Wegen des Streits um ein Durchfahrtverbot bleibt in Lünern dieses Jahr der Müll liegen

Keine „Saubere Landschaft“

Der Streit um die Nutzung einer Straße in Nordlünern eskaliert: Örtliche Landwirte stellen für die Müllsammelaktion im Dorf keine Fahrzeuge bereit. Lünern wird wohl dieses Jahr unseliger aussehen als sonst.

Lünern, Stockum

, 01.03.2019, 14:51 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wegen des Streits um ein Durchfahrtverbot bleibt in Lünern dieses Jahr der Müll liegen

Es macht Spaß und hinterher ist das Dorf sauberer: Die „Aktion Saubere Landschaft“ ist eine tolle Initiative. In diesem Jahr fällt sie für Lünern und Stockum aus. © Borys Sarad

Lünerns und Stockums Ortsvorsteherin Anja Kolar macht kein Geheimnis aus ihrer aktuellen Stimmung: „Ich bin wegen dieser Sache sehr niedergeschlagen.“ Kurzfristig am Donnerstagabend gab die Ortsvorsteherin bekannt, dass die für das Wochenende geplante „Aktion Saubere Landschaft“ ausfällt. Die Müllsammelaktion wird jedes Jahr wie in anderen Dörfern im Frühjahr organisiert, im Fall Lünern/Stockum ist es ein Projekt der Interessengemeinschaft der Vereine. Mitglieder und Bürger machen sich an einem Samstag auf die Beine, um gemeinsam Weg- und Straßenränder, Gräben und Grünflächen von weggeworfenem Abfall zu befreien. „Gemeinsam“, das schließt traditionell auch die örtlichen Landwirte ein: Die Bauern stellen unentgeltlich Zeit und Gerät zur Verfügung, denn sonst würde das Ganze kaum funktionieren. Die vielen Müllsäcke werden auf Anhänger geladen, die Landwirte ziehen diese mit ihren Traktoren zur Deponie. Dieses Jahr aber machen die Landwirte nicht mit, denn wegen dieser Traktorgespanne hat sich an einem Punkt in Nordlünern ein Streit entzündet, der nun eskalierte.

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Ursprungskritik vor allem an Fuhrunternehmen

Landwirte befahren die Straße „Vor dem Holz“, weil diese für sie eine wichtige Wegeverbindung darstellt, um von Betriebsstätten aus Felder zu erreichen. Rein rechtlich dürfen sie das aber nicht. Die Durchfahrt ist nur für Fahrzeuge gestattet, die leichter sind als 2,8 Tonnen. Anlieger dürfen durchfahren. Dass trotzdem schwere Fahrzeuge im Dienst der modernen Landwirtschaft über diese Straße rollen, ist für Anlieger ein Ärgernis. Schon vor Monaten war der Streit um die Straße „Vor dem Holz“ bekannt geworden. Seinerzeit waren vor allem die Fahrer von Fuhrunternehmen in die Kritik geraten, die nicht dem örtlichen Landwirtschaftsverkehr zuzuordnen sind: Ein großer Betrieb in Bönen ließ große Mengen Biomasse zu einer Biogasanlage transportieren, und die Fahrer nutzten „Vor dem Holz“ als Abkürzung, die Zeit und Geld spart. Schwere Lastzüge in kurzen Zeitabständen ließen bei Anliegern die Wände wackeln, wie diese berichteten.

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Spontane „Straßensperrung“ erhitzt die Gemüter

Ortsvorsteherin Anja Kolar berichtet, sie habe vor Monaten schon versucht, in diesem Streit zu vermitteln. Auch das städtische Ordnungsamt war involviert und hatte den Bönener Betrieb angewiesen, dass seine Fahrer die an sich verbotene Straße meiden sollen. „Ich wollte auch, dass der Ärger nicht die örtlichen Bauern trifft“, sagt Kolar. Aber genau das ist offenbar nun doch geschehen. Folgende Szene, die unserer Redaktion geschildert wurde, muss sich am Mittwoch zugetragen haben: Ein Landwirt befuhr die Straße „Vor dem Holz“ und wurde von Anliegern gestoppt, die die Straße sperrten. Dem Vernehmen nach wurde dem Fahrer des Gespanns eine Anzeige angedroht, er soll mit einer gewissen Erregung reagiert haben.

Wegen des Streits um ein Durchfahrtverbot bleibt in Lünern dieses Jahr der Müll liegen

Vor dem Holz: Schwere Fahrzeuge dürfen hier nicht durchfahren. Weil einige es trotzdem tun, gibt es Ärger in Nordlünern. © Marcel Drawe

Ortsvorsteherin: „Kann nur vermitteln, nichts anordnen“

Das Thema erreichte aufgrund des Vorfalls wieder Ortsvorsteherin Anja Kolar. Ihr sei mitgeteilt worden, dass die örtlichen Landwirte, die sich in dieser Sache solidarisieren, nicht wie sonst für die Müllsammelaktion zur Verfügung stünden, es sei denn, sie erhielten eine Art Wegerecht. Kolar wiederum erklärt, sie sehe sich aufgrund ihrer Position und aus rechtlichen Gründen außer Stande, bei den Anliegern eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken. „Ich kann hier nichts anordnen, ich kann nur versuchen, zu vermitteln“, sagt sie. Der Versuch bestand in den vergangenen Tagen aus intensiven Gesprächen mit beiden Seiten, leider ohne Ergebnis. „Wir kommen nicht auf einen Nenner.“

Beide Seiten haben nachvollziehbare Argumente

Kolar betont, sie verstehe beide Parteien in diesem Streit. Schwere Fahrzeuge bedeuten für Anlieger nicht nur Lärm. Es geht auch um Straßenschäden.

„Ich verstehe beide Seiten in diesem Streit.“
Ortsvorsteherin Anja Kolar

„Vor dem Holz“ ist für Schwerverkehr nicht ausgelegt, die Tonnagebegrenzung hat also einen Hintergrund. Und wenn die Straße einmal von Grund auf saniert werden muss, dann müssen Anlieger das mitfinanzieren. Und was das Durchfahrtverbot angeht, seien die Anlieger ja grundsätzlich im Recht. Die Bauern wiederum, bestätigt Kolar, könnten keine großen Umwege fahren. „Ich verstehe auch die Landwirte.“ Es habe auch niemand Interesse daran, dass die Gespanne durch das Dorf rollen.

Ausweichtermin für Müllsammlung kaum zu finden

Nun bleibt es dabei: Die Bauern fahren den Müll nicht ab, und deswegen kann er nicht gesammelt werden. Alternative Transportfahrzeuge könne sie auf die Schnelle „nicht zaubern“, sagt die Ortsvorsteherin. Ausgerechnet Lünern und Stockum, die sich gerade mit einem Entwicklungskonzept, vielen Projekten und großer Bürgerbeteiligung für die Zukunft aufstellen, sollen im Jahr 2019 als einzige Dörfer in Unna nicht vom weggeworfenen Müll befreit werden? So wird es wohl kommen. „Vermutlich wird es dieses Jahr keine Müllsammlung geben“, sagt Kolar. Einen Ausweichtermin zu finden, schließt sie derzeit aus. Es gebe in der dörflichen Gemeinschaft sehr viele Veranstaltungen unterschiedlicher Gruppen. Termine würden schon im November für das Folgejahr festgelegt. „Es ist so schon schwer, alle unter einen Hut zu bekommen.“ Und der Müll? Er bleibt liegen, „es sei denn, der eine oder andere hebt beim Spazierengehen etwas auf.“

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