Ernüchterung statt Normalität: Unnas Gastronomen beklagen Verlustgeschäfte nach Öffnung

dzGastronomie in Unna

Mit der Wiedereröffnung ihrer Lokale erhoffen sich Gastronomen die Rückkehr zur Normalität. Aber die Realität zeigt: So zahlreich kommen die Kunden nicht wieder. Die Existenzangst bleibt.

Unna

, 18.05.2020, 15:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sobald er sein Café wieder öffnen darf, sind die Sorgen schnell vergessen. So hatte sich das Hüseyin Karadogan zumindest vorgestellt. Aber so ist es nicht. Für den Inhaber vom Café Ambiente in Unnas Innenstadt haben sich mit dem Neustart in der Gastronomie die Existenzängste nur verschärft.

Gemeinsam mit Fikri Basaran, Geschäftsführer vom Café Extrablatt in Unna, und Heinz Glade, Vorsitzender des Wirtevereins Unna, hat er sich zusammengesetzt, um sich über die schwierige Lage der Gastronomen auszutauschen.

Eines ist den Betreibern der Cafés dabei gemein: Sie beklagen den fehlenden Umsatz. „Vergangene Woche sind nur rund zehn Prozent der Gäste zu kommen“, sagt Basaran. Statt der üblichen 70 Stühle auf dem Marktplatz vor dem Café Extrablatt stehen dort derzeit nur 30. Und diese seien nichtmal durchgängig belegt.

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Ein Grund für die Zurückhaltung der Besucher sind die strengen Hygienevorschriften, glaubt auch Karadogan: Zuletzt seien etwa drei seiner Gäste wieder gegangen, nachdem der Inhaber sie gebeten habe, sich die Hände zu desinfizieren. Auch scheinen einige Kunden ihre Kontaktdaten nicht wahrheitsgemäß zu hinterlassen zu wollen: „Auf einem der dafür vorgesehenen Zettel stand zuletzt ‚Max Mustermann aus der Musterstraße‘“, sagt Karadogan. „Da fühlt man sich schon verarscht.“

„Es kann nicht sein, dass Kunden im Einzelhandel anprobierte Kleidung einfach wieder ins Regal zurückhängen dürfen, ich hingegen muss jede Tischdecke nach jedem Gast auf 60 Grad waschen.“
Fikri Basaran, Geschäftsführer Café Extrablatt Unna

Gastronomen beschweren sich über paradoxe Regeln

Aber nicht nur Kunden stören sich an den geltenden Regeln, auch die Betreiber selbst können darüber teilweise nur den Kopf schütteln: „Es kann nicht sein, dass Kunden im Einzelhandel anprobierte Kleidung einfach wieder ins Regal zurückhängen dürfen, ich hingegen muss jede Tischdecke nach jedem Gast auf 60 Grad waschen“, sagt Basaran. Ebenso sei es Kunden im Supermarkt möglich, eine Tüte Milch wieder zurück ins Kühlfach zu stellen, Basaran hingegen müsse jede Speisekarte und jeden Stift nach Benutzung desinfizieren. „Das ist paradox“, sagt er.

Und es erfordert mehr Personal: Normalerweise waren im Café Extrablatt etwa fünf Kellner auf der Fläche, drei Mitarbeiter in der Küche und zwei hinter der Theke beschäftigt; derzeit sind es genau so viele, obwohl deutlich weniger Gäste da sind. Das bedeutet: Gleiche Personalkosten bei weniger Umsatz.

Herausforderung: Gleiche Personalkosten bei weniger Umsatz

Lange kann das nicht gut gehen, weiß auch Karadogan. In seinem Café beschäftigt er ebenfalls seine Partnerin, es ist daher die einzige Einnahmequelle der Familie. Wenn sich dort nicht bald der Normalgewinn einstellt, sieht der Gastronom schwarz: „Lange mach ich das nicht mehr mit. Ich bin finanziell und psychisch völlig angeschlagen“, sagt er.

Hüseyin Karadogan hat sein Café Ambiente in Unna entsprechend der Corona-Vorschriften umgestaltet. Die Gäste bleiben trotzdem aus.

Hüseyin Karadogan hat sein Café Ambiente entsprechend der Corona-Vorschriften umgestaltet. Die Gäste bleiben trotzdem aus. © Vivien Nogaj

Auch Basaran hatte sich den Neustart im Café Extrablatt anders vorgestellt. „Wieder öffnen zu dürfen ist ja schön und gut, aber es muss sich auch rentieren.“ Dass das derzeit nicht der Fall ist, sei für ihn aber nicht verwunderlich: „Viele Menschen bekommen jetzt Kurzarbeitergeld. Die gehen nicht auswärts essen, wenn sie jeden Cent zweimal umdrehen müssen“, meint er.

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Darunter zu leiden haben dann eben Gastronomen wie Karadogan und Basaran. Sie behalten sich vor, ihre Öffnungszeiten anzupassen, wenn nicht bald mehr Gäste kommen. „Falls es sich gar nicht lohnt, schließe ich den Laden vorerst wieder“ , sagt Basaran. Daran will Karadogan noch nicht denken. Er hofft, dass seine Kunden Verständnis für seine Not haben und ihm treu bleiben. „Ich kann doch auch nichts für die Situation“, sagt er.

Gastronomie in Corona-Zeiten

  • Restaurants, Kneipen, Eisdielen dürfen wieder öffnen – aber unter strengen Auflagen.
  • Wir nehmen das zum Anlass, uns vor Ort ein Bild zu machen, wie der Betrieb in Corona-Zeiten läuft.
  • In loser Folge stellen wir unsere heimischen Lokale vor.
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