Zwischen dem Aluwerk und der früheren Eigentümerfamilie kommt es zum Konflikt. Die Zeitarbeitsfirma des Wiese-Konzerns zieht Personal aus dem Werk ab, lässt die Männer auf ihren Lohn warten.

Unna

, 18.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Mit einem Protestmarsch reagierten die Mitarbeiter der W.B. Metallverabeitungs Service GmbH am Dienstag auf eine vorangegangene Ankündigung, dass es vorerst keinen Lohn geben werde. Vom Werkstor am Uelzener Weg zog ein Tross von Männern zum Anwesen der Familie Wiese in Uelzen, um persönlich Ansprüche anzumelden. Auf das Klingeln an der Pforte hin vernahmen die Protestler allerdings nur ein Huschen hinter einer Gardine. Geöffnet wurde nicht, und so warfen die Mitarbeiter ihre Formulare als Brief ein. Derweil war die Erfüllung ihrer Forderungen allerdings schon „unterwegs“: Kurz vor dem Protestmarsch waren die Löhne doch bei der Bank angewiesen worden. Am frühen Nachmittag verzeichneten die ersten Belegschaftsmitglieder auf ihren Konten den Lohneingang für November. Am Ende kamen die Zahlungen also „nur“ etwas verspätet.

Belegschaft klingelt bei Wieses an der Pforte

Der Protestmarsch am Dienstagvormittag war Zeichen eines Konfliktes zwischen dem Aluwerk und der früheren Eigentümerfamilie Wiese. Es geht um Geld, das das Aluwerk noch unter Thomas Wieses Führung als Vorstandsvorsitzender an die Zeitarbeitsfirma der Familie Wiese bezahlt haben soll - oder um die Leistung, die die Firma dafür im Werk zu erbringen hätte. Fakt ist, dass im Aluwerk derzeit nur die Stammbelegschaft tätig ist, um einen Notbetrieb aufrechtzuerhalten, während die rund 150 Zeitarbeiter der „W.B.“ um ihre Lohnzahlung bangen mussten und von ihrer Gesellschaft das Verbot erhalten haben, im Aluwerk zu arbeiten.

150 Mitarbeiter aus dem Aluwerk sind bei Wieses angestellt

Wer den Konflikt verstehen will, muss sich mit der Geschichte des Aluwerks und der daraus gewachsenen Belegschaftsstruktur befassen. Von 2000 bis 2017 war der frühere Betriebsrat Thomas Wiese Mehrheitsaktionär des Aluwerkes, der Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft war zum Schluss hauptsächlich mit Familienmitgliedern besetzt. Nach dem Verkauf an den chinesischen Branchenriesen Zhongwang reduzierte sich Wieses direkter Einfluss im Werk auf seine Position als Vorstand. Auch dieser Einfluss riss ab, als ihm der inzwischen von den Chinesen dominierte Aufsichtsrat im November das Vertrauen entzog.

Wiese hat seitdem Hausverbot im Aluwerk. Aber: Einige der Menschen, die Tag für Tag die Arbeit im Aluminiumwerk verrichten, unterstehen der Unternehmensgruppe der Familie Wiese dennoch. Neben der Stammbelegschaft ist es ein Arbeitskräftekontingent der Zeitarbeitsfirma W.B. Metallverarbeitung Service GmbH, das das Aluwerk am Laufen hält. Das Unternehmen ist eine Tochtergesellschaft der Familie Wiese GmbH, die als Holding des Wiese-Konzerns gilt. Zuletzt waren etwa 150 Wiese-Männer im Aluwerk tätig.

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Wiese-Werker haben Arbeitsverbot - und ignorieren es

Dass die Zusammenarbeit ungewohnte Probleme erfährt, zeichnete sich bereits in der vergangenen Woche ab. Am Freitag erfuhren die Wiese-Mitarbeiter, dass es ihnen vorerst untersagt sei, im Aluwerk zu arbeiten. Große Teile von ihnen ignorierten diese Anweisung und kamen dennoch ins Werk: Immerhin 80 Prozent der Belegschaft sollen am Wochenende zur „freiwilligen Arbeit“ ins Werk gekommen sein.

Am Montag gab es im Reitsportzentrum Massener Heide eine Belegschaftsversammlung für die W.B. Metallverarbeitung Service GmbH. Dabei wurden die Mitarbeiter darüber informiert, dass vorerst keine Löhne ausbezahlt werden könnten. Begründung: Das Aluwerk habe die Rechnung für erbrachte Personalbereitstellung nicht bezahlt. Am Dienstagvormittag gab es dann besagten Protestmarsch. Dass zu diesem Zeitpunkt doch bereits Lohnzahlungen unterwegs waren, erklärt W.B.-Geschäftsführerin Irene Wiese damit, dass es schlichtweg etwas Zeit benötigt habe, das Geld durch Umschichtungen im Konzern bereitzustellen. Daher habe man den Mitarbeitern gesagt, dass es zu Verzögerungen kommen kann.

Wieses ziehen aus dem Aluwerk Unna die Zeitarbeiter ab

Belegschaftssprecher Ante Bulic vor dem Anwesen der Familie Wiese. In dem Umschlag stecken Formulare, mit denen die Mitarbeiter der Wiese-Zeitarbeitsfirma ihre Ansprüche anmelden. Auf das Klingeln hin hat aber niemand geöffnet.

Aluwerk hat hohe Vorauszahlungen geleistet

Der neue Aluwerk-Vorstand Volker Findeisen erklärte zu der Situation, das Aluwerk habe der W.B. Service GmbH Vorauszahlungen geleistet, die die Personalüberlassung relativ langfristig bezahlen. Aktuell betrage die Vorleistung rund drei Millionen Euro. Bis Februar sollte der Personaleinkauf damit finanziert sein. Irene Wiese widerspricht dieser Darstellung jedoch: „Seit Übernahme Alu Unna AG im August 2017 der durch einen chinesischen Investor sind keinerlei Vorleistungen gezahlt worden.“ Allerdings bestünden ältere Forderungen des Aluwerks. Für diese gebe es eine Rückzahlungsvereinbarung mit monatlichen Raten, die die W.B. auch leisten könne. Der neue Eigentümer des Aluwerkes aber akzeptiere diese Vereinbarung nicht und wolle nun alles auf einmal.

Aber auch das Aluwerk leide in dem Konflikt, macht Vorstand Volker Findeisen deutlich: Bei einigen Kunden stünden Bänder still, weil sie das Aluwerk nicht rechtzeitig beliefern kann. „Wir nehmen erheblich Schaden daran“, so Findeisen. „Einmal unmittelbar wirtschaftlich, aber auch in Imagefragen.“

Wie sich die derzeitige Krise langfristig auswirken wird, bleibt vorerst abzuwarten. Trotz der Lohnauszahlung am Dienstag gilt das Arbeitsverbot für die Mitarbeiter weiterhin. Das Aluwerk muss auf fast ein Drittel seiner gewohnten Personalressourcen verzichten. Aus Belegschaftskreisen der W.B. Service GmbH ist der Vorschlag zu vernehmen, die Zeitarbeiter könnten in die Stammbelegschaft des Aluwerkes überwechseln. Zurzeit schließen allerdings die Verträge zwischen Aluwerk und W.B. Service einen solchen Übergang aus.

Im Januar kommt überdies die Hauptversammlung der Aktiengesellschaft zusammen, um den Vertrauensentzug gegenüber Thomas Wiese zu bestätigen.

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