Mit dem Fahrrad statt dem Auto zu pendeln, macht ein gutes Gewissen. Ralf Neureiter und Annette Gutzeit gewinnen dadurch auch an Lebensqualität. Möglich ist das, weil ihr Arbeitgeber sie angeschoben hat.

Unna

, 01.08.2019, 14:11 Uhr / Lesedauer: 3 min

Annette Gutzeit dachte vor fünf Jahren schon darüber nach, sich ein E-Bike anzuschaffen. Als ihr Arbeitgeber dann ein neues Förderkonzept für alternative Mobilität ins Leben rief, kam dieser Schubs zum richtigen Zeitpunkt. „Inzwischen steht mein Auto überwiegend still“, sagt Gutzeit. „Und immer, wenn ich es doch nutzen muss, finde ich das schade.“

Eingebauter Rückenwind

Die 59-Jährige arbeitet in der Pflegedirektion am Katharinen-Hospital. Der Krankenhausverbund ermöglicht es seinem Personal, ein E-Bike vergünstigt zu leasen, und Gutzeit macht bei diesem Projekt mit.

„Mein Auto steht jetzt überwiegend still.“
Annette Gutzeit

Zu einem überschaubaren Preis hat sie nun ein gutes Fahrrad mit unterstützendem Elektromotor. Vorher sei sie sehr selten mit dem Rad zur Arbeit gefahren. Die Strecke von Königsborn zum Krankenhaus ist zwar relativ kurz, aber ausgerechnet der Hinweg führt fast ausschließlich bergauf. „Das war schon eine Hemmschwelle“, erinnert sich die Königsbornerin.

Mit eingebautem Rückenwind ist diese Fahrt nun überhaupt nicht mehr anstrengend. Im Gegenteil: Gutzeit beschreibt sie als Genuss. Die Hauptstrecke entlang der Friedrich-Ebert-Straße, über sich die Blechlawine der Autos quält, lässt sie überwiegend links liegen. Gerne fährt sie auch Umwege. „Ich höre unterwegs die Bäume rauschen.“ So beschreibt die Fahrradpendlerin ihren Mehrwert.

Entspannt mit Rad statt gestresst mit Auto: So macht die Verkehrswende in Unna Spaß

In der Tiefgarage am Katharinen-Hospital sind alle Räder sicher und trocken untergebracht. E-Bike-Fahrer können sie auch kostenlos aufladen. © Raulf

Weg zur Arbeit als Mehrwert

Genauso hatten es sich die Vordenker in ihrem Unternehmen gedacht. „Der Weg zur Arbeit wird zum Mehrwert“: Mit Slogans wie diesem bewarb der Katholische Hospitalverbund eine Kampagne, mit der er seit einigen Jahren das Ziel verfolgt, seine Leute ressourcenschonend und gesünder in Bewegung zu bringen.

Die Ressourcen sind nicht nur fossile Brennstoffe, die eingespart werden, indem die Mitarbeiter nicht mit Verbrennungsmotor-Autos zum Dienst fahren. Es gilt auch, Platz zu sparen. Die Parkplätze in Tiefgaragen am Katharinen-Hospital sind begrenzt und besonders zu Zeiten des Schichtwechsels umkämpft. Für das Problem gebe es noch immer keine vollständige Lösung, sagt Krankenhaussprecherin Karin Riedel. „Es hat sich aber schon etwas entspannt.“ Dazu tragen 80 Kollegen bei, die inzwischen das E-Bike-Leasing nutzen. 150 insgesamt sind es im Hospitalverbund, zu dem auch die katholischen Krankenhäuser in Soest und Werl gehören.

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Entspannt pendeln auch von Werl

Na klar, werden jetzt Kritiker sagen, wer nur zwei Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt wohnt, dem fällt es leicht, das Auto stehen zu lassen. Tatsächlich hatte der Hospitalverbund seinerzeit errechnet, dass jeder dritte Mitarbeiter relativ nah am Arbeitsplatz seinen Wohnsitz hat, nämlich weniger als zehn Kilometer entfernt. Aber was ist mit Leuten, die einen weiteren Anfahrtsweg haben? Sie sind mit dem Rad vielleicht doch zu lange unterwegs, um obendrein schon verschwitzt zum Dienst zu kommen. Nein, sagt Ralf Neureiter. Er ist stellvertretender Leiter der Pflege auf der Intensivstation im KK. Und dieser Fahrradpendler wohnt in Werl.

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Ralf Neureiter und Annette Gutzeit gehören zu den 80 Mitarbeitern des Katharinen-Hospitals, die mit geleasten E-Bikes pendeln. © Raulf

Mit dem Rad und immer pünktlich

Zugegeben, der drahtige 48-Jährige hat einen sportlichen Hintergrund. „Ich bin immer schon gerne Fahrrad gefahren“, sagt der Fachpfleger. Doch die 18 Kilometer von Werl nach Unna legte er früher doch überwiegend mit dem Auto zurück, um nicht schon „abgerackert“ zum Dienst zu erscheinen. Jetzt geht es auch anders. Sein E-Bike bringt ihn in 40 Minuten zum Arbeitsplatz, berichtet Neureiter. Einmal muss er unterwegs die Bahn überqueren. Sind die Schranken in dem Moment geschlossen, sind es 42 Minuten. Die Anfahrt ist für ihn genau planbar, auch bei Gegenwind oder Regen ist er pünktlich. „Und ich bin entspannt mit einem 80er-Puls auf der Arbeit.“

Bis zu 6000 Kilometer, zurück auch sportlich

Jeden Tag fährt Neureiter nicht mit dem Rad zum Dienst, seitdem er das E-Bike-Leasing nutzt. Vor allem im Winter fährt er doch meist mit dem Auto, insgesamt aber schätzt er seine Fahrrad-Pendelquote auf immerhin 50 Prozent. 3000 bis 6000 Kilometer fährt er pro Jahr mit E-Bike zur Arbeit. Er freut sich, das Rad so sportlich nutzen zu können wie er möchte. Auf dem Hinweg bleibt er bei höchstens 26 Stundenkilometern, um innerhalb der komfortablen Motorunterstützung zu bleiben. „Und nach Feierabend kann ich dann trainieren.“

Lächelnd am B1-Stau vorbei

Hin wie zurück - die Fahrradstrecke über Feldwege im Unnaer Osten bringt Neureiter in Kontakt mit der Natur, was er sehr schätzt.

„Das ist Lebensqualität.“
Ralf Neureiter über die Nutzung seines geleasten E-Bikes

Hat er im Dienst Stress erlebt oder irgendetwas mental zu verarbeiten, könne er das in 40 Minuten gut „wegstrampeln“, sagt er. „Ich sehe manchmal den Stau auf der B1. Ich lächle dann und freue mich auf meinen kostenlosen Fahrradstellplatz.“

Auch Lebenspartner können ein E-Bike über das Krankenhaus leasen, ein weiterer Vorteil des Konzepts, meint Neureiter. Zu zweit „mal eben“ eine Fahrradtour im Raum Köln/Bonn, das ist kein Problem. Zum Dienst und in der Freizeit radeln mit Unterstützung des Elektromotors und des Arbeitgebers: „Das ist Lebensqualität“, sagt Ralf Neureiter.

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