmann, bei dem Mützen zum Ladenhüter werden: Bei Temperaturen bis 13 Grad ist der Winter in Unna frühlingshaft. Und er treibt ungewöhnliche Blüten.

Unna

, 15.01.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Garten Mille Fiori ist ein Kunstprojekt, das viele Farben in einen zuvor tristen Winkel von Unnas Innenstadt bringen soll. Die natürliche Farbe blühender Stockrosen sollte zu dieser Zeit des Jahres nicht dazu gehören. Und doch lassen die Pflanzen vereinzelt ein paar dunkel-violette Blütenkelche hervorschauen.

Was Unna eigentlich nur schöner machen sollte, stimmt dieser Tage nachdenklich. Auch wer den Klimawandel leugnet, erlebt nun eine Stadt, in der es nur noch drei Jahreszeiten zu geben scheint. Der Winter fällt aus. Das zeigt sich an mehreren Symptomen.

Viele Pflanzen sind schon bedenklich weit entwickelt

Die Frühstarter unter den Stockrosen sind ein extremes Beispiel, das auch mit der windgeschützten Innenstadtlage zusammenhängen mag. Ihre volle Blüte erreichen die Zierpflanzen eher ab Juli. Doch sie sind nicht die einzigen Gewächse, die in Unna bereits Frühlingsgefühle entwickeln. Am Südring, kurz hinter dem alten Kreiswehrersatzamt, steht eine Reihe artverwandter Malven, die bereits voll erblüht sind. Eigentlich wäre ihre Zeit im Mai.

Unnaer kaufen weniger Mützen und es blüht: Symptome eines Winters, der keiner ist

Ein Magnolienbaum vor dem Altbau des Katharinen-Hospitals: Seine Knospen wirken bereits so prall, als würden sie sich in Kürze öffnen. © Udo Hennes

Manche Bäume haben so kräftige Knospen, als würden morgen schon die Blätter daraus hervorspringen. „Es wäre nicht überraschend, wenn sie im März bereits grün sind“, wagt Ralf Calovini von den Stadtbetrieben eine Prognose. Der Baumsachverständige nimmt es gelassen: Sollte dann noch ein Spätfrost die zarten Triebe schädigen, würde es einen zweiten Austrieb aus den „schlafenden Augen“ der Bäume geben.

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Ärgerlich könnte der frühe Frühling eher für Gartenfreunde werden, die sich von ihren Obstbäumen eine Ernte erwarten: „Wenn die Bäume schon blühen, bevor etwas fliegt, das sie bestäuben könnte, fällt die Ernte aus“, weiß Calovini.

Dabei ist die Ernte zu dieser Zeit des Jahres eigentlich noch gar kein Thema für Gartenfreunde, wie Beate Hüging-Bous, Vorsitzende des Kleingartenvereins Lebensfreude an der Morgenstraße erklärt. Im Januar sei die Zeit, Obstbäume und Wein erst einmal zu beschneiden.

Viele Mitglieder kämen derzeit eher selten in die Gärten, um dort nach dem Rechten zu sehen. Wer es doch tut, sieht weitere Frühstarter. Die Schneeglöckchen sind schon ganz heraus, die Krokusse stecken ihre Köpfe hervor.

Winterdienst musste bislang erst zweimal ausrücken

Ralf Calovini ist bei den Stadtbetrieben nicht nur für Unnas Grün zuständig, sondern auch für den Winterdienst. Doch bislang blieb die Streu- und Räumkolonne vor allem im Bereitschaftsmodus. Zwei Einsätze hat es seit November erst gegeben.

Die Temperaturen sind weit davon entfernt, dass Straßenglätte zu erwarten wäre. Der Wetterbericht der Meteogroup, der sich auch auf Daten einer Messstation bei den Stadtwerken an der Heinrich-Hertz-Straße stützt, sieht den Mittwoch dieser Woche mit 13 Grad als einen der wärmsten Tage dieses Monats.

Zum Wochenende soll es etwas kühler werden mit Spitzentemperaturen von 6 oder 7 Grad Celsius. Vor allem aber wird das Minimum für diese Woche mit 2 Grad angegeben. Der historische Mittelwert für den Januar in Nordrhein-Westfalen liegt im Zeitraum von 1981 bis 2010 bei 1,9 Grad Celsius. Dabei allerdings werden auch Sauer- und Münsterland miteinander in einen Topf gegeben.

Stadtwerke Unna verkaufen weniger Gas

Die Stadtwerke Unna stellen seit 2016 auch einen Rückgang der Gasabnahmemenge fest. Allerdings warnen sie davor, dies ausschließlich mit Klimaveränderungen zu erklären. Energetische Sanierungsmaßnahmen an Gebäuden dürften ebenfalls dazu beigetragen haben, die Verbräuche zu senken, erklärt der Kaufmännische Prokurist Matthias Kortmann. Und: In der Abgabemenge steckt auch Gas, das von Gewerbebetrieben für ihre Produktion bezogen wird. Da dürften die Konjunktur und Standortverlegungen wie die des Stahlwerks Unna nach Bönen eine Rolle spielen.

Diese Faktoren einmal ausgeklammert zeigt die Statistik der Stadtwerke aber auch andere Befunde: Neben der aktuellen Wärmephase waren etwa die Jahre 2011 und 2014 sehr mild, die Jahre 2010 und 2013 aber auch sehr kalt.

Gegenwärtig zumindest dürfen sich Verbraucher wohl auf relativ niedrige Heizkosten freuen. Wer die warme Wohnung verlässt, steht derweil vor einer anderen Frage: Was soll ich nur anziehen?

Modehäuser setzen auf die moderne Übergangsjacke

Die Modebranche hat sich längst darauf eingestellt, und so gibt es etwa im Kaufhaus Schnückel keineswegs dramatische Überbestände an warmen Sachen, wie Anja Falk für das Unternehmen erklärt. Lieferfristen würden heute sehr viel kurzfristiger bedient, sollte doch einmal ein Winter kommen, der wirklich dicke Sachen erfordert.

Generell aber seien die Winterstücke in den Geschäften heute eher Bekleidung, die auch über längere Zeiträume getragen werden kann. Dank moderner Funktionsfasern können optisch leichtere Jacken zudem einen größeren Temperaturbereich abdecken und dem Träger doch ein angenehmes Tragegefühl vermitteln.

Zugespitzt heißt das: Die richtige Jacke ist die Übergangsjacke, denn die Übergangszeit nimmt ja inzwischen die größere Zeit des Jahres ein. „Der Sale als Nachfolger des Winterschlussverkaufs ist nicht davon geprägt, das wir besonders hohe Warenbestände hätten. Er entspricht eher den Erwartungen der Kunden, und wer jetzt in die Geschäfte geht, bekommt zu einem sehr guten Preis Stücke, die er noch lange tragen kann, bevor die Lust auf Frühlingsfarben kommt“, sagt Anja Falk.

Unnaer kaufen weniger Mützen und es blüht: Symptome eines Winters, der keiner ist

Mützen gibt es bei Intersport Leiendecker noch in großer Auswahl, wie Antje Theiler hier zeigt. Anders als die reinen Wintersportartikel sind sie Bekleidungsstücke, die in einem normalen Winter auch fürs Tragen in Unna verkauft worden wären. © Udo Hennes

Im Sporthaus von Andreas Leiendecker gibt es eine ähnliche Einschätzung – mit einer interessanten Ausnahme. Das Sporthaus in Unna ist traditionell auch Ausrüster aktiver Wintersportler, die für ihr Hobby ohnehin in die Skigebiete fahren und dafür weiterhin auch die entsprechende Bekleidung und Ausrüstung kaufen. Aber Mützen verkaufen sich in diesem Winter doch seltener. „Das sind Bekleidungsstücke, die bei uns sonst auch gekauft würden, um hier getragen zu werden“, erklärt Inhaber Andreas Leiendecker. „Und das macht keiner bei diesen Temperaturen.“

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