Für Flüchtlinge ist Massen eine neue Gefangenschaft

dzCoronavirus

Zwei „Ausbrüche“ in nur einer Woche sprechen für einen enormen und nicht erfüllten Freiheitsdrang bei den Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft in Massen. Völlig unverständlich ist er nicht.

Unna

, 27.10.2020, 14:33 Uhr / Lesedauer: 2 min

In der vergangenen Woche stiegen 22 Menschen über den Zaun, um der Quarantäne in der Massener Erstaufnahmeeinrichtung zu entfliehen. Am Montag dieser Woche bahnte sich eine Wiederholung an, die die Polizei als „Amtshilfe“ mit großer Präsenz und geeigneter Ansprache verhindern konnte. Selbst in der Bezirskregierung wird nicht ausgeschlossen, dass sich Vorfälle dieser Art wiederholen können. Der Druck, der auf den Bewohnern lastet, ist groß.

353 Menschen sitzen in Massen fest. Corona zwingt sie nach inzwischen sechs positiven Tests in Quarantäne und lässt auch die Weitervermittlung in Aufnahmekommunen pausieren. Die Freiheit, in die sich die Menschen mit ihrer Flucht begeben wollten, fühlt sich derzeit wie eine andere Art Gefangenschaft an.

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Ursula Kissel von der Bezirksregierung hat Verständnis für diese Empfindung. Sie selbst schreckt vor dem Begriff des „Lagerkollers“ nicht zurück. „Die Menschen sehen ihre Freiheit verbaut“, sagt sie. „Es ist klar, dass sie das belastet.“ Und doch muss die Landesbehörde auf die Einhaltung der Quarantäne pochen.

Mehr Wachleute und Gespräche

Nach zwei Versuchen von Bewohnergruppen, das Tor der umzäunten Bereiches zu überlaufen, reagiert die Bezirskregierung mit einer Dreifachstrategie: „Wir werden die Sicherheitskräfte verstärken“, sagt Ursula Kissel. Zugleich werde man „tiefe Gespräche“ führen, um den Bewohnern den Sinn der Quarantäne zu verdeutlichen, aber wohl auch, um ihnen ein Ventil für die seelischen Nöte zu geben. Drittens wird nun die Frage aktueller, ob denn die Standards in der Erstaufnahmeeinrichtung ausreichen, um eine Quarantäne erträglich zu machen.

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Gedacht war die Erstaufnahmeeinrichtung – wie der Name es vermuten lässt – als Durchgangsstation für kurze Dauer. Dass über längere Zeiträume hinweg niemand Neues hinein kommen und kein Bewohner in eine Aufnahmekommune überwechseln würde, ist ein Phänomen der Corona-Quarantäne.

„Hofgang“ in festen Gruppen

„Lockerungen“ zur Erhöhung der Lebensqualität, wie sie bereits nach der ersten Quarantäneverordnung in der vergangenen Woche eingeführt wurden, wirken vor diesem Hintergrund befremdlich. So ist es den Bewohnern nun gestattet, innerhalb fester Gruppen Spaziergänge auf dem Gelände zu unternehmen. Und es ist sogar ein kleiner Kiosk eingerichtet worden, an dem sie sich etwas kaufen können. Das Warenangebot freilich ist überschaubar, wie nun durch den Zaun der Einrichtung drang. Eine Flasche Wasser bekäme man wohl, eine Cola aber schon nicht.

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