Grüne von Vorschlägen für Nazi-Straße „wie vom Donner geschlagen“

dzFragwürdige Widmungen

Die Diskussion über Unnas Nazi-Straßen wird neu entfacht. Textentwürfe für die Zusatzschilder an Wagenfeld-, Lersch- und Sedanstraße stoßen auf Kritik. Politiker fordern Nacharbeit.

Unna

, 10.09.2019, 12:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit über fünf Jahren beschäftigt sich Unna mit den Straßenwidmungen für Karl Wagenfeld, Heinrich Lersch und die Schlacht bei Sedan. Der jetzt vorliegende Lösungsvorschlag scheint dem Willen des Stadtrates für einen Umgang mit diesen Widmungen nicht zu entsprechen.

Der Rat hatte sich dagegen entschieden, die Widmungen zurückzunehmen, wollte sie stattdessen durch Zusatzschilder in ein kritisches Licht rücken. Die Straßennamen würden dabei nicht als Ehrung, sondern als Mahnung aufgefasst. Doch die Textentwürfe für diese Zusatzschilder sind so unglücklich formuliert, dass der Betrachter auf die Idee kommen könnte, Unna würdige die beiden Lyriker nicht trotz, sondern gerade wegen ihre nationalen Einstellung mit einem Straßennamen.

Jetzt lesen

Was dem Kulturausschuss nun als reine Mitteilungsvorlage zur Kenntnis gegeben werden sollte, dürfte zunächst einmal den Ruf nach einem Umsetzungsstopp hervorrufen. „Wir waren wie vom Donner geschlagen, als wir die Entwürfe gesehen haben, echt schockiert“, erklärt der bündnisgrüne Kulturpolitiker Michael Sacher. Diese Entwürfe „gehen gar nicht“, fordert er eine Überarbeitung.

„Derart eingekürzt ist das nicht in unserem Sinne“

Auch SPD-Frau Ingrid Kroll bereiten die Entwürfe Kopfzerbrechen. Als Ortsvorsteherin hat sie nach den Bräuchen in der Politik ein Vorschlagsrecht für die Benennung neuer Straße. Und in gewisser Weise leitet sich daraus eine Zuständigkeit für das Hinterfragen alter Widmungen ab. Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums hätten sich sehr viel Arbeit damit gemacht, die Hintergründe der drei Straßenwidmungen zu recherchieren. „Wenn das Ergebnis nun dermaßen eingekürzt wird, dass man alles daraus lesen kann, ist das nicht in unserem Sinne“, sagt Kroll. „Dann muss der Vorgang von der Politik auch nochmal zur Beratung aufgerufen werden.“

Unter den Schildern der Wagenfeldstraße etwa würde nach dem derzeitigen Entwurf der Text hängen: „Karl Wagenfeld (1869-1939), bedeutender plattdeutscher Schriftsteller, Mitbegründer des Westfälischen Heimatbundes mit völkisch-nationalistischem Weltbild.“ Kulturausschussmitglied Michael Sacher trägt diesen Entwurf nicht mit. „Das muss viel deutlicher“, sagt er. „Karl Wagenfeld war einfach ein Nazi.“

Umbenennung hätte „dieses ganze Theater erspart“

Tatsächlich ist der Blick auf Wagenfeld in den vergangenen Jahren vielerorts revidiert worden. Mindestens 16 Städte in NRW haben Widmungen für Karl Wagenfeld zurückgenommen, darunter auch Münster und Lünen. Die Münsteraner Kommission, deren Arbeit oft als methodisches Vorbild für die Überprüfung belasteter Straßennamen genutzt wird, sieht Karl Wagenfeld als „aktive Stütze des NS-Regimes“.

Ein vom LWL angelegtes Lexikon Westfälischer Autoren zitiert im Porträt Wagenfelds den Publizisten Rainer Schepper, der Wagenfelds Heimatbegriff in die Nähe der „Blut-und-Boden“-Ideologie der Nazis rückt: „Neger, Kaffern und Hottentotten sind Halbtiere, Fremdrassige sind Volksverderber und Schädlinge, Menschen in Krüppel- und Idiotenanstalten, in Fürsorgeheimen und Strafanstalten sind körperlich und geistig Minderwertige“, reiht Schepper Worte aus dem Sprachgebrauch Wagenfelds aneinander.

Vor solch einem Hintergrund erinnert Sacher daran, dass vielleicht der grundsätzliche Beschluss des Rates schon unglücklich war. „Dieses ganze Theater hätte man sich sparen können, wenn die Straßen einfach umbenannt worden wären.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Einzelhandel

Sinn will Handelsfläche der P&C-Filiale vergrößern und sucht jetzt Personal für Verkauf

Hellweger Anzeiger Fridays for Future

Mit vielen Fotos und Video: 1100 Schüler und Erwachsene protestieren in Unna für das Klima

Meistgelesen