Im Jahr 2011 wird der gebürtige Unnaer Robert Rother in China als Millionenbetrüger verurteilt. Sieben Jahre und sieben Monate sitzt er dort seine Strafe ab. Nun hat er ein Buch geschrieben.

Unna

, 10.03.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

So rasant, wie Robert Rother (37) aufsteigt, so schnell landet er ganz unten: Der gebürtige Unnaer eröffnet mit 14 Jahren sein erstes Aktiendepot, kauft mehrere Firmen auf und wird in China zum Millionär – bis er wegen Millionenbetrugs verurteilt wird. Im Jahr 2018 wird er aus der chinesischen Haft entlassen – nachdem er sieben Jahre und sieben Monate Folter, Unterdrückung und Zwangsarbeit am eigenen Körper erlebt hat. Jetzt hat er das Buch „Drachenjahre“ geschrieben, um seine Geschichte zu erzählen.

Herr Rother, Sie sind vor über einem Jahr aus der chinesischen Haft entlassen worden und sind seitdem wieder zurück in Deutschland. Haben Sie sich gut eingelebt?

Ich bin derzeit immer noch dabei, das ist ein langer Prozess. Ich musste erst wieder lernen, mich in die Gesellschaft zu integrieren, das dauert seine Zeit.

Was ist Ihnen dabei besonders schwer gefallen?

Eigene Entscheidungen zu treffen. Besonders anfangs hat mich die Vielfalt überfordert, etwa beim Einkaufen: Ich stand vor dem Regal und wusste nicht, was ich kaufen sollte. Anfangs bin ich oft mit leeren Taschen aus dem Supermarkt gegangen. Außerdem musste ich mich an die neue Mode gewöhnen: Es hat mich gewundert, warum die Hosen so eng sitzen, bis mein Bruder mir erklärt hat, dass das der neue „Slim Fit“ sei, den man jetzt trägt. Im Gefängnis war alles monoton und einfach. Da hatte ich nur ein Kleidungsset.

Wie präsent ist die Haft jetzt noch in Ihrem Leben und inwiefern wird ihr Alltag dadurch bestimmt?

Das alles beschäftigt mich immer noch. Ich habe das letzte Jahr damit verbracht, mein Buch „Drachenjahre“ zu schreiben, da wird man natürlich jeden Tag aufs Neue mit den Erlebnissen aus der Haft konfrontiert. Das ist aber auch wichtig, um diese Zeit zu verarbeiten. Dennoch habe ich damit noch nicht abgeschlossen. Mein Buch ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Ich muss mein Leben jetzt neu aufbauen.

Robert Rother (37) hat sieben Jahre und sieben Monate in chinesischer Haft überlebt. Jetzt hat er seine Erlebnisse in einem Buch zusammen gefasst und lebt momentan in Hamburg.

Robert Rother (37) hat sieben Jahre und sieben Monate in chinesischer Haft überlebt. Jetzt hat er seine Erlebnisse in einem Buch zusammen gefasst und lebt momentan in Hamburg. © Sebastian Fuchs

Apropos Anfang: Wie kam es zu ihrem ungewöhnlichen Werdegang und ihrem Leben in China?

Mein Vater ist gestorben, als ich 20 Monate alt war, also bin ich ohne leiblichen Vater aufgewachsen. Zudem litt ich in jungen Jahren an Krupphusten. Ich habe irgendwo Halt gesucht. Den habe ich im Aktienhandel gefunden, diese Welt hat mich fasziniert: Mit 13 Jahren habe ich angefangen, an der Börse zu handeln, mit 17 Jahren habe ich meine erste Aktiengesellschaft mit Freunden gegründet, mit 21 Jahren bin ich nach China ausgewandert, um mir dort ein Imperium aufzubauen. Ich wusste, hier passiert etwas Großes.

Wie ging es dann weiter?

Erstmal lief alles gut. Zu Zeiten der Finanzkrise im Jahr 2008 florierte mein Geschäft. Während alle anderen ums Überleben kämpften, habe ich 800.000 Dollar an einem Tag verdient. Davon habe ich mir einen Ferrari gekauft. Der war die Eintrittskarte in die High Society. Dort habe ich schnell neue Freunde gemacht, die alle sehr vermögend waren. Mein Geschäft hat sich in einem Jahr von einer Millionen US-Dollar auf 100 Millionen US-Dollar ausgeweitet. Mit den Gewinnen baute ich später ein Finanznachrichtenportal auf, das chinesische Aktieninformationen ins Englische übersetzt hat. Damals war der Markt für ausländische Investoren geschlossen, aber ich habe darauf gewettet, dass sich das ändern wird, und das tat es später auch.

Dann wurden sie aber plötzlich wegen Vertragsbetrug angeklagt und kamen direkt vom Luxusleben in Untersuchungshaft…

Genau, für etwas mehr als drei Jahre. In dieser Zeit habe ich auf engstem Raum mit 14 Menschen zusammengelebt. Es gab kein Bett, sondern eine Holzpritsche für zehn Leute, die anderen mussten auf dem Boden schlafen, zwei Häftlinge Wache halten. Ich wurde oft verhört in dieser Zeit, teilweise saß ich zehn, zwölf Stunden auf einem kleinen Hocker. Die Polizei setzte mich unter Druck und wollte, dass ich gestehe. Denn das ist die Strategie: Wer gesteht, ist schuldig. Der Schuldspruch ist aber so oder so reine Formsache. In China werden 99 Prozent der Angeklagten verurteilt. Die Polizei kann es sich nicht leisten, Verhaftete wieder freizulassen. Nach meinem Urteil und dem Ende der U-Haft ist alles aber nur noch schlimmer geworden...

Robert Rother bei der Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung seinesLuxusauto-Showrooms in Shenzhen im Jahr 2010.

Robert Rother bei der Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung seines Luxusauto-Showrooms in Shenzhen im Jahr 2010. © privat

Inwiefern?

Das Gefängnis von Dongguan, in das ich kam, war die Hölle. Wenn man offiziell als schuldig gilt, wird man in China im Knast wieder zu einem „besseren Menschen“ erzogen. Das heißt, man wird würdelos behandelt, damit man sich erst einmal nicht als Mensch fühlt. Ich habe im Gefängnis mit 18 Häftlingen auf 19 Quadratmetern zusammengelebt, darunter waren Mörder, Vergewaltiger, Drogenhändler. Wir mussten zusammen in Doppelstockbetten schlafen, zwei Löcher im Boden dienten als Toilette. Das ganze Leben spielt sich in einem Raum ab: Man hat dort geschlafen, gegessen und sein Geschäft verrichtet. Am Geruch des Stuhlgangs konnte ich erkennen, wer gerade auf Toilette war. Privatsphäre wird zu einem Fremdwort.

Was hat diese Zeit mit Ihnen gemacht?

Das ganze Leben hat sich auf den Kopf gestellt. Vorher war mir das Oberflächliche wichtig: Geld, Ruhm, Ehre. Im Gefängnis habe ich die tiefe Kommunikation kennengelernt und mit Menschen aus Nigeria, Uganda, Pakistan, Kolumbien, Vietnam und Thailand zusammengelebt, verschiedene Religionsrichtungen kennengelernt. Mit den Muslimen habe ich Ramadan gefeiert, mit Indern und Russen jeweils ihr neues Jahr gefeiert. Im Gefängnis betrachtet man Kulturen und Menschen aus einem anderen Blickwinkel. Gleichzeitig war das aber auch ein Spannungsherd.

Gab es Situationen, in denen Sie Angst hatten?

Es kam schon zu Schlägereien, und man musste aufpassen, wie man sich verhält. Das konnte ich aber selbst gut lenken, indem ich mir Respekt und Freundschaften aufgebaut habe. Das war wichtig, um zu überleben. Dennoch: Der größte Feind war nicht der Mithäftling, sondern die Polizei.

Wie sah Ihr Alltag im Knast aus?

Morgens um 5.30 Uhr begann der Tag. Um 7 Uhr ging es in die Fabrik. Neun Stunden am Tag wurde Zwangsarbeit verrichtet. Ich musste Draht auf eine Spule wickeln, in Akkordarbeit. Um 18 Uhr ging es wieder zurück ins Gefängnis. Damit war es aber nicht getan: Ab 19 Uhr folgte die Umerziehung. Zwei Stunden lang mussten wir uns die chinesischen Nachrichten angucken und Ansprachen der Polizei über die Regierung anhören. So ging das meist an sieben Tagen in der Woche. Wenn wir Glück hatten, hatten wir sonntags frei, aber das war selten der Fall.

Robert Rother bei der Eröffnung seiner Autowerkstatt für Luxusautos in Shenzen im Jahr 2010.

Robert Rother bei der Eröffnung seiner Autowerkstatt für Luxusautos in Shenzen im Jahr 2010. © privat

Gab es auch Strafen?

Wenn man bei der Arbeit eine vorgegebene Stückzahl an Spulen nicht geschafft hat, wurde einem das einzige Telefonat im Monat verwehrt oder man durfte sich kein Essen dazu kaufen. Häftlinge, die sich dem System widersetzten, wurden auf einen Folterstuhl gesetzt und mit Elektroschocks traktiert. Dabei verkrampfen sich die Muskeln, die Gefäße entleeren sich. Wer vorher nicht auf Toilette darf, was vorkommt, sitzt im eigenen Kot und im eigenen Urin, und wenn man dann immer noch nicht pariert, wird einem der Elektroschock an die Schläfe gehalten. Dann wurde das „Gehirn frittiert“, so haben wir es genannt. Danach ist man verstümmelt. Man kann nicht mehr vernünftig sprechen, sich nicht vernünftig bewegen. Man bleibt am Leben, aber ist körperlich und geistig völlig hinüber. So etwas habe ich zum Glück nicht selbst erlebt. Aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Die Opfer wurden als Abschreckung zur Schau gestellt.

Mussten Sie dann auch mal weinen?

Nein, das konnte ich mir nicht erlauben. Schwäche wird nur ausgenutzt, ich musste stark sein.

Wie haben Sie das geschafft?

Indem ich meiner Wut keinen Raum gegeben habe, sondern mir vorgenommen habe, sie wegzusperren und für einen späteren Zeitpunkt aufzuheben. Andere Häftlinge haben sich von ihrem Hass zerfressen lassen. Entweder sind sie völlig dick geworden oder haben komplett abgenommen. Da wollte ich nicht hin. Außerdem habe ich zum Glauben gefunden, die Bibel, den Koran und buddhistische Schriften gelesen. Das hat mir Kraft gegeben.

Wie sehr haben Sie sich gefreut, als der Tag der Entlassung näher kam?

Das war ein gemischtes Gefühl: Freude, aber auch Wehmut, weil ich mit einigen Leuten jahrelang ununterbrochen zusammen gelebt habe, wir uns in- und auswendig kannten. Wenn man dann auf einmal getrennt wird, seine Freunde hinter sich lässt und weiterzieht, ist das schwer.

Das Buch

„Drachenjahre“

  • Robert Rother: Drachenjahre - Wie ich sieben Jahre und sieben Monate im chinesischen Gefängnis überlebte
  • 224 Seiten, Klappenbroschuer, auch als E-Book erhältlich
  • 17,95 Euro, ISBN 978-3-8419-0699-1
  • Erscheinungstermin: 6. März. 2020
    „Hölle und Befreiung zugleich“: Unnaer überlebt 7 Jahre und 7 Monate im chinesischen Gefängnis

    © Edel Books

Wie bewerten Sie die Zeit im Gefängnis jetzt?

Es war die Hölle. Ganz klar. Aber auf der anderen Seite war es die beste Zeit meines Lebens, auch wenn es paradox klingen mag. In der Bibel steht etwa im Jakobsbrief, dass man jeder schweren Zeit etwas Positives abgewinnen soll, weil sie einen vollkommen macht. Ich habe in Haft sehr viel über mich, die Menschheit und Gott gelernt. Wäre ich nicht im Gefängnis gewesen, könnte ich jetzt nicht meine Geschichte erzählen. Eine gewisse Glückseligkeit kommt erst, wenn man vorher das Leid überwunden hat. Das ist der Preis.

Sind sie jetzt ein anderer Mensch als der, der Sie vorher waren?

Ja, um 180 Grad. Ich sehe das Leben, die Menschheit und die Umwelt mit anderen Augen. Außerdem habe ich gelernt, was Freundschaft, Loyalität und Familie bedeutet. Und, dass Gott immer einen Weg findet, egal wie aussichtslos die Situation ist.

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