Widerstand ist ein hartes Wort. Dabei kennt er sanfte Mittel. In Unna lebt eine Kultur des Protests, die schmunzeln lässt, wenn sie den Finger in die Wunde legt – nur eben nicht die Kritisierten.

Unna

, 16.03.2020, 14:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Unna ist die Stadt mit dem kleinsten Karnevalsumzug der Welt. Und zwischenzeitlich sah es auch einmal so aus, als ob Unna noch den kleinsten Campingplatz oder die kleinste Golfanlage bekommen könnte.

Entsprechende Ankündigungen fanden sich auf dem Grundstück der Baulücke an der Massener Straße 13; dort also, wo 2012 ein 300 Jahre altes Fachwerkhaus abgerissen wurde und bis heute nichts Neues entstanden ist. Gebaut wurden derlei Anlagen natürlich nicht. Aber auch sonst ist nicht viel geschehen seit dem Abriss des ehemaligen Baudenkmals. Und so muss man denjenigen, die einst das Baustellenschild für den Golfplatz aufgestellt haben, mindestens bescheinigen, dass ihre Satire den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

Das Schild war professionell gefertigt, die Ankündigung aber Nonsens: Mit Mitteln der Satire prangert der Anonymus ab 2013 den Stillstand auf dem Grundstück Massener Straße 13 an.

Das Schild war professionell gefertigt, die Ankündigung aber Nonsens: Mit Mitteln der Satire prangert der Anonymus ab 2013 den Stillstand auf dem Grundstück Massener Straße 13 an. © Privat

Witzige Hinweise auf durchaus ernste Themen

Die witzigen Hinweise auf den Stillstand sind eine ungewöhnliche Form des Protests gegen eine Reihe von gar nicht so witzigen Problemen. Sei es der Umgang mit einem historischen Gebäude, sei es die unschöne Wirkung der Brache an einer ansonsten schön entwickelten Hauptachse der Fußgängerzone: Manches im Zusammenhang mit der Massener Straße 13 hätte man auch bierernst mit harten Worten benennen können. Aber das wäre dem anonymen Schöpfer der Kunstinstallationen wohl zu einfach gewesen.

Diese Form von Protest ist eine Unnaer Besonderheit

Und so hat sich in Unna eine Protestkultur entwickelt, die mit kreativen Ideen, teils viel handwerklichem Aufwand und dem Mut zu leichteren Regelverstößen auf Dinge hinweist, die vielen Menschen in der Stadt zu denken geben oder geben sollten.

Aktuelles Thema: Umgang mit Bäumen

Ein aktuelles Beispiel dafür findet sich am historischen Postgebäude. Die Fällung der alten Blutbuche dort hatte große Anteilnahme in der Bevölkerung ausgelöst. In Sichtweite zu der Stelle, an der Schülerinnen und Schüler aus Unna schon für den Klimaschutz protestiert hatten, musste einer der üppigsten Bäume der Innenstadt aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Kurz vor der Rodung im vergangenen Jahr postierten Passanten für Erinnerungsfotos vor dem Baum. Nach der Rodung geschah: erstmal nichts.

Obwohl die Kreisverwaltung mit ihrer Fällverfügung einen Zuschuss für eine Neuanpflanzung gegeben hat, blieb das Beet frei. Schließlich wurde es ein Betätigungsfeld für die Protestkünstler aus Unna.

Kunst kann uneindeutige Interpretationen zulassen. Hier ist die Aussage aber klar.

Kunst kann uneindeutige Interpretationen zulassen. Hier ist die Aussage aber klar. © Sebastian Smulka

Inzwischen ist das Beet bepflanzt, wenn auch mit einfachen Mitteln. Für ein paar Blümchen hat es gereicht. Für Mehr mahnen die anonymen Gärtner die Öffentlichkeit und sicherlich auch den Grundbesitzer zum Handeln an: „Pflanzt Bäume!“, steht auf einem Schild. Für diejenigen, die sich damit gleich an der Post verdient machen wollen, liegt sogar noch etwas Gartengerät in dem Ensemble.

Städtebau hat oft mehr Gewicht als die Natur

Geplant ist die direkte Nachfolgebepflanzung wohl nicht. Ein Architekt arbeitet derzeit an Plänen für eine behutsame Modernisierung des Postgebäudes, das damit erweiterte Nutzungen bekommen soll. Anstelle der Blutbuche schlägt er eine Platzgestaltung für eine Außengastronomie vor. Darin könnten auch Bäume ihren Platz finden. Aber bis dahin wird wohl noch etwas Zeit ins Land gehen.

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Für Passanten ist die Miniaturanpflanzung ein Blickfang und ein Denkanstoß. Viele, die dort stehen bleiben, kommen ins Gespräch über die alte Buche, die hier einmal stand. Die Idee, auf diese Art an eine mögliche Neuanpflanzung zu erinnern, erntet Zustimmung und Sympathie – wie so manches, das die anonymen Protestkünstler in Unna schon arrangiert haben.

Die Kritisierten reagieren zum Teil verärgert

Nicht jeder versteht allerdings Spaß, wenn es um solche Ausdrücke der Kritik geht. Am wenigsten Verständnis zeigen oft die Adressaten: Sie beklagen mitunter Rechtsverstöße, lassen die Protestnoten beseitigen oder schalten sogar die Polizei ein. Einfach auf ein fremdes Grundstück zu gehen und dort etwas aufzubauen, ist ja auch verboten.

Notfalls einfach Wohnraum schaffen – ein konkreter, wenn auch improvisiert wirkender Vorschlag für eine neue Nutzung der Massener Straße 13.

Notfalls einfach Wohnraum schaffen – ein konkreter, wenn auch improvisiert wirkender Vorschlag für eine neue Nutzung der Massener Straße 13. © Sebastian Smulka

Doch wer auch immer hinter den Aktionen steht: Er lässt sich nicht beirren. An der Massener Straße 13 etwa liefern sich Kritiker und Grundeigentümer seit über sieben Jahren ein stetiges Hin-und-Her. Immer wieder einmal wird ein neuer Ausdruck des Protests aufgebaut, angebracht, hingebaut. Immer wieder verschwinden diese Dinge. Und immer wieder kommen andere.

So geht es seit Ende 2012, durchaus zur Erheiterung von Besuchern der Innenstadt, die hier immer wieder etwas Neues entdecken können. Aktuell sind am Stabmattenzaun, der zwischen Grundstück und Fußgängerzone gezogen wurde, Vogelnistkästen angebracht. Die Botschaft: Schneller als der Eigentümer haben wir mal eben Wohnraum geschaffen.

Bekennerbrief von den „UN-artigen Ozadeuren“

Wer hinter diesen Aktionen steht – verlässlich weiß man es nicht. Der Grundeigentümer der Massener Straße 13 hatte einmal einen Verdacht und schickte einem Unnaer Künstlerehepaar aus der Nachbarschaft die Polizei ins Haus. Sie jedoch fand keinen belastbaren Hinweis auf eine Beteiligung der beiden. Eine Verwandtschaft im Stil des Ausdrucks würde vermutlich auch von Kunstsachverständigen kontrovers diskutiert und von Juristen ganz sicher nicht als Beweis akzeptiert.

Stattdessen bekannte sich nach dem Polizeieinsatz eine Gruppe selbst erklärter Aktivisten zu den satirischen Attentaten: die UN-artigen Ozadeure wollen es gewesen sein. Aber ob sie es wirklich waren oder nur Sympathisanten sind? Man weiß es nicht. Am Ende macht es aber auch keinen Unterschied.

Dieses Arrangement auf der üppig zuwuchernden Brache der Massener Straße 13 hatte einen dreistelligen Materialwert bei Decathlon, landete aber ziemlich schnell auf dem Müll.

Dieses Arrangement auf der üppig zuwuchernden Brache der Massener Straße 13 hatte einen dreistelligen Materialwert bei Decathlon, landete aber ziemlich schnell auf dem Müll. © Roman Grzelak

Während die Briten aus ihrem anonymen Street-Art-Künstler Banksy eine moderne Kultfigur gemacht haben, gibt es in Unna eine Ideenquelle, der es genügen muss, die öffentliche Diskussion vor Ort zu speisen. Und während Solokarnevalist Helmut Scherer der Stadt zu überörtlicher Bekanntheit verholfen hat, ist die Protestkultur hinter dem kleinsten Campingplatz der Welt ein Phänomen für Kenner. Dass die der Stadt noch viele Denkanstöße geben wird, ist wahrscheinlich. Denn Themen gibt es genug.

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Kreative Kritik im öffentlichen Raum

Wenn es darum geht, auf Missstände hinzuweisen, findet sich in Unna schnell jemand, der eine ungewöhnliche Idee umsetzt. Wer das ist, ist nicht vollends geklärt, macht aber auch keinen Unterschied...
16.03.2020
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Alles fing an mit einem ehemals denkmalgeschützten Fachwerkhaus an der Massener Straße 13. © Roman Grzelak
Jahre mit nachlässiger Pflege hatten es in einen so schlechten Zustand versetzt, dass die Denkmalbehörde den Erhalt für wirtschaftlich unzumutbar erklärte und den Abriss genehmigte. Ende 2012 verschwand ein 300 Jahre altes Bauwerk aus dem Stadtbild. © Borys Sarad
Es hinterließ: Leere. Dem Eigentümer ist es bis heute nicht gelungen, die Baulücke sinnvoll zu füllen. © Udo Hennes
Stattdessen füllte ein kreativer Anonymus sie mit Ideen. Erst wirkten sie ernst und bedrohlich,...© Privat
...doch dann entwickelte sich eine humorvolle Art des Protests, die mit überzeichneten Nutzungsvorschlägen auf den Stillstand hinwiesen. Mal wurde der Bau einer Golfanlage angekündigt,...© Privat
...dann ein Camping-Platz eingerichtet. © Roman Grzelak
Der Flaschenkasten als Hilfe für Pfandflaschensammler hätte sogar einen Zweck erfüllt, hätte der Eigentümer des Grundstücks ihn nicht beseitigt. Überhaupt zeigte er wenig Toleranz für die Protestaktionen. Ein Unnaer Künstlerpaar, das er als Urheber annahm, bekam sogar Besuch von der Polizei. Sie konnte aber keinen Täter überführen. Musste sie auch nicht, denn... © Sebastian Smulka
...nach dem Polizeieinsatz bekannte sich eine Gruppe von Aktivisten als Urheber der Aktionen. Ob die "UN-artigen Ozadeure" tatsächlich Täter oder nur Sympathisanten waren, ist allerdings umstritten. Zudem sind die Mitglieder der Gruppe auf diesem Foto ja auch fast gar nicht so ganz einfach zu erkennen. © Roman Grzelak
Gut sieben Jahre nach dem Abriss der Massener Straße 13 gibt es dort immer noch keine Nachfolgebebauung, aber weiterhin kleine Sticheleien. © Sebastian Smulka
Und nun hat die Bewegung ein neues Betätigungsfeld gefunden. Der Aufruf für eine Ersatzpflanzung für die gefällte Blutbuche an der Post hat allerdings auch nur begrenzte Aussichten darauf, Gehör zu finden. Mal sehen, welche Blüten der Protest dagegen hier noch treibt. © Sebastian Smulka

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