Klischees über Langzeitarbeitslose gibt es viele. Ein Unnaer gesteht: Auf ihn haben sie lange zugetroffen. Doch das liegt hinter ihm. Im Freibad Bornekamp hat er inzwischen einen festen Job.

Unna

, 08.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Christian Kalinowski ist keiner, der um den heißen Brei herumredet. „Früher“, sagt der heute 34-Jährige, „habe ich am liebsten zwei Tage nur geschlafen.“ Früher war Kalinowski arbeitslos, und das viele Jahre lang.

Endstation Hartz IV? Für viele, die wie Kalinowski keinen Schul- und Berufsabschluss vorweisen können, ist das so. Der 34-Jährige kennt etliche Menschen aus seinem ehemaligen Umfeld, denen es so geht. Sie zu „aktivieren“, wie es im Arbeitsvermittler-Fachjargon heißt, ist schwierig, da jeder Einzelne in der Regel mit vielfältigen Problemen beladen ist.

Das Beispiel von Christian Kalinowski zeigt freilich, dass der Teufelskreis durchbrochen werden kann. Der Wille und das Durchhaltevermögen des Einzelnen sind dafür essenziell – reichen aber meist nicht aus. Ohne Unterstützung, sowohl vom Jobcenter als auch vom Arbeitgeber, geht es kaum.

Nur als Küchenhilfe gearbeitet

In Kalinowskis Fall kommt all das glücklicherweise zusammen. Der Fröndenberger hatte lediglich eine Tätigkeit als Küchenhilfe an weiterführenden Schulen vorzuweisen, als er vor fünf Jahren als Ein-Euro-Jobber ans Freibad Bornekamp vermittelt wurde. „Ich konnte nicht wirklich schwimmen, konnte mich gerade so über Wasser halten“, erinnert sich Kalinowski mit dem Anflug eines Lächelns im Gesicht.

Zunächst war er für die Reinigung und Pflege des Geländes zuständig, später kam die Schwimmaufsicht hinzu. Der Verein, der das Freibad ehrenamtlich betreibt, förderte das, meldete ihn etwa zum Rettungsschwimmer-Lehrgang bei der DLRG in Massen an. Es habe zwar etwas länger gedauert, wie Kalinowski zugibt, und er habe den Leuten beim DLRG auch „einige graue Haare verpasst“, aber er hat die Prüfung letztlich bestanden.

„Früher habe ich am liebsten zwei Tage nur geschlafen. Heute kann ich mir Nichtstun gar nicht mehr vorstellen.“
Christian Kalinowski

Nunmehr ist er als das, was man landläufig Bademeister nennt, neben der Aufsicht über die Schwimmbecken unter anderem für die Beckenreinigung, Wasserproben und Kontrolle der Filter zuständig.

Und Jessica Mense, 1. Vorsitzende des Freibadvereins, ist froh, Kalinowski mit 27 Wochenstunden in eine feste, unbefristete Anstellung übernommen zu haben.

Ein Arbeitszeitkonto trägt dem Saisongeschäft Rechnung. Während der Saison zwischen Mitte April und Mitte September arbeitet Christian Kalinowski deutlich mehr, nach zwölf Tagen am Stück hat er zwei Tage frei. Im Winter gleicht es sich wieder aus.

Ehrenamtlich nicht zu stemmen

650 Haushalte sind laut Mense Mitglied im Freibadverein, in ihnen wohnen rund 1500 Schwimmer. Je mehr Menschen ins Freibad kommen, desto mehr sei dort auch zu tun, erklärt Mense.

Ehrenamtlich sei das längst nicht mehr zu stemmen, insofern sind die öffentlich geförderten Jobs im Bad im Grunde seit Jahren nicht mehr wegzudenken.

Allein die Pflege des Geländes inklusive dem Raus- und Reinstellen von Stühlen und Tischen und dem Leeren der Mülleimer würden zu Spitzenzeiten eine Kraft ganztägig auf Trab halten.

Nicht nur in Christian Kalinowskis Fall ist aus dem Ein-Euro-Job im Laufe der Zeit deutlich mehr geworden. Eine gelernte Industriekauffrau, die mit Unkraut zupfen in den Beeten auf dem Freibad-Gelände anfing, erledigt etwa inzwischen die Buchführung.

Von der Couch zur Schwimmaufsicht: Wie ein Unnaer der Hartz-IV-Falle entkommen ist

Robin Hackbarth (l.) und Andreas Meyer sind ebenfalls über geförderte Beschäftigung an ihre Jobs im Bornekampbad gekommen und kümmern sich dort unter anderem um die Pflege des Geländes. © Udo Hennes

Es sind Erfolgsgeschichten, von denen nicht nur die ehemaligen Langzeitarbeitslosen profitieren, sondern auch der Verein – und letztlich jeder, der gerne in Unna ins Freibad geht.

Viele der Besucher kennt Christian Kalinowski inzwischen bereits persönlich. Dass er seinen Platz gefunden hat, ist ihm anzumerken. Der Freibadverein hat zum Wohlfühlfaktor nicht unwesentlich beigetragen, hat beim Umzug von Fröndenberg nach Unna geholfen und ihm ein Fahrrad zur Verfügung gestellt.

Nichtstun, sagt der ehemalige Hartz-IV-Empfänger, könne er sich gar nicht mehr vorstellen.

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