Was ist vertretbar in Zeiten von Corona? Diese Frage beantworten Veranstalter zurzeit nach eigenem Ermessen. In Unna wächst bei ihnen die Vorsicht. © Dirk Becker
Meinung

Unna entscheidet sich für einen Lockdown von unten

Während der Staat den Kampf gegen Corona aus der Hand gibt, zeigen seine Bürger Umsicht. Die ersten Veranstaltungsabsagen kommen nun ohne Weisung, aber aus gutem Grund, wie unser Autor findet.

Als am 16. März 2020 der erste Lockdown beschlossen wurde, lag die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis Unna bei 3,6. Als sich Massens Gewerbeverein und der Lions-Club Via Regis nun entschlossen, die geplanten Veranstaltungen abzusagen, lag der Wert bei 152,7.

Das heißt: Obwohl sich zurzeit 42-mal so viele Menschen mit dem Coronavirus anstecken wie in den Tagen vorm ersten Lockdown, unternimmt die Bundesregierung: im Grunde nichts. Stattdessen sind es nun die Bürger, die die Verantwortung übernehmen. Dafür darf und muss man ihnen danken.

Natürlich fällt es den Veranstaltern schwer, den Weihnachtsmarkt in Massen und den Büchermarkt in der Bürgerhalle abzusagen. Viele Wochen der Vorbereitungen und sehr viel Herzblut haben Planer und Unterstützer bereits aufgebracht. Hinter dem Büchermarkt der Lions stehen zudem unzählige Spender, die ihre Bücherbestände ausgelichtet haben, um rund 10.000 Exemplare im Lions-Lager abzugeben. Beide Veranstaltungen sind mit großer Vorfreude erwartet worden, versprachen sie doch gerade das, wonach wir uns alle sehnen: eine Rückkehr in die Normalität.

Es tut weh, diese Absagen zur Kenntnis zu nehmen – nicht, weil sie falsch oder übertrieben wären, sondern weil sie richtig sind und sein müssen. Corona breitet sich aus wie nie zuvor. Und irgendetwas muss nun passieren.

Der Bund ist eingeschränkt handlungsfähig

Dass es die Bürger sind, die sich nun gewissermaßen eigene Lockdowns verordnen, wirft aber eine ganz andere Frage auf: Nämlich die, was eigentlich die Obrigkeit zu tun gedenkt. Bund und Land überlassen die Verantwortung faktisch den Kommunen, die nun mit unterschiedlichen Regeln auf die Lage reagieren. Zu regieren scheint aber niemand.

Natürlich wissen wir Zahlen heute anders einzuschätzen als in der besonders furchtvollen Anfangszeit der Pandemie. Und ja, auch die Impfkampagne scheint für mildere Verläufe zu stehen, die eine Infektionszahl X in einem anderen Licht erscheinen lassen als noch vor einem Jahr. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass aus Berlin derzeit nichts kommt: Die alte Regierung ist nur noch verwaltend im Dienst, die neue nicht aufgestellt, der Umgang mit der Pandemie im Kreise der Ampelfarben strittig.

Bei solch einer Starrheit hat Corona freien Lauf. Das Verantwortungsbewusstsein der Bürger, wie es nun in den Absagen der Lions und der Massener Händler zu sehen ist, ist vielleicht die wichtigste Waffe gegen die Viren.

Über den Autor
Redaktion Unna
Verwurzelt und gewachsen in der Hellwegbörde. Ab 1976 Kindheit am Hellweg in Rünthe. Seit 2003 Redakteur beim Hellweger Anzeiger. Hat in Unna schon Kasernen bewacht und grüne Lastwagen gelenkt. Aktuell beäugt er das politische Geschehen dort und fährt lieber Fahrrad, natürlich auch auf dem Hellweg.
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Sebastian Smulka

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