Wer auch immer die Redaktion mit dem verdächtigen Brief lähmen wollte: Er verfehlte sein Ziel. Denn die Tat traf den Verlag nicht unvorbereitet.

Unna

, 11.12.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Spätestens seit den Vorfällen in Dortmund waren Medienschaffende in der Region sensibilisiert. Zwei Journalisten erhielten Anfang Juli jeweils einen Brief mit verdächtigem Inhalt. Als tags darauf weißes Pulver an einem Briefkasten vor dem Sendergebäude von Antenne Unna einen ABC-Alarm auslöste, sah Geschäftsführer Volker Stennei sich zu einer Warnung an alle Mitarbeiter des Zeitungsverlags Rubens veranlasst.

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„Bislang waren es immer Fehlalarme. Dennoch müssen wir einen solchen Fund ernst nehmen und besonnen darauf reagieren.“
Volker Stennei in einer Hausmitteilung

Sicher, in allen Fällen stellte sich die Substanz jeweils als harmlos heraus – wie schon in ähnlich gelagerten Fällen im April zunächst im Katharinen Hospital Unna, im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg und im Stadthaus Werne sowie einen Tag später in der Ikea-Filiale Kamen und in der Polizeiwache Fröndenberg. „Bislang waren es immer Fehlalarme“, schrieb Stennei im Juli in einer internen Mitteilung an alle Mitarbeiter des Hauses. „Dennoch müssen wir einen solchen Fund ernst nehmen und besonnen darauf reagieren.“

Ein Weihnachtsgruß mit weißem Pulver für die Redaktion

Am Dienstag dann wurde der Hellweger Anzeiger tatsächlich zur Zielscheibe. Weißes Pulver in einem Weihnachtsgruß an das Redaktionsnetz Westfalen, das unter dem Dach des Verlagshauses in Unna für über 200.000 Abonnenten von Tageszeitungen in Westfalen arbeitet.

Weißes Pulver in der Post: Die Tat traf uns nicht unvorbereitet

Der Brief mit dem verdächtigen Inhalt war an das Redaktionsnetz Westfalen (RNW) gerichtet. © Anna Tiemann

Anna Tiemann, die den gesamten Posteingang des Verlags sichtet und verteilt, kam mit der Substanz in Berührung – und behielt dennoch die Nerven, reagierte besonnen. Sicher auch, weil sie die vermeintliche Bedrohung aus dem Briefkasten nicht gänzlich unvorbereitet traf.

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Sie legte den Umschlag beiseite, isolierte sich und wusch sich gründlich die Hände, alarmierte die Feuerwehr und sorgte über die Verlagsleitung für die Evakuierung des Verlagshauses. Selbst wenn von dem Pulver eine Gefahr ausgegangen wäre – niemand außer Anna Tiemann selbst wäre der Gefahr ausgesetzt gewesen.

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„Vorbildlich“ nannte dieses Verhalten später auch die Feuerwehr. Genau wie das der Mitarbeiter von Antenne Unna, wo am späten Dienstagnachmittag ein weiterer Brief mit verdächtigem Inhalt gefunden worden war.

Weißes Pulver in der Post: Die Tat traf uns nicht unvorbereitet

Anna Tiemann, Mitarbeiterin des Zeitungsverlags Rubens, an der Poststelle: Hier öffnete sie den Brief, in dem sich das vermeintlich gefährliche Pulver befand. Das Foto haben wir nach dem Einsatz der Feuerwehr aufgenommen; da hat sie noch den Overall der Feuerwehr getragen. © Anna Gemünd

„Ein bisschen skurril“ sei die Situation schon gewesen, berichtete Anna Tiemann, nachdem der ganze Spuk schlussendlich vorbei war. Zwei Feuerwehrleute mit weißen Schutzanzügen kamen unter Atemschutz zu ihr ins ansonsten menschenleere Verlagshaus, untersuchten den Arbeitsplatz und trafen Sicherheitsvorkehrungen.

Sie klebten den Bereich in der Poststelle großflächig ab, um etwaige Rückstände des Pulvers zu sichern. Dann verpackten sie den Umschlag mehrfach in Tüten und sicherten das Gebinde schließlich in einer Box, die zur Untersuchung durch Spezialkräfte der Analytischen Task Force aus Dortmund nach draußen gebracht wurde.

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„Im Grunde genommen haben die gar nicht zugelassen, dass ich dazu komme, darüber nachzudenken, was wohl ist, wenn das Pulver doch gefährlich ist.“
Anna Tiemann, Mitarbeiterin Zeitungsverlag Rubens

Anna Tiemann wurde derweil dekontaminiert, musste sich bis auf die Unterwäsche aus- und einen Overall der Feuerwehr anziehen. Auch die beiden Feuerwehrleute mussten sich von allem, was mit dem verdächtigen Pulver in Berührung gekommen war, entledigen und sich gründlich desinfizieren.

„Danach durften wir zu dritt in einen anderen Besprechungsraum und dort auf das Ergebnis der Analyse warten“, berichtete Tiemann.

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Weißes Pulver im Verlagshaus

Am 10. Dezember trifft ein Brief mit weißem Pulver im Verlagsgebäude des Hellweger Anzeigers ein. Feuerwehr, Kripo und die Analytische Taskforce aus Dortmund waren über zwei Stunden im Einsatz, bis klar war: Es war Waschmittel.
10.12.2019
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Um das weiße Pulver sicherzustellen, rücken Spezialeinsatzkräfte der Analytischen TaskForce aus Dortmund an.© Michael Neumann
Die Einsatzkräfte bauten ihre Wagen auf dem Parkplatz an der Wasserstraße auf.© Thomas Raulf
In Schutzanzügen machten sie sich für das Betreten des Gebäudes bereit.© Michael Neumann
Während der Dauer des Einsatzes war die linke Spur des Ostrings gesperrt.© Dirk Becker
Auf der linken Spur des Ostrings bauten die Einsatzkräfte ihre Utensilien auf.© Michael Neumann
Die Feuerwehrleute in Schutzanzügen.© Michael Neumann
Die Feuerwehr am Seiteneingang des Verlagsgebäudes.© Michael Neumann
In einem Plastikbehälter wird der Brief mit dem verdächtigen Pulver aus dem Gebäude transportiert.© Dirk Becker
Die rund 40 Mitarbeiter, die zum Zeitpunkt der Alarmierung im Gebäude waren, versammelten sich auf dem Parkplatz.© Thomas Raulf
Die Polizei sperrte Teile der Kreuzung Wasserstraße/Ostring.© Michael Neumann
Die Polizei regelte den Verkehr an dre Kreuzung Ostring/Wasserstraße für die Dauer des Einsatzes.© Michael Neumann
Der Einsatz an so markanter Stelle auf dem Verkehrsring hatte natürlich Auswirkungen auf den Verkehr.© Dirk Becker
Die Autos stauten sich auf allen drei Fahrspuren.© Dirk Becker

Was Tiemann im Nachhinein als „unschätzbar wertvoll“ bezeichnete: Die beiden Feuerwehrleute, die zu ihr ins Verlagshaus gekommen waren, wichen ihr keine Minute mehr von der Seite. „Die waren sehr nett und aufmerksam; im Grunde genommen haben die gar nicht zugelassen, dass ich dazu komme darüber nachzudenken, was wohl ist, wenn das Pulver doch gefährlich ist.“ War es nicht. Und das sorgte auch bei Anna Tiemann für Erleichterung. Auch wenn sie vor dem Hintergrund der anderen Vorfälle in der Region insgeheim schon damit gerechnet hatte.

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