Wer krank ist und sich Hilfsmittel unbürokratisch selbst besorgt, bleibt womöglich nachher auf den Kosten sitzen. Der Fall einer Patientin aus Unna geht nun vor Gericht - wegen eines dreistelligen Betrags.

Unna

, 20.01.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Witwer aus Unna liegt im Streit mit der Krankenkasse Barmer. Als seine Frau schwer erkrankte und schnell Hilfsmittel brauchte, besorgte er, was nötig war. In der Eile und in der schwersten Lebenskrise kümmerte sich das Paar nicht um Formalitäten. Nun aber haben diese den Mann wieder eingeholt. Die Krankenkasse erstattet die Kosten nicht. Der Streit hat schon zu einem erheblichen Verwaltungsaufwand geführt und wird nun sogar ein Fall für das Gericht.

Nach dem Krankenhaus pflegebedürftig

Es geht um 632,56 Euro. Diese Summe kam vor rund einem Jahr zusammen, als Rolf Parschau seiner Frau Brunhild helfen musste. Die Unnaerin war an Krebs erkrankt, ihr Zustand hatte sich dramatisch verschlechtert. Sie kam aus dem Krankenhaus und war pflegebedürftig. Ohne Hilfsmittel hätte sie in ihrem Haus nicht bleiben können.

Ein Treppenlift musste her. Die Lieferzeit aber war zu lang. So behalf sich das Paar mit einem Treppensteiger, geliehen für 150 Euro im Monat. Rolf Parschau fuhr selbst fast 300 Kilometer, um das Gebrauchtgerät abzuholen.

Eine Betterhöhung, eine Aufstehhilfe und ein paar andere technische Geräte beschaffte er ebenso, notgedrungen schnell und in Eigeninitiative, allerdings auch günstig. So kamen eben jene knapp über 600 Euro zusammen. Um den eigentlich vorgesehenen Weg einzuhalten, mit einem Rezept vom Arzt und der Beschaffung über ein Sanitätshaus, hätten sie in der angespannten Situation einfach nicht die Zeit gehabt, schrieben Parschaus später an ihre Krankenkasse, mit der Bitte, die Kosten zu erstatten oder sich zumindest daran zu beteiligen.

Widerspruch abgelehnt: Mann zieht vor Gericht

Brunhilde Parschau ist inzwischen verstorben. Ihr Mann versucht nach wie vor, ihre Krankenkasse, die Barmer, zu einer Kostenerstattung zu bewegen. Es läuft ein Streit, der angesichts der infrage stehenden Kosten sehr aufwendig erscheint. Der Verlauf bisher: Die Barmer lehnte die Kostenerstattung ab. Rolf Parschau legte Widerspruch ein, die Krankenkasse wiederum übertrug den Fall ihrem Widerspruchsausschuss. Dies ist ein ehrenamtliches Gremium, das Einzelfälle wie diesen intensiv prüft.

Fast neun Monate später erhielt der Witwer den Bescheid: Sein Widerspruch wurde zurückgewiesen. Nun geht Parschau eine Instanz weiter. Er hat Klage eingereicht beim Sozialgericht in Dortmund.

Teure Beschaffung mit Rezept wäre möglich gewesen

Der Witwer sieht sich im Recht. Und tatsächlich deutet alles darauf hin, dass ihm beziehungsweise seiner Frau die Hilfsmittel grundsätzlich zustanden. Parschau berichtet, dass nachträglich der Hausarzt seiner Frau Rezepte ausgestellt hatte. Das Paar hätte die Geräte problemlos noch einmal beschaffen können. Darauf hätten er und seine Frau aber seinerzeit verzichtet, um nicht noch höhere Kosten zu verursachen. Auch hätten sie bei der Beschaffung alles getan, um die Kosten möglichst niedrig zu halten. Hätte er Treppensteiger und Co. über ein Sanitätshaus bezogen, wären die Kosten etwa dreimal so hoch gewesen, schätzt Parschau. Allein das eine Gerät hätte die Krankenkasse theoretisch fast 1000 Euro gekostet, anstelle der 300 Euro, die er bezahlt hatte.

Barmer beruft sich auf „Sachleistungsprinzip“

Müsste die Kasse es nicht eher begrüßen, wenn Versicherte dazu beitragen, dass ein Fall kostengünstiger abzuwickeln ist? Die Barmer beruft sich auf Recht und Gesetz: Es gelte das Sachleistungsprinzip, erklärte Barmer-Sprecherin Sara Rebein auf Anfrage unserer Redaktion. Sprich: Es ist nicht vorgesehen, dass Versicherte selbst etwas bezahlen und die Kasse nachher die Kosten erstattet.

Ausnahmen gibt es durchaus: Kann die Kasse ein beantragtes Hilfsmittel nicht rechtzeitig zur Verfügung stellen, dürfen Kassen Kosten für selbst beschaffte Dinge nachträglich erstatten. Aber auch in solchen Fällen müsse zuerst ein Arzt eine Verordnung ausgestellt haben und die Krankenkasse müsse vor dem Kauf kontaktiert werden.

Ein Fall für das Gericht: Witwer aus Unna und Krankenkasse streiten um 632,56 Euro

Der korrekte Weg: Brauchen Patienten Hilfsmittel, müssen sie zuerst ein Rezept vom Arzt haben. © picture alliance / Oliver Berg/d

Kasse rät: Service nutzen

Rebein erklärt, die Barmer sei rund um die Uhr telefonisch erreichbar und könne Versicherten auch Sanitätshäuser in der Nähe nennen. Über diesen Weg erhielten Versicherte nicht nur Hilfsmittel, sondern auch den Service dazu, also unter anderem Beratung, Lieferung oder Reparatur. „Die vermeintlich niedrigen Kosten eines Privatkaufs sind daher mit den Kosten für die Bereitstellung über die Kassen keineswegs vergleichbar“, so Rebein.

Aufwand in keinem Verhältnis zur Summe

Die Sprecherin erklärt weiter, man habe bei der Barmer „großes Verständnis für die schwierige Lebenssituation“ der Patientin im Frühjahr 2019. Deswegen sei der Fall auch mehrfach geprüft und dann an den Widerspruchsausschuss übergeben worden. Rebein bestätigt, dass der Aufwand für das ganze Verfahren in keinem Verhältnis zur Gesamtsumme stehe. „Daher bedauern auch wir, dass es keine andere Möglichkeit gab.“ Die Barmer müsse sich aber im Sinne all ihrer Vesicherten an Recht und Gesetz halten. Für eine andere Entscheidung seien ihr daher die Hände gebunden gewesen.

„Im Prinzip geht es darum, dass der gesunde Menschenverstand im Bürokratie-Regelwerk der Krankenkasse außen vor bleibt“, kommentiert Rolf Parschau.

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