Zu wenig Platz für ihre Wurzeln – das war mit ein Hauptgrund, warum in den Hitzesommern 2018 und 2019 so viele Bäume vertrockneten. Das ist bei den „Neuen“ jetzt anders.

Unna

, 23.01.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie war nicht mehr zu retten: Im Februar 2019 musste eine über 70 Jahre alte Kastanie an der Friedrich-Ebert-Straße gefällt werden. Zu morsch war die Krone, zu groß die Gefahr, dass sie unkontrolliert auf die Fahrbahn stürzte. Eine Folge des Befalls der gefräßigen Rosskastanien-Miniermotte, die die Kastanien besonders gerne befällt. Jetzt wurde die Kastanie ersetzt – mit einer Kastanie.

Jetzt lesen

Was zunächst absurd klingt, hat aber durchaus einen Grund: „Dort wurde eine rot blühende Kastanie gepflanzt. Sie ist kleiner als die Rosskastanie und vor allem hat sie nicht so viele Probleme mit der Motte“, erklärt Ralf Calovini, Leiter des Grünflächenbereiches bei den Stadtbetrieben.

„Es ist ein Versuch.“
Ralf Calovini über die Anpflanzung der rot blühenden Kastanie

Nur 25 statt der bis zu 35 Meter hoch wird die rot blühende Kastanie – im dichtbebauten Straßenraum kann das ein Vorteil sein. „Es ist ein Versuch“, sagt Calovini. Den größten Vorteil aber dürfte der noch junge Baum durch das haben, was zu seinen Füßen passiert ist. „Hier ist richtig viel investiert worden, dass der Baum viel Platz für seine Wurzeln hat“, erklärt Calovini.

Tatsächlich ist der Bereich rund um den Baum, die sogenannte Baumscheibe auffallend groß. „Es geht nicht nur um die Optik, dass da ein neuer Baum steht, sondern vor allem auch darum, dass der Baum überhaupt eine Chance hat, ein Baum zu werden“, so Calovini.

Unnas neue Bäume bekommen mehr Platz

Bei der neuen Kastanie an der Friedrich-Ebert-Straße handelt es sich um eine rot blühende Kastanie. Sie wird nicht so groß wie die Rosskastanien und ist vor allem weniger anfällig für die Miniermotte. © Anna Gemünd

Ausreichend Platz für ihre Wurzeln: Das ist für Stadtbäume besonders in Hitzesommern wichtig, denn nur durch tiefe und weit verzweigte Wurzeln können sie auch bei oberirdischer Trockenheit tiefer im Boden liegendes Wasser erreichen. Wo dieser Platz nicht vorhanden ist, vertrocknen die Bäume, so wie im vergangenen Sommer beispielsweise am Westring hinter dem Kino.

Die Folgen aus zwei heißen Sommern und Stadtbäumen, die zu schwach sind, um diese auszuhalten, beschäftigen Ralf Calovini und seine Mitarbeiter noch immer. Noch rund 500 Maßnahmen aus dem vergangenen Jahr sind derzeit noch offen. „Das ist nicht mehr normal“, sagt Calovini.

Normal soll es dagegen werden, dass neu gepflanzte Stadtbäume so viel Platz für ihre Wurzeln bekommen, wie sie benötigen. Das geht nicht überall: „An den Altstandorten, also dort, wo wir alte Bäume entfernen mussten, sind die Gegebenheiten in aller Regel nicht so, dass wir viel Platz haben.“ Die Friedrich-Ebert-Straße sei ein gutes Beispiel dafür, wie sich Straßen rund um die oft vor vielen Jahrzehnten gepflanzen Bäume verändern.

Unnas neue Bäume bekommen mehr Platz

Die alten Kastanien haben seit ihrer Pflanzung vor 70, 80 oder auch 100 Jahren viele Veränderungen gesehen – die meisten zu ihren Ungunsten. Im Laufe der Jahrzehnte wurde den Bäumen immer mehr Platz genommen, sei es durch den Ausbau der Straße oder neue Häuser. © Udo Hennes

Als die imposanten Kastanien, die dort heute stehen, gepflanzt wurden, hatten sie zweifelsohne genügend Platz. Dann wurde in den 1970er-Jahren die Straße ausgebaut, weitere Häuser gebaut, die Licht schluckten und Radwege angelegt. Auf das Wurzelwerk der Bäume wurde dabei keine Rücksicht genommen – auch ein Grund, wieso die Kastanien heute so anfällig für die Attacken der Miniermotte sein.

Am Standort der neuen rot blühenden Kastanie war dagegen noch genügend Platz, der nun genutzt wurde, um dem Baum eine echte Chance zu geben. Das geht ins Geld: Das Teure an Baumneupflanzungen sind nicht die Bäume selbst. Ein Baum kostet im Durchschnitt 100 Euro, während das Anlegen einer angemessen großen Baumscheibe gut 4500 Euro kosten kann.

Unnas neue Bäume bekommen mehr Platz

Diese Bäume an der Vaersthausener Straße sind 40 Jahre alt - aber bei weitem nicht so groß wie sie sein könnten. Ihre Wurzeln hatten nicht genügend Platz. © Anna Gemünd

„Lieber wenig, dafür aber gut pflanzen.“
Ralf Calovini

Geld, das gut investiert ist, findet Ralf Calovini. „Lieber wenig, dafür aber gut pflanzen“, meint der Fachmann. Bei sämtlichen Neuanpflanzungen in Neubaugebieten werde mittlerweile auf die ausreichende Größe der Baumscheiben geachtet. „Die neue Bäume im Kamen-Karré und an der Sybil-Westendorp-Straße haben alle große Baumscheiben, die werden sich gut entwickeln, da bin ich mir sicher. Das liegt einfach daran, dass sie Platz haben“, sagt Calovini.

Ein Anblick wie der an der Vaersthausener Straße im Bereich der Kreuzung Feuermaschine könnte damit vermieden werden: Die dort vor 40 Jahren gepflanzen Bäume hatten Bauschutt als Grundlage – keine gute Basis, um gut wachsen zu können. „Aufgrund ihres Alters müssten diese Bäume doppelt so hoch sein wie sie sind. Aber der Grund, auf dem sie stehen, ist einfach nicht gut und auch zu klein“, erklärt Calovini.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Sturm und Regen
Volle Keller und umgestürzte Bäume: Unwetter fordert die Feuerwehr im Kreis erneut
Meistgelesen