Abdolghani Tolimat und Edith Wichmann sitzen im Büroraum von „Weltoffen“. Dort ist derzeit 1:1-Nachhilfeunterricht unter Corona-Schutzbedingungen möglich. © Raulf
Ehrenamt

„Weltoffen“ hilft Kindern, die jahrelang nicht zur Schule gehen

Nur wenn Menschen sich begegnen, funktioniert Integration. Die Weltoffen-Initiative lässt sich von Corona nicht unterkriegen. Wer helfen möchte, braucht nicht viel mehr als ein bisschen Zeit.

„Ich kann das höchste Sprachzertifikat erreichen. Es bringt mir nichts, wenn ich keine Kontakte habe“, sagt Abdolghani Tolimat. Er ist nach seiner Flucht aus Syrien 2016 in Unna angekommen und sein Deutsch ist heute sehr gut. Konversation sei der Hauptbedarf, den Flüchtlinge haben, sagt er. Er engagiert sich für die Initiative „Weltoffen“, die nun noch weitere Ehrenamtliche sucht.

Nachhilfe unter Corona-Bedingungen

„Weltoffen“ ist eine Initiative mit der Caritas im Rücken. Sie hat ihren Treffpunkt an der Gerhart-Hauptmann-Straße. Geflüchtete und nicht-geflüchtete Menschen engagieren sich dafür. Es gibt Sprachförderung, Nachhilfe, Frauen- und Männertreffs, Näh-, Foto- und Kochaktionen.

Die Einschränkungen in der Pandemie trafen auch „Weltoffen“, Aktivitäten in Gruppen wurden unmöglich. So wurde die Nachhilfe für Kinder und Erwachsene auf ein 1:1-Modell umgestellt – vor allem aber: weitergeführt. „Damit niemand hinten rüber fällt“, sagt Edith Wichmann. Die pensionierte Lehrerin gibt zum Beispiel geflüchteten Menschen ehrenamtlich Deutschunterricht. „Ich mache das aus Nächstenliebe. Das gehört bei mir einfach dazu“, sagt sie.

Flucht reißt Kinder lange aus der Schule

Abdolghani Tolimat ist in dem Projekt ihr Kollege. Er ist studierter Chemie- und Mathelehrer und gibt Nachhilfe in diesen Fächern. „Wir haben festgestellt, dass es einen großen Bedarf gibt, geflüchtete Kinder zu unterrichten“, sagt Tolimat. Je nach dem, welche Odyssee die Familien hinter sich haben, wurde die Schullaufbahn der Kinder unterschiedlich lange unterbrochen. „Viele waren zwei oder drei, manche sogar fünf Jahre nicht in der Schule“, sagt Tolimat. Ebenso schwierig sei es für viele Erwachsene, die beispielsweise ihre Ausbildung wegen Krieg und Flucht abbrechen mussten, sagt Edith Wichmann.

Abeer Kajam (l.) plaudert im Treffpunkt der Initiative „Weltoffen“ mit Edith Wichmann. Die eine stammt aus Syrien, die andere aus Mecklenburg. Beide engagieren sich für das Integrationsprojekt. © Raulf © Raulf

„Ich finde es toll, dass Geflüchtete sich selbst hier einbringen“, sagt Edith Wichmann. Abeer Kajam zum Beispiel: Die Syrerin lebt seit 2018 mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Unna. Mit Arabisch als Muttersprache ist sie bei „Weltoffen“ eine geschätzte Übersetzerin und Dolmetscherin. Und als Elektroingenieurin hilft sie an vielen Stellen Menschen im Netzwerk mit Computerproblemen. Aktuell sucht sie ein Praktikum, wie sie erklärt, denn auch für sie gilt: Auf erfolgreich abgeschlossene Sprachkurse muss Sprachpraxis folgen – Konversation mit anderen.

Weitere Ehrenamtliche gesucht

Malkurse mit Kindern, Ausflüge oder Treffen: Vieles ist zuletzt nicht möglich gewesen. Bei „Weltoffen“ hat man improvisiert, so gut es ging. Edith Wichmann berichtet beispielsweise von gemeinsamen Kochaktionen über Videokonferenz. „Das funktioniert“, sagt sie. Aber sich einfach mal gemütlich zum Kaffee zusammensetzen und plaudern – „das fehlt jetzt“. Die Steigerung der Impfquote und die anstehenden Lockerungen der Kontaktbeschränkungen lassen aber auch bei „Weltoffen“ alle hoffen, dass bald wieder mehr möglich wird.

Wer die Initiative unterstützen möchte, kann sich jederzeit melden. Gesucht werden unter anderem ehrenamtliche Nachhilfelehrer, aber auch Sprachpaten. Letztere müssen die Feinheiten der deutschen Grammatik nicht studiert haben. Sie müssen im Grunde nur Deutsch sprechen und Freude haben, mit anderen zu reden.

Kontakt: Initiative „Weltoffen“, Tel. (02303) 9 29 02 97; [email protected]

Über den Autor
Redaktion Unna
Jahrgang 1979, stammt aus dem Grenzgebiet Ruhr-Sauerland-Börde. Verheiratet und vierfacher Vater. Mag am Lokaljournalismus die Vielfalt der Themen und Begegnung mit Menschen. Liest immer noch gerne Zeitung auf Papier.
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Thomas Raulf
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