Architekt kritisiert: Archäologie macht neues Haus 5000 Euro teurer - Bauherr muss zahlen

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Archäologische Grabungen an verschiedenen Stellen machen das Puzzle der Unnaer Geschichte immer genauer. Ein Architekt kritisiert nun: Die Forschung macht das Bauen teurer. 5000 Euro pro Haus sind ganz normal.

Mühlhausen

, 02.12.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für Archäologen ist das Unnaer Stadtgebiet eine Fundgrube. Fruchtbare Böden, teils auch die Nähe zu frischem Wasser haben schon vor Jahrtausenden Menschen veranlasst, sich in der Region niederzulassen. An mehreren Stellen konnten Geschichtsforscher das bereits nachweisen mit teils umfangreichen Grabungen. Nun wirft ein Architekt die Frage auf: Wieso müssen das die Bauherren bezahlen?

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Rund 3000 Kubikmeter Erde wurden vor einem Jahr von einem Acker an der Uelzener Dorfstraße in Mühlhausen abgeschoben. Vor dem Beginn der Erschließungsarbeiten für das Baugebiet „Lavendelgarten“ ließen Archäologen die Oberfläche von der rund 6000 Quadratmeter großen Fläche abtragen, um dann in den darunter zutage tretenden Bodenschichten nach Zeugnissen aus der Vergangenheit zu suchen. Diese archäologischen Arbeiten mussten wie bei vielen Projekten durchgeführt werden: Für die Siedlung musste ein Bebauungsplan aufgestellt werden. Im Rahmen des Planungsprozesses wurde neben anderen Behörden auch der Lanschaftsverband Westfalen-Lippe beteiligt, zuständig für die Bodendenkmalpflege.

Funde aus der vorrömischen Eisenzeit

Die Geschichtsfachleute gingen davon aus, dass diese Fläche interessant sein könnte, da in der Nähe bei anderen Gelegenheiten schon Siedlungsspuren aus der Vergangenheit entdeckt worden waren. Und tatsächlich fanden die vom LWL beauftragten Archäologen heraus, dass in der vorrömischen Eisenzeit auf der Fläche Menschen gesiedelt haben. Die Funde: Keramikscherben und dunkle Verfärbungen im Boden. Sie wurden gesichert, kartiert und dokumentiert. Dann konnte die „moderne“ Besiedlung beginnen.

Architekt kritisiert: Archäologie macht neues Haus 5000 Euro teurer - Bauherr muss zahlen

Die archäologische Forschung an der Uelzener Dorfstraße ist längst abgeschlossen. Inzwischen laufen die Erschließungsarbeiten. © Udo Hennes

64.000 Euro für Archäologie im Baugebiet

Diese Forschung kostet Fachleute Zeit, und sie muss bezahlt werden. Die Kosten für diese 13 Grundstücke hätten bei rund 64.000 Euro gelegen, sagt Architekt Michael Deterding, der den „Lavendelgarten“ geplant hat. „Das muss leider der Grundstückseigentümer bezahlen.“ Der Investor schlage die Kosten auf den Kaufpreis. „Eine Super-Idee, um für junge Familien Wohnraum zu schaffen auf sehr preiswerten Grundstücken“, kommentiert Deterding ironisch. Er erinnert daran, dass eigentlich die Forderung im Raum steht, dass möglichst schnell und preiswert mehr Wohnraum geschaffen werde.

Forderung: Archäologie als Gemeinschaftsaufgabe

„Aber der Gesetzgeber überlegt sich immer wieder neue Eier, die er uns Bürgern ins Nest legt.“ Tatsächlich gilt seit einer Neuregelung des nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetzes im Jahr 2013: Wer verantwortlich ist für den Eingriff in ein Bodendenkmal, der muss die archäologische Sicherung finanzieren: Verursacherprinzip. Deterding fordert hingegen: Wenn die Archäologie im öffentlichen Interesse liege, dann müsse sie eine Gemeinschaftsaufgabe sein, also von staatlicher Seite bezahlt werden, nicht von den Bauherren.

Archäologen kennen Diskussion

Der Architekt in diesem Fall sei nicht der erste, der die Finanzierung archäologischer Arbeit kritisiert, sagt Prof. Dr. Michael Baales, Leiter der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen. Diese Diskussionen seien ihm bekannt. Grundlage sei stets ein Missverständnis, sagt Baales. „Der Erhalt der historischen Quellen ist das öffentliche Interesse.“ In einer „stetig bauenden Gesellschaft“ seien Bodendenkmäler aber an vielen Stellen „im Weg“. Durch Bauprojekte würden sie leider beseitigt.

Architekt kritisiert: Archäologie macht neues Haus 5000 Euro teurer - Bauherr muss zahlen

Von einer 6000 Quadratmeter großen Ackerfläche wurden die oberen Erdschichten abgeschoben. Dann konnte im Boden geforscht werden. © Marcel Drawe

Bauen zerstört historische Quellen

Deswegen müsse der Investor, der die Primärquelle als „Verursacher“ zerstören lasse, die Kosten dafür tragen, dass die Funde zumindest gesichert werden. Auf diese Weise bleibe wenigstens eine Sekundärquelle für spätere Forschung erhalten. Was die Forscher letztlich in den Händen beziehunsgweise in ihren Archiven haben, wenn erst einmal die Häuser gebaut werden, sind in erster Linie Daten, beispielsweise Karten, Fotos, Ausmessungen und naturwissenschaftliche Analysen.

Früher viel zerstört

Die Grabungen ermöglichen es laut Baales, Quellen zum „Sprechen“ zu bringen. „Sie liefern uns Informationen über die älteste Landesgeschichte.“ In der Vergangenheit, als das Verursacherprinzip noch nicht im Gesetz verankert war, sei aufgrund der unklaren Rechtslage manche dieser Quellen unerkannt zerstört worden. Heute hätten Forscher die Möglichkeit, deutlich mehr Flächen zu untersuchen.

Architekt kritisiert: Archäologie macht neues Haus 5000 Euro teurer - Bauherr muss zahlen

Dem größten Bauprojekt zwischen Unna und Kamen ging im Juli 2018 auch eine große archäologische Grabung voraus. Direkt an der A1 neben Ikea steht inzwischen das neue Woolworth-Lager. © www.blossey.eu

Kosten müssen „zumutbar“ sein

Die Kosten für Archäologie, die jeweils der Investor tragen muss, sollen laut Gesetz „im Rahmen des Zumutbaren“ liegen. „Das ist natürlich ein weicher Begriff“, sagt Baales. Es gebe inzwischen Gerichtsurteile, wonach die Grenze des Zumutbaren bei 15 oder 20 Prozent der jeweiligen Investitionssumme liege. Diese Obergrenze werde aber in aller Regel nicht erreicht. „Wir hätten bisher noch nie etwas auch nur annähernd im zweistelligen Bereich.“ So betrage der finanzielle Aufwand für die archäologische Quellensicherung nur einen Bruchteil der Gesamtkosten von Bauprojekten. „Darüber sollte eine Kulturnation nicht diskutieren“, sagt Baales.

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