Das Gotteshaus an der Massener Bahnhofstraße wirkt wie ein Zelt: Hier finden die Gottesdienste der Neuapostolische Gemeinde statt. Die sind von viel Spontanität geprägt – und selbst die Jüngsten können schon dabei sein.

Massen

, 27.12.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der kleine Raum mit dem Fenster fällt sofort auf. Kinderspielzeug liegt in einer Kiste, auf den Bänken ringsum laden Sitzkissen zum Verweilen ein. Durch das Fenster geht der Blick... nein, nicht hinaus, sondern in den Innenraum einer Kirche. Der Mutter-Kind-Raum in der Neuapostolischen Kirche ist ein Alleinstellungsmerkmal der Glaubensgemeinschaft. Doch nicht nur er macht die Gemeinde am Koppelweg besonders.

Jetzt lesen

Wer die Massener Bahnhofstraße entlang fährt oder geht, dem wird das von außen ein bisschen wie ein großes Zelt wirkende Gebäude auffallen. Vor allem die langgestreckte Fensterfront fällt auf und lässt ein großes Kirchenschiff erwarten. Doch der Eindruck täuscht. Denn in dem fast 50 Jahre alten Gebäude verbirgt sich keinesfalls „nur“ ein großer Raum. Das Gotteshaus der Neuapostolischen Gemeinde ist multifunktional – passend zu den vielen Formen, in denen die Gemeindemitglieder ihren Glauben leben.

Zahlen, Daten Fakten

Das ist die Neuapostolische Kirche in Massen

  • Die Neuapostolische Kirche in Massen gehört zum Kirchenbezirk Hamm der Neuapostolischen Kirche. Dem gesamten Bezirk gehören rund 2800 Gläubige an; in Massen sind es 186 Mitglieder. Weltweit gehören 9 Millionen Mitglieder der Neuapostolischen Kirche an; in Deutschland hat sie rund 330.000 Mitglieder. Sie ist in Deutschland die viertgrößte christliche Kirche und vor allem in Württemberg, dem Rheinland und dem Ruhgebiet vertreten.
  • Das Gotteshaus der Gemeinde am Koppelweg 1 wurde am 8. Dezember 1970 eingeweiht. 2020 feiert die Gemeinde den 50. Geburtstag ihres Gotteshauses am 13. Dezember 2020; dazu hat auch der für die Gemeinde zuständige Apostel bereits sein Kommen angekündigt.

Gepredigt wird meistens spontan

Natürlich ist der Gottesdienst dabei das zentrale Element – aber anders, als man es von den „großen Kirchen“ kennt. „Ich schreibe keine Predigt, ich bereite mich nicht groß vor“, erklärt Norbert Kumor, der als Gemeindevorsteher und Priester regelmäßig die Gottesdienste in der Gemeinde in Massen leitet. Im Mittelpunkt der Gottesdienste in der Neuapostolischen Kirche steht stets ein Bibelwort. Das interpretiert der Priester – und zwar größtenteils spontan, in dem Moment, in dem er vor der Gemeinde steht.

Das steht in der Tradition der Kirche, die ihre Anfänge in spontanen Weissagungen einzelner Gottesdienstbesucher Anfang des 19. Jahrhunderts hat. „Damals traten plötzlich in England und Schottland binnen kürzester Zeit sogenannte Rufungen auf. Da standen plötzlich Gottesdienstbesucher auf und sagten, dass die Zeit gekommen sei, in der Christi wiederkomme“, erklärt Hans-Jürgen Koschker, der die Öffentlichkeitsarbeit des Kirchenbezirkes Hamm, zu dem Massen gehört, verantwortet.

Zentraler Glaube: Die Wiederkunft Christi

Der Glaube an die baldige Wiederkunft Christi bildet den zentralen Punkt der Neuapostolischen Kirche. Die sogenannen Apostel bereiten die Gemeindemitglieder auf diese Wiederkunft vor. Nur sie dürfen das Sakrament der „Versiegelung“ spenden; eines der drei Sakramente, die die Neuapostolische Kirche kennt. In ihr empfängt der Gläubige die Gabe des Heiligen Geistes; sie entspricht damit also ungefähr der Firmung in der katholischen Kirche.

Spontane Predigten und eine enge Gemeinschaft: Die Neuapostolische Kirche

Im sogenannten „Mutter-Kind-Raum“ können Eltern den Gottesdienst im nebenan liegenden Kirchenschiff durch eine Glasscheibe mitverfolgen, während sie bei ihren spielenden Kindern sind. Über einen Lautsprecher wird die Predigt übertragen. © Anna Gemünd

Die beiden anderen Sakramente, die Taufe und das Abendmahl dürfen auch die Priester spenden – nur Männer, wohlgemerkt. Aber dort befindet sich die Neuapostolische Kirche in einem Umbruch: „Es wird gerade geprüft, ob Frauen auch priesterliche Ämter übernehmen können“, erklärt Hans-Jürgen Koschker.

Rund 50 Prozent der Gemeindemitglieder kommen zum Gottesdienst

Denn das, worüber die „großen Kirchen“ klagen, kennt auch die Neuapostolische Kirche: Die Gottesdienstbesucher werden immer weniger, die Gemeinde immer älter und die Amtsträger sind schwerer zu finden.

Spontane Predigten und eine enge Gemeinschaft: Die Neuapostolische Kirche

Norbert Kumor (links) feiert den Gottesdienst in der Neuapostolischen Kirche. Rund die Hälfte der Gemeindemitglieder kommt regelmäßig zum Gottesdienst. © Marcel Drawe

Von den derzeit 186 Gemeindemitgliedern in Massen kommen knapp 50 Prozent regelmäßig zu Gottesdiensten. Auf den Stühlen im Kirchenschiff würden 120 Menschen Platz finden – plus den Mutter-Kind-Raum, in dem kleine Kinder spielen und ihre Eltern gleichzeitig durch das Fenster zum Kirchenschiff und über Lautsprecher den Gottesdienst mitverfolgen können.

„Es hat Tradition, dass es jeden Sonntag nach dem Gottesdienst Kaffee im Gemeinschaftsraum gibt. Und irgendjemand hat immer einen Kuchen gebacken.“
Gemeindevorsteher Norbert Kumor

Eine Küche, ein Gemeinschaftsraum und mehrere kleinere Räume, in denen beispielsweise der Sonntagsunterricht stattfindet, befinden sich ebenfalls in dem Gebäude am Koppelweg. Denn die Neuapostolische Gemeinde lebt ihre Gemeinschaft auf vielfältige Weise. „Es hat Tradition, dass es jeden Sonntag nach dem Gottesdienst Kaffee im Gemeinschaftsraum gibt. Und irgendjemand hat immer einen Kuchen gebacken“, erzählt Norbert Kumor.

Er ist definitiv jeden ersten Sonntag in seiner Gemeinde. An anderen Sonntagen oder auch unter der Woche ist er aber auch in den elf anderen Gemeinden des Kirchenbezirks Hamm zu finden. Denn auch das gehört zum Konzept der Neuapostolischen Kirche: Die Gemeindevorsteher und Priester rotieren, predigen abwechselnd in jeder Gemeinde.

Immer wieder ein neues Gesicht vorne am Altar: Woran sich viele Katholiken in Zeiten der Pastoralverbünde erst gewöhnen mussten, hat bei den Neuapostolischen Gläubigen Tradition – und oftmals erstaunliche Wirkungen.

Spontane Predigten und eine enge Gemeinschaft: Die Neuapostolische Kirche

Küche, Gemeinschaftsräume und ja, auch Toiletten gibt es in der Kirche der Neuapostolischen Gemeinde in Massen. © Anna Gemünd

„Wenn Ihr Gemeindevorsteher, der Sie kennt und weiß, was in der Gemeinde los ist, ein Bibelwort so interpretiert, dass es Ihnen Kraft gibt, dann denken Sie, dass er das vielleicht bewusst mit Blick auf Ihre Situation getan hat, weil er weiß, was bei Ihnen los ist. Wenn aber ein fremder Priester, der nicht um Ihre Situation weiß, dies ebenso tut, dann lässt Sie das nachdenken. Und dann ist es das, was manche vielleicht Zufall nennen würen, wir aber den Heiligen Geist“, erklärt Hans-Jürgen Koschker, wie die wechselnden Priester und ihre Art zu predigen, auf die Gläubigen wirken können.

„Die ersten Gottesdienste fanden damals in dem Saal einer Kneipe zwischen Massen und Wickede statt.“
Gemeindevorsteher Norbert Kumor

Die Gemeinde in Massen ist stolz, dass sie seit beinahe einem halben Jahrhundert ihr eigenes Gotteshaus hat. „Bis 1963 wurde Massen von der Gemeinde in Dortmund-Wickede mitbetreut“, erzählt Norbert Kumor und schmunzelt, „die ersten Gottesdienste fanden damals in dem Saal einer Kneipe zwischen Massen und Wickede statt.“ Seit dem 8. Dezember 1970 haben die neuapostolischen Gläubigen in Massen ihr Gotteshaus am Koppelweg als Anlaufstelle. Und auch, wenn sich das Kirchenschiff selten bis auf den letzten Platz füllt, ist die Gemeinschaft eine besondere: „Dadurch, dass wir eine so kleine Gemeinde sind, kennt man sich untereinander und hilft einander. Das zeichnet unsere Gemeinde aus“, sagt Norbert Kumor nicht ohne Stolz.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Betrug
Unnaerin bestellt Waren im Wert von 1700 Euro – die Rechnungen bekommen die Verwandten
Meistgelesen