Wie die „Assistenzhelden“ aus Unna Inklusion im Arbeitsalltag vorleben

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Mit einem Rollator auf ein Musikfestival? Für Philipp Berndsen stellte sich diese Frage nicht. Der körperbehinderte Unnaer fuhr einfach hin - und brachte eine innovative Idee mit.

Unna

, 07.12.2018, 17:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ich will nicht von einer Pflegekraft in eine Schublade gesteckt werden und hören: Sie haben eine infantile Cerebralparese, also können Sie das, das und das noch selbst und das wiederum nicht. Ich will selbst entscheiden, was ich mache.“ - Dass Philipp Berndsen vor wenigen Monaten zusammen mit seinem Freund Mark Oberstadt ein Unternehmen gegründet hat, das sich auf Hilfen im Alltag für behinderte Menschen spezialisiert hat, überrascht nicht.

Der 27-Jährige weiß genau, wovon er spricht, ist er doch durch seine Spastik körperlich eingeschränkt und seit Kindesbeinen an immer wieder Vorurteilen über das begegnet, was er können sollte und was er angeblich nicht können könnte. „Als ich 2011 Abi gemacht habe, gingen alle meine Freunde zu Rock am Ring. Ich habe dann von meinen Eltern eine Karte für das Hurricane-Festival bekommen und bin einfach hin“, erzählt Berndsen.

Komplett alleine, nur mit seinem Rollator fuhr Berndsen zu dem riesigen Musikfestival in Norddeutschland und stellte schnell fest: „So ein Festival ist gelebte Inklusion.“ Schon am ersten Tag passierte dem Studenten nämlich das, was wohl allen Festivalbesuchern mal passiert ist: Es regnete und sein Zelt lief mit Wasser voll.

„Überall anders stößt man als Behinderter vor unglaublich viel Bürokratie und auf diesem Musikfestival klappte einfach alles.“
Philipp Berndsen

„Als ich dann rumgefragt habe, wer mir helfen könnte, ging das wie von selbst: Mein Zelt brauchte ich gar nicht mehr, weil ich einen Schlafplatz in einem Wohnwagen hatte“, erinnert sich Philipp Berndsen begeistert an seine Festival-Erlebnisse. „Überall anders stößt man als Behinderter vor unglaublich viel Bürokratie und hier klappte einfach alles.“

Berndsen ist überzeugt: Dass sein Festivalbesuch zu so einem Erfolg wurde, lag vor allem daran, dass ihm Menschen halfen, die eben keine Fachkräfte, keine Pfleger waren. „Sie haben einfach das gemacht, was mir in dem Moment geholfen hat und nicht, was aufgrund meiner Behinderung laut irgendwelcher Paragrafen nötig ist“, beschreibt Berndsen die Situation.

Und genau das möchte er nun auch anderen Behinderten ermöglichen: „Assistenzhelden“ heißt das Unternehmen, das er zusammen mit seinem Freund Mark Oberstadt im August gegründet hat. „Das Ziel ist klar: es geht darum, dass Leute für dich und mit dir arbeiten und nicht abgestellt sind, sich um dich zu kümmern“, beschreibt Berndsen, was sie machen.

Behinderten Menschen einen Alltagshelfer zur Seite stellen, der einfach dort hilft, wo er gerade gebraucht wird - das gibt es doch längst, möchte man meinen. Doch Mark Oberstadt erklärt: „Natürlich gibt es die Pfleger und Fachkräfte, die behinderte Menschen im Alltag unterstützen. Aber wir suchen gerade diejenigen, die keine Fachleute sind, sondern die einfach Zeit und Lust haben, einem Menschen konkret dabei zu helfen, seinen Alltag zu meistern.“

Philipp Berndsen nennt ein Beispiel, an dem schnell klar wird, wo sich die „Assistenzhelden“ von Pflegefachkräften unterscheiden: „Wenn ich am Laptop arbeite und dann durch ein blöde Bewegung plötzlich das Ladekabel herausrutscht und auf den Boden fällt - dann brauche ich jemanden, der mir das wieder aufhebt, damit ich weiter machen kann.“

Auch Festivalbesuche können zur Arbeit eines „Assistenzhelden“ zählen - wenn das der Assistenznehmer wünscht. „Es soll keine Pfleger-Behinderten-Beziehung sein, sondern im besten Falle eine Freundschaft auf Augenhöhe“, sagt Philipp Berndsen. Eben genau das, was er auf den Musikfestivals erlebt, die er besucht.

Mit dieser Idee der „Assistenzhelden“ haben Mark Oberstadt und Philipp Berndsen eine Lücke im Kreis Unna gefunden. „Wir sind tatsächlich der erste Asssitenzdienst dieser Art im Kreis.“ Zwar haben sie noch keine Räume für ihre junges Unternehmen gefunden - barrierefreie Büroräume sind in Unna schwer zu finden - doch die erste Angestellte haben sie bereits mit „an Bord“.

Carolin Beckschäfer ist gelernte Bürokauffrau und damit Expertin für das, was Mark Oberstadt als „Buch mit sieben Siegeln“ beschreibt: Word, Excel und Co beherrscht die 28-Jährige mühelos. Hinzu kommt: Sie kennt sich bestens im Schwerbehindertenrecht aus, hat sie doch ihre Ausbildung in genau diesem Bereich bei der Stadtverwaltung Hamm absolviert.

„Für mich ist dieser Job die Chance meines Lebens“
Carolin Beckschäfer

Genau wie Philipp Berndsen ist auch Carolin Beckschäfer körperlich behindert, sie sitzt im Rollstuhl. „Für mich ist dieser Job die Chance meines Lebens“, sagt die junge Frau. Drei Jahre war sie zuvor arbeitslos. „Jetzt bin ich auf dem ersten Arbeitsmarkt und habe die Chance, mich noch weiter zu qualifizieren“, freut sich Beckschäfer. Denn in Kürze beginnt sie ihre Fahrschulausbildung bei der Fahrschule Hainer. „Dann kann ich selbst zu potenziellen Klienten fahren, um sie zu beraten.“

Dass Carolin Beckschäfer und die „Assistenzhelden“-Gründer zueinander gefunden haben, liegt auch an Arbeitsvermittler Fabian Haisken und Silvester Runde vom Jobcenter. Sie sehen eine positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, was die Becshäftigung von behinderten Menschen angeht. „Die Bereitschaft der Arbeitgeber, Menschen mit Behinderungen einzustellen, wird größer. Wir brauchen einfach überall Fachkräfte“, hat Runde festgestellt.

Keine Fachkräfte, sondern einfach Menschen, die Spaß daran haben, „Assistenzhelden“ für einen behinderten Menschen zu werden, suchen Philipp Berndsen und Mark Oberstadt jetzt. Und würde Philipp Berndsen selbst einen solchen Assistenten suchen, dann käme in die Arbeitsplatzbeschreibung wohl auch die Anforderung: „Spaß an Festivalbesuchen“.

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