Fritz Steinhoff und sein geliebter Dackel. Steinhoff galt als „ruhender Pol, Mitte und Ausgleich im Kreis der Persönlichkeiten seines Kabinetts“. © privat
Politik

Vom Bergarbeiter in Massen zum Ministerpräsidenten von NRW: Fritz Steinhoff

65 Jahre ist es her, dass ein Bergarbeiter aus Massen zum Ministerpräsidenten des Landes NRW gewählt wurde. Über Fritz Steinhoff und seine Zeit in Massen ist jedoch erstaunlich wenig bekannt.

In den USA gibt es diese Geschichte vom Tellerwäscher, der es zum Millionär gebracht hat. Millionär dürfte Fritz Steinhoff zwar nicht geworden sein, doch die Karriere des jungen Mannes vom Bergarbeiter über Heizer auf einem Torpedoboot zum Ministerpräsidenten des bevölkerungsreichsten Bundeslandes ist definitiv ungewöhnlich. Und eine, über die gerade in Unna-Massen viel mehr bekannt sein müsste, finden Peter Kracht und Hartmut Ganzke. Denn Fritz Steinhoff ist in Massen aufgewachsen.

Am 20. Februar 1956 – heute vor 65 Jahren – wurde Fritz Steinhoff durch ein konstruktives Misstrauensvotum gegen den regierenden CDU-Ministerpräsidenten Karl Arnold zum neuen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. „Karl Arnold gestürzt – Fritz Steinhoff vereidigt“ – so stand es auf der Titelseite des Hellweger Anzeigers am 21. Februar 1956. Es war der Höhepunkt einer Karriere, die so wohl niemand vorher gesehen hatte.

Denn geboren wurde der kleine Fritz am 23. November 1897 in einer Bergmannsfamilie als eines von insgesamt elf Geschwistern. Seine Abstammung aus einer Arbeiterfamilie sei „sicher keine schlechte Beigabe zu seinen politischen Fähigkeiten“, meinte der Redakteur des Hellweger Anzeigers, der über die Amtsübernahme damals berichtete.

In Hagen, wo Fritz Steinhoff zweimal ehrenamtlicher Oberbürgermeister war, erinnert eine Statue an den ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes NRW.
In Hagen, wo Fritz Steinhoff zweimal ehrenamtlicher Oberbürgermeister war, erinnert eine Statue an den ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes NRW. © privat © privat

Im Lokalteil erfährt Steinhoff eine weitere Würdigung; hier feiert die Redaktion, dass „unser eigener Landsmann“ nun das höchste Amt im Land innehabe und zitiert Steinhoffs Bruder Heinrich, der damals Bergmann in Königsborn war, mit den Worten: „Der Fritz war immer ein heller Kopf.“

„Der Fritz war immer ein heller Kopf.“

Heinrich Steinhoff, Bruder von Fritz Steinhoff, im Hellweger Anzeiger vom 21. Februar 1956 zum Amtsantritt seines Bruders als NRW-Ministerpräsident

Dessen Geburtsurkunde weist jedoch Wickede als Geburtsort aus. Massens Ortsvorsteher und Kreisheimatpfleger Peter Kracht hat sie sich im Stadtarchiv Dortmund angesehen. „Geboren wurde Fritz in der Wohnung der Großeltern. Seine Mutter war für die Geburt zu ihren Eltern nach Wickede gegangen. Und sein Papa war bei der Hausgeburt zugegen“, weiß Kracht.

1921 taucht der Name „Steinhoff“ erstmals in Unna auf

Das Interesse Krachts an Steinhoff liegt vor allem in dessen Jugendjahren begründet: Der junge Fritz wuchs in Massen auf. Dank der Recherche von Peter Kracht und Unnas Stadtarchivar Frank Ahland ist jetzt auch bekannt, wo genau: „1921 wird seine Familie erstmals in Unna erwähnt; demnach wohnten sie zu diesem Zeitpunkt an der Sedanstraße 7 in Massen.“ Der kleine Fritz folgte seinem Vater in der Tradition des Bergmannes und fing im Alter von 17 Jahren auf der Zeche Massen an. Fast schon ironisch mutet es da an, dass er während des Ersten Weltkrieges als Heizer Kohlen in einem Torpedoboot der Marine schaufelte.

In Massen ist seit 2007 ein Fußweg nach dem ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten benannt, der seine Jugend in Massen verbrachte und hier auf der Zeche arbeitete. Ortsvorsteher Peter Kracht hat beantragt, dass das Schild um zusätzliche Informationen zur Person Steinhoffs ergänzt wird.
In Massen ist seit 2007 ein Fußweg nach dem ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten benannt, der seine Jugend in Massen verbrachte und hier auf der Zeche arbeitete. Ortsvorsteher Peter Kracht hat beantragt, dass das Schild um zusätzliche Informationen zur Person Steinhoffs ergänzt wird. © privat © privat

Hier war es auch, wo Steinhoff erste Kontakte zu Sozialdemokraten bekam und nach dem Krieg der SPD beitrat. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm seine politische Karriere richtig Fahrt auf: Stadtverordneter in Iserlohn, ehrenamtlicher Oberbürgermeister in Hagen, Landtagsabgeordneter, „Wiederaufbauminister“ – all das ebnete den Weg für die Übernahme des höchsten Amtes im Land am 20. Februar 1956.

„Deine Rede war keine Glanzleistung für einen Ministerpräsidenten. Das hätte ich besser gekonnt.“

Angebliche Aussage des damaligen Massener Bürgermeisters Otto Holzapfel zu Fritz Steinhoff nach dessen Rede auf der Jubilarehrung der SPD Massen 1956

Zwei Jahre lang führte Steinhoff Nordrhein-Westfalen, anschließend war er nochmals Oberbürgermeister von Hagen und saß von 1965 bis zu seinem Tod im Jahr 1969 im Deutschen Bundestag.

Fußweg in Massen trägt seit 2007 den Namen Steinhoffs

Peter Kracht und Hartmut Ganzke, beide mit Leib und Seele Massener und SPD-Mitglieder, haben den Jahrestag zum Anlass genommen, sich mit Steinhoffs Würdigung und Wahrnehmung in Massen zu beschäftigen. Seit 2007 trägt der kleine Fußweg zwischen Massener Hellweg und Mittelstraße den Namen des ehemaligen Ministerpräsidenten. „Ich werde aber immer wieder darauf angesprochen, wer Fritz Steinhoff eigentlich war und wieso wir in Massen nach ihm einen Weg benannt haben“, hat Peter Kracht festgestellt, dass das Wissen über Steinhoff in Massen kaum vorhanden ist.

Legendäres Aufeinandertreffen mit Otto Holzapfel

Tatsächlich stellte sich die Recherche über Steinhoffs Zeit in Massen als nicht so einfach heraus. Steinhoff und seine Frau Käthe hatten keine Kinder; damit gibt es auch keine direkten Nachfahren, die als Kontakte dienen könnten. Doch zumindest eine Anekdote ist dann doch überliefert: „Als Fritz Steinhoff schon Ministerpräsident war, hat ihn der SPD-Ortsverein Massen zu seiner Jubilarehrung eingeladen und Steinhoff ist auch tatsächlich gekommen“, erzählt Hartmut Ganzke.

Die Veranstaltung im Melanchthonhaus dürfte Steinhoff lange im Gedächtnis geblieben sein, denn als er nach seiner Rede die kleine Bühne verließ, soll der damalige Massener Bürgermeister Otto Holzapfel an ihn herangetreten sein und gesagt haben: „Deine Rede war keine Glanzleistung für einen Ministerpräsidenten. Das hätte ich besser gekonnt.“ Steinhoff habe daraufhin Massen ziemlich schnell verlassen, heißt es.

Auf dem Hauptfriedhof in Iserlohn befindet sich das Grab von Fritz Steinhoff und seiner Frau Käthe. Peter Kracht (links) und Hartmut Ganzke besuchten die Grabstelle im Vorfeld des Jahrestages am 20. Februar. An diesem Tag vor 65 Jahren wurde Steinhoff als NRW-Ministerpräsidenten vereidigt.
Auf dem Hauptfriedhof in Iserlohn befindet sich das Grab von Fritz Steinhoff und seiner Frau Käthe. Peter Kracht (links) und Hartmut Ganzke besuchten die Grabstelle im Vorfeld des Jahrestages am 20. Februar. An diesem Tag vor 65 Jahren wurde Steinhoff als NRW-Ministerpräsidenten vereidigt. © privat © privat

Peter Kracht und Hartmut Ganzke hoffen, dass es noch weitere solcher Anekdoten über Steinhoffs Wirken in Massen gibt. „Auch Fotos von ihm in Massen haben wir bisher keine gefunden. Aber vielleicht hat ja jemand welche in seinem Privatarchiv, beispielsweise von dieser Jubilarveranstaltung.“ Denn dass ein Bergarbeiter aus Massen zum Ministerpräsidenten des Landes wurde, müsste in Massen vielmehr gewürdigt werden, finden die beiden.

Über die Autorin
Redaktion Unna
Sauerländerin, Jahrgang 1986. Dorfkind. Liebt tolle Geschichten, spannende Menschen und Großbritannien. Am liebsten draußen unterwegs und nah am Geschehen.
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Anna Gemünd

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