Er wohnt in Unna, mehrere tausend Kilometer von Beirut entfernt, doch Elias Nassour leidet mit der Stadt, die für ihn Heimat ist: Jahrelang arbeitet er dort für eine regierungskritische Organisation.

Unna/Beirut

, 11.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit fünf Tagen hat er nicht mehr geschlafen, trotzdem wirkt Elias Nassour hellwach. Anspannung, Sorge, Wut, Verzweiflung – all das hält den 33-Jährigen dieser Tage wach. Es ist die Sorge um „seine“ Stadt, seine Heimat, die ihn nicht schlafen lässt. Fast zehn Jahre lebte und arbeitete Elias Nassour in Beirut, kennt jede Gasse, die schönsten Cafés und die beeindruckendsten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Nichts davon ist mehr da. Die Explosion am 4. August hat die Stadt zerstört – und Elias Nassour seiner Identität beraubt.

Jetzt lesen

Elias Nassour

Elias Nassour © privat

„Alle Orte, die ich wiedersehen wollte, sind jetzt nicht mehr da.“
Elias Nassour, Libanese mit syrischen Wurzeln

„Ich habe mir immer vorgestellt, eines Tages, wenn ich in Deutschland sicher angekommen bin und ein gutes Leben habe, nach Beirut zurückzukehren. Alle Orte, die ich wiedersehen wollte, sind jetzt nicht mehr da.“ Elias Nassours Stimme ist leise, als er dies sagt.

2017 kam er nach Deutschland

Vor drei Jahren kam der Libanese mit syrischen Wurzeln nach Deutschland, zweimal schon stand er kurz vor der Abschiebung. Er engagiert sich in der Initiative „Weltoffen“, berät andere Flüchtlinge, kümmert sich um seine betagte Mutter und beginnt in diesen Tagen seine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann in der Lindenbrauerei. Für ihn, den studierten Historiker, der neben des Studiums als Tourguide arbeitete und Touristen den „versteckten“ Libanon zeigte, sind die Bilder aus Beirut kaum zu ertragen.

Fotos sind alles, was ihm geblieben ist

„Ich sehe die Gebäude, die ich so sehr mag, diese majestätischen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, und sie sind alle zerstört. Das tut sehr weh.“ Elias Nassour fotografiert gerne, viele der historischen Gebäude in Beirut hat er mit seiner Kamera im Bild festgehalten – das ist jetzt alles, was von ihnen geblieben ist.

Elis Nassour liebt das Fotografieren, vor allem die historischen Gebäude in seiner Heimat haben es ihm angetan.

Elis Nassour liebt das Fotografieren, vor allem die historischen Gebäude in seiner Heimat haben es ihm angetan. © Nassour

„Alle Plätze, an die ich Erinnerungen habe, wo ich mein Leben verbracht habe, sind jetzt auf einen Schlag weg“, sagt der 33-Jährige und versucht, in Worte zu fassen, wie sich das anfühlt: „Es ist, als ob jemand dein Haus besetzt und alles darin verbrennt: deine Fotoalben, deine Spielsachen von früher. Alles, was du liebst, wird vernichtet und du kannst nur zusehen.“

Ein Café, in dem Elias Nassour sich gerne mit Freunden und Arbeitskollegen traf, ist durch die Explosion völlig zerstört worden - so wie viele Plätze in Beirut mit denen der 33-Jährige schöne Erinnerungen verbindet. Das Foto haben ihm Freunde aus Beirut geschickt.

Ein Café, in dem Elias Nassour sich gerne mit Freunden und Arbeitskollegen traf, ist durch die Explosion völlig zerstört worden - so wie viele Plätze in Beirut mit denen der 33-Jährige schöne Erinnerungen verbindet. Das Foto haben ihm Freunde aus Beirut geschickt. © privat

Dass er nur zusehen kann, nagt an Elias Nassour. „Ich fühle mich schuldig, weil ich nicht da bin und helfen kann.“ Und mit helfen meint Elias Nassour nicht nur die unmittelbare Versorgung der Verletzten und den Wiederaufbau, es geht ihm vor allem um die politische Situation in seiner Heimat.

Dieses Foto in dem nun zerstörten Café machte Elias Nassour 2014, drei Jahre, bevor er nach Unna kam.

Dieses Foto in dem nun zerstörten Café machte Elias Nassour 2014, drei Jahre, bevor er nach Unna kam. © Nassour

„Es ist, als ob jemand dein Haus besetzt und alles darin verbrennt: deine Fotoalben, deine Spielsachen von früher, alles, was du liebst, wird vernichtet und du kannst nur zusehen.“
Elias Nassour

„Diese Explosion ist die Folge von 30 Jahren Korruption“, sagt er. Er weiß genau, wovon er spricht: Mehrere Jahre lang arbeitet er in Beirut für die regierungskritische Nichtregierungsorganisation „Libanese Asscociation for Democratic Elections“.

Als Regierungskritiker immer wieder angegriffen

Verfolgt und angegriffen wurden er und seine Kollegen für ihre Forderungen nach freien Wahlen – und Elias Nassour weiß, dass es die Situation seit einem Jahr noch viel gefährlicher geworden ist. „Meine ehemaligen Kollegen müssen sehr aufpassen, was sie wo sagen. Ich bin jeden Tag in Sorge um sie.“

Mit dem Rücktritt der kompletten Regierung am Montag sei nur etwas passiert, was hätte passieren müssen: „Da gab es keine Alternative, denn die Menschen brauchten jemanden, der die Verantwortung übernimmt. Viele Tote hätten nicht sterben müssen, wenn die Regierung schneller gehandelt hätte.“

Hilfen für Beirut

Dringender Appell: Nur an unabhängige Organisationen spenden

  • Elias Nassour hat enge Verbindungen nach Beirut, seine Freunde und ein Teil seiner Familie leben dort. Viele von ihnen engagieren sich im Einsatz für freie Wahlen – und helfen jetzt, den Verletzten und Wohnungslosen, eine Perspektive zu geben.
  • Wer dies finanziell unterstützen möchte, sollte die Nichtregierungsorganisationen als Spendenempfänger auswählen, rät Elias Nassour. „Nur dort ist sicher, dass das Geld auch wirklich dort ankommt, wo es gerade dringend gebraucht wird. Als Beispiel nennt er das Libanesische Rote Kreuz.

Korruption im Libanon das „größte Problem“

Freie Wahlen unter internationaler Beobachtung – das sei jetzt der richtige Weg für seine Heimat, findet Elias Nassour. „Für den Frieden im Libanon braucht es Einigkeit und die Korruption muss endlich verschwinden.“ Wer jetzt den Menschen in Beirut helfen wolle, könne zweierlei tun. Spenden, um den Menschen einen Wiederaufbau zu ermöglichen. „Aber diese Spenden dürfen nur an Organisationen gehen, die nichts mit der Regierung zu tun haben.“

Keine finanzielle Unterstützung der Regierung mehr

Genau hier liege auch der zweite, viel wichtigere Punkt: „Jetzt schauen gerade alle Menschen auf Beirut und den Libanon. Das ist die Chance, die wir haben. Die Menschen in Deutschland und in Europa müssen Druck auf ihre Regierungen ausüben, dass sie aufhören, die libanesische Regierung finanziell zu unterstützen. Denn dieses Geld wird letztlich dafür verwendet, das eigene Volk zu töten.“

So hat Elias Nassour seine Heimat in Erinnerung behalten: Die libanesische Küste bei Beirut war eines seiner Lieblingsmotive, wenn er mit der Kamera unterwegs war.

So hat Elias Nassour seine Heimat in Erinnerung behalten: Die libanesische Küste bei Beirut war eines seiner Lieblingsmotive, wenn er mit der Kamera unterwegs war. © Elias Nassour

Elias Nassour will alles tun, was er von Unna aus kann, um seiner Heimat zu helfen. „Ich will eine Brücke bauen und die Kontakte herstellen, wenn jemand helfen will.“ Eigentlich wollte er sich nicht mehr politisch engagieren, hatte schon jegliche Hoffnung auf Wandel in seinem Heimatland aufgegeben, sagt er. Doch die Explosion änderte dies. „Ich kann nicht einfach zusehen, wie mein Land jetzt noch mehr im Chaos versinkt. Diese Explosion ist eine Wunde, die nie heilen wird. Aber ich muss alles versuchen, dass sie nicht noch tiefer wird.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Ferientipps
Tipps zum Ende der Herbstferien: Kino und Kunst, Kettenschmieden und komische Vögel
Hellweger Anzeiger Interaktive Karten
Corona-Vergleich: So verschieden trifft die zweite Welle die Städte im Kreis Unna
Hellweger Anzeiger Prozessauftakt in Dortmund
Mutmaßlicher Drogendealer aus Unna: „Wollte niemanden nach Geld fragen“
Meistgelesen