Unnaer lösen Rätsel um die Flaschenpost im Turm der Stadtkirche

dzZufallsfund

Dass eine Flaschenpost im Gemäuer des Stadtkirchen-Turms gefunden wurde, ist Zufall. Wer hatte die Post vor 66 Jahren hinterlassen? Antworten auf die Frage finden sich - auch wieder durch Zufälle.

Unna

, 24.05.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Handwerker, die am Turm der Evangelischen Stadtkirche arbeiten, hatten vor einigen Tagen eine Flasche im Mauerwerk entdeckt. Sie enthielt eine Botschaft früherer Kollegen, die in der Nachkriegszeit Ausbesserungen am Kirchturm durchgeführt hatten. Dem Zufall sei Dank, können Leser jetzt ein Stück weit aufklären, wer die Absender waren - und was sie noch in die Flasche gesteckt hatten.

Maurer Erwin Schubert, vermutlich aus Strickherdicke

Ein Maurer und ein Bildhauer hatten ihre Namen auf einem Zettel hinterlassen, der in der Flasche steckte. Mit „Erwin Schubert“ hatte der Maurer unterschrieben. Vermutlich lebte er in Strickherdicke. Unser Leser Friedhelm Becker konnte uns mitteilen, dass ein Erwin Schubert einst dort gewohnt hat.

In einer leeren Flasche im Kirchturm fanden Handwerker dieses Briefchen von 1954.

In einer leeren Flasche im Kirchturm fanden Handwerker dieses Briefchen von 1954.

Viel mehr lässt sich bisher über diesen Handwerker nicht sagen - über seinen Kollegen allerdings schon. Dessen schnörkelige Unterschrift hatte der Autor dieser Zeilen falsch als „Schwark“ gelesen. Tatsächlich aber stammt sie von „Eckhardt“, Heinz Eckhardt. Dies konnte Jürgen Strathoff aufklären. Der Geschäftsinhaber und Künstler sammelt derzeit Material für eine geplante Ausstellung im Hellweg-Museum. Es geht um den Unnaer Künstlerkreis (UKK) in der Nachkriegszeit. In dieser Gruppe gab es einen Heinz Eckhardt, Inhaber der „Eckhardt’schen Bildhauerei- und Steinmetzwerkstatt“ in Unna.

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Strathoff berichtet, er habe unseren Bericht zur Flaschenpost gelesen und kurz zuvor eine Sammlung von Bildern zum UKK an das Museum übergeben. „Ich habe Eckhardts Signatur erkannt.“ Das Namenskürzel auf der Bauarbeiter-Skizze in der Flaschenpost hatte Strathoff auch auf der Rückseite eines Fotos gesehen, das ein Werk Eckhardts zeigt.

Der Bildhauer und Steinmetz Heinz Eckhardt (1904-1984) hätte offenbar um einiges berühmter werden können, wäre Josef Baron nicht gewesen. Bekanntlich stammt Unnas bekannteste Darstellung eines Esels von dem Anfang des Jahres verstorbenen Künstler Baron: der Eselsbrunnen auf dem Markt. Das Baron-Werk war zunächst im Stadtgarten aufgestellt worden. Nach Beschädigungen hatte der Künstler ein neues angefertigt, das dann auf den Marktplatz kam. Der 1950 gegründete Verkehrsverein hatte der Stadt Unna eine Eselsskulptur schenken wollen. Und nicht nur Josef Baron hatte für dieses Projekt einen Entwurf eingereicht, sondern auch jener Heinz Eckhardt. Sein Werk fand nicht den Gefallen der Auftraggeber. Sein Entwurf aber ist noch da: im Magazin des Hellweg-Museums.

Unter dem Namen „Esel mit Treiber“ führt das Hellweg-Museum diesen Entwurf von Bildhauer Heinz Eckhardt. Theoretisch könnte diese Statue heute anstelle des Baron-Werks den Eselsbrunnen auf dem Alten Markt schmücken.

Unter dem Namen „Esel mit Treiber“ führt das Hellweg-Museum diesen Entwurf von Bildhauer Heinz Eckhardt. Theoretisch könnte diese Statue heute anstelle des Baron-Werks den Eselsbrunnen auf dem Alten Markt schmücken. © Hellweg-Museum

Die Statuette „Esel mit Treiber“ war kürzlich im Rahmen der Ausstellung zum 90-jährigen Bestehen des Hellweg-Museums zu sehen gewesen. Wie im Exponattext nachzulesen ist, stammt sie von 1954, also aus dem selben Jahr, als Eckhardt auch am Kirchturm arbeitete.

Die beiden Handwerker stammten also aus Unna, die Flasche allerdings nicht. Sie kommt aus Hessen. Auch hier fand Jürgen Strathoff eine Bestätigung: In Adressbüchern aus Marburg von 1935 und 1950 findet sich „Johann Helfrich“, wie er auf dem Flaschenverschluss steht, in der Rubrik der Bierverleger. Warum auf der Kirchenbaustelle 1954 keine Bierflasche aus dem Raum Unna Verwendung fand, ist weiter unklar.

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Bleibt noch das Rätsel, in was für eine seltsame Buchseite die beiden Handwerker ihr Brieflein 1954 eingerollt haben. In dem Text geht es um einen christlichen Missionar auf der Insel Sumatra. Sumatra? Zufällig ist der frühere Pfarrer Hartmut Hegeler - selbst interessiert an der Historie der Stadtkirche - auch schon einmal auf dieser Insel gewesen. „Ich wusste, dass die Vereinte Evangelische Mission in Sumatra tätig ist“, erinnert sich Hegeler. Kurzerhand nahm er Kontakt auf mit der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) in Wuppertal. Und deren Archivar Christian Froese kennt die Antwort. Die rötlichen Buchseiten stammen aus „Horas. Ma ale angka dakdanak. Ein Kinder-Brief von Missionar Volmer“. Es handelte sich um eine Art Schriftenreihe, die den Deutschen die außereuropäische Welt näherbringen sollte. Der Autor, der von seiner Arbeit am anderen Ende der Welt berichtete, war der Missionar Hermann Volmer, geboren und gestorben in Ostwestfalen.

Horas: So sah die Titelseite des achtseitigen Heftchens aus, aus dem 1954 eine Doppelseite herausgerissen wurde, um mit in die Flaschenpost zu wandern.

Horas: So sah die Titelseite des achtseitigen Heftchens aus, aus dem 1954 eine Doppelseite herausgerissen wurde, um mit in die Flaschenpost zu wandern. © VEM-Archiv

„Der Verkauf dieser Hefte diente auch dazu, Spenden zu sammeln“, erklärt VEM-Archivar Froese. Vielleicht in einer Kirche im Raum Unna, vielleicht in einer Buchhandlung wurde das Heftchen 1954 verkauft. Und vielleicht haben Maurer Schubert oder Bildhauer Eckhardt oder ein Kind eines der beiden mit dem Kauf ein kleines gutes Werk getan. Warum sie das Papier 40 Meter über Unna in eine Flasche steckten, wird wohl ein Rätsel bleiben - um dem Finder in der Zukunft eine Freude zu machen? Denkbar ist auch, dass sie fröhlich ahnten, irgendjemand würde sich einmal darüber den Kopf zerbrechen. Vielleicht brauchten die beiden Handwerker aber auch nur irgendein Stück Papier, damit sie ihren Zettel darin in die Flasche schieben konnten.

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