Nach dem ABC-Alarm wegen harmlosen Backpulvers sind Eltern der Liedbachschule erleichtert: Alle Kinder sind wohlauf. Wütend sind einige aber auch: auf den unbekannten Absender des Briefs.

Billmerich

, 14.01.2020, 09:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Erneut hat es in Unna einen Einsatz wegen eines verdächtigen Pulvers gegeben. Dieses Mal war die Liedbachschule in Billmerich betroffen. So stand der komplette Dienstagvormittag im Zeichen eines Großeinsatzes von Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften.

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ABC-Einsatz an der Liedbachschule

Ein Briefumschlag mit verdächtigem weißem Pulver hat am Dienstagmorgen einen ABC-Einsatz an der Liedbachschule ausgelöst. Unsere Bildergalerie zeigt, welcher Aufwand betrieben werden muss in einem solchen Fall - letztlich wegen Backpulver.
14.01.2020
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Alarm an der Liedbachschule: Nur mit Schutzanzügen betraten Feuerwehrleute am Dienstagmorgen das Sekretariat.© Marcel Drawe
Die Schulleitung hatte Alarm ausgelöst, weil ein Briefumschlag mit besorgniserregendem Inhalt eingegangen war: weißes Pulver.© Marcel Drawe
Rund drei Stunden herrschte Ausnahmezustand an der Billmericher Grundschule.© Marcel Drawe
Das Schulgebäude wurde weiträumig abgeriegelt. © Marcel Drawe
Zunächst war unklar, um was für ein Pulver es sich handelt und ob es gefährlich sein könnte.© Marcel Drawe
Fast zwei Dutzend Polizisten waren im Einsatz, damit kein Unbefugter das Gebäude betrat. Schüler und Lehrer mussten in ihren Räumen bleiben. Die Situation war vergleichsweise entspannt.
© Marcel Drawe
Nur mit Schutzanzügen näherten sich Feuerwehrleute der verdächtigen Substanz im Schulbüro.© Marcel Drawe
In diesem Behälter trugen sie es aus dem Gebäude in ein mobiles Labor. Zu diesem Zeitpunkt galt nicht mehr die höchste Sicherheitsstufe.© Neumann
Die Unnaer Feuerwehr erhielt Unterstützung von der Analytischen Task Force.© Marcel Drawe
Die Spezialeinheit aus Dortmund hat die Ausbildung und die Ausrüstung, um unbekannte Substanzen zu analysieren.© Marcel Drawe
Sie richtete ein mobiles Labor auf der Liedbachstraße ein. © Marcel Drawe
Der hohe Personal- und Technikaufwand wird in solchen Fällen betrieben, wenn noch nicht klar ist: Handelt es sich möglicherweise um einen Kampfstoff, Gift oder gefährliche Krankheitserreger?© Marcel Drawe
Die Unnaer Feuerwehr richtete unterdessen in der Pausenhalle eine Dekontaminationseinheit ein. Die Schulleiterin und die Sekretärin waren mit dem Pulver in Kontakt gekommen und konnten vor Ort ihre Kleidung wechseln.© Neumann
Die Feuerwehr hat für solche Fälle Reservekleidung parat.© Marcel Drawe
Nach mehr als einem halben Dutzend solcher "Pulver-Einsätze" hat die Feuerwehr in Unna eine gewisse Routine.© Marcel Drawe
Körperlich fordernd ist die Arbeit in den luftdichten Schutzanzügen allerdings. Die Einsatzkräfte müssen sich regelmäßig abwechseln.© Neumann
Mehrere Behörden und Einsatzgruppen arbeiteten zusammen und rüsteten sich für den Fall, dass tatsächlich Menschen verletzt würden. Es kam aber niemand zu Schaden.© Marcel Drawe
Nach einer Erstuntersuchung im Labor stand gegen 11 Uhr fest: Die Substanz war harmlos. © Marcel Drawe
Letztlich stand fest: Es handelte sich um Backpulver. Der Einsatz wurde beendet. Am späten Vormittag konnten Eltern ihre Kinder dann von der Schule abholen. Die Schülerinnen und Schüler konnten aber auch dort weiter betreut werden.© Marcel Drawe

Der 14. Januar sollte ein ganz normaler Schultag werden an der Grundschule im beschaulich-ländlichen Billmerich, als um 8 Uhr im Sekretariat der Posteingang bearbeitet wurde. Während in den Klassen der Unterricht begann, öffnete die Schulsekretärin einen Brief, und ab diesem Moment war nichts mehr Alltag.

Weißes Pulver rieselt aus Umschlag

Aus dem Umschlag, der an die Schulleitung adressiert war, rieselte ein weißes Pulver. Die Schulleitung verständigte sofort die Polizei. Über Lautsprecher wurde durchgegeben, dass alle Klassen in ihren Räumen bleiben sollten. So war schnell sichergestellt: Die beiden Personen, die mit dem Pulver in Berührung gekommen waren, waren von allen anderen im Gebäude getrennt. Eine Gefahr für die Schüler sei von Anfang an ausgeschlossen gewesen, hieß es von der Polizei.

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Einsatz mit 30 Feuerwehrleuten

Es ist das Vorgehen, das Polizei und Feuerwehr in Unna inzwischen bei mehreren Einsätzen durchexerziert haben. „Verdächtiges Pulver“ löst einen ABC-Einsatz aus, und so eilten insgesamt 30 Feuerwehrleute zur Billmericher Grundschule. Das Schulgebäude wurde weiträumig abgeriegelt. Die Polizei sperrte die Zufahrten über die Liedbachstraße ab - vor allem, damit Verkehr nicht Einsatzfahrzeugen den Weg blockierte. Neben der Feuerwehr war für alle Fälle auch der Rettungsdienst vor Ort.

Mit vielen Bildern und Video: ABC-Großeinsatz an der Liedbachschule Billmerich

Zahlreiche Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei waren an der Liedbachstraße. © Marcel Drawe

Überwiegend Ruhe unter Schülern und Eltern

Insgesamt 23 Polizisten stellten auch sicher, dass keine Kinder aus dem Gebäude liefen. Umgekehrt hätten sie verhindert, dass bisher Unbeteiligte - ob Eltern oder Anwohner - in die Schule gingen. Nach allem, was bekannt geworden ist, haben es die Verantwortlichen, von den Lehrern bis zur Einsatzleitung, geschafft, den Einsatz so ruhig wie möglich abzuwickeln. Während der Ausnahmesituation, die den ganzen Vormittag andauern sollte, wurden 160 Kinder in ihren Klassen oder in der Turnhalle betreut und beschäftigt.

Eltern waren vereinzelt an der Absperrung anzutreffen und zeigten sich besorgt, aber nicht hysterisch. Viele informierten sich gegenseitig, auch über Whatsapp-Gruppen, dass für die Kinder keine Gefahr bestand. Bezirksbeamte der Polizei erläuterten dies Eltern oder Passanten, die am Rande des Sperrgebiets auftauchten.

Spezialeinheit aus Dortmund im Einsatz

Bis feststand, dass auch in diesem Fall wieder eine vollkommen harmlose Substanz die Aufregung ausgelöst hatte, sollten aber noch Stunden vergehen. Feuerwehrleute in Schutzanzügen betreuten die beiden Frauen im Sekretariat. Um kurz vor 10 Uhr kamen dann die Chemie-Fachleute, deren aufwendiger Fuhrpark vielen Unnaern inzwischen vertraut ist: Die Feuerwehr zog die Analytische Task Force (ATF) der Feuerwehr Dortmund hinzu. Die Spezialeinheit baute ihr Labor auf der Liedbachstraße auf. Unterdessen richteten die Unnaer Kameraden eine Dekontaminationseinheit in der Pausenhalle der Schule ein. Die beiden betroffenen Frauen konnten darin ihre möglicherweise belastete Kleidung gegen saubere Sachen tauschen.

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ABC-Einsatz an der Liedbachschule

Entwarnung nach drei Stunden

Um 10.45 Uhr trugen zwei Feuerwehrleute einen Kunststoffbehälter aus dem Schulgebäude in das ATF-Labor. Darin war der Briefumschlag mit dem Pulver. Diese Einsatzkräfte trugen bereits keine Schutzanzüge mehr. Kurz nach 11 Uhr gaben die Behörden dann Entwarnung. Das Pulver sei auf jeden Fall harmlos. Kurz darauf konnte schon die erste Schülergruppe das Gebäude verlassen. Schulrätin Christine Raunser war schon früh am Einsatzort gewesen, um der Schulleitung und den Lehrern zur Seite zu stehen. Sie entschied gemeinsam mit der Schulleitung: Nach Ende des Einsatzes durften Eltern ihre Kinder abholen, mussten dies aber nicht. Die Betreuung, auch in der Offenen Ganztagsschule, sollte regulär weiterlaufen.

Analyse: Es war Backpulver

Das Pulver war Backpulver: Das stand fest, kurz bevor alle Einsatzkräfte am späten Vormittag wieder abrückten. Zeitgleich kamen auch zahlreiche Eltern oder Großeltern zur Schule. Manche hatten schon an der Absperrung gewartet und waren über die Lage informiert. Andere erfuhren plötzlich erst, dass die Schule ihres Kindes drei Stunden lang im Rahmen eines ABC-Einsatzes abgeriegelt war.

Mit vielen Bildern und Video: ABC-Großeinsatz an der Liedbachschule Billmerich

In diesem Kunststoffbehälter trugen Feuerwehrleute von der Analytischen Task Force den mysteriösen Umschlag aus dem Schulgebäude in ihr mobiles Labor. Kurz darauf wurde Entwarnung gegeben: Der Inhalt war Backpulver. © Marcel Drawe

Wut und Ratlosigkeit im beschaulichen Billmerich

Die Wut zahlreicher Mütter und Väter richtete sich gegen den Absender des Briefes. „Wer macht so etwas mit einer Grundschule?“, fragte eine Mutter kopfschüttelnd. Gerade für Billmerich erscheint das Geschehen vom Dienstagvormittag vielen schwer vorstellbar. „Hier ist nie etwas passiert“, sagte Renate Hohn. Ihr Enkelkind sei an der Liedbachschule ebenso behütet wie es zuvor ihre Tochter gewesen sei. „Wir leben hier eigentlich ganz friedlich“, bestätigte eine weitere Mutter. „Ich hoffe, dass man den Verantwortlichen findet“, sagte Renate Hohn. Auch die Forderung nach einer Strafe für den Verursacher, die „nicht hoch genug“ sein könne, wurde geäußert vor der Liedbachschule.

Kriminalpolizei ermittelt

Die Suche nach einem Täter ist nun Aufgabe der Polizei. Die Kriminalpolizei nahm den Umschlag mit. Hinweise auf den Verursacher enhält das Kuvert offenbar nicht. Die Adresse war mit Maschine oder Drucker geschrieben, eine Absenderadresse fehlte. Zunächst also gegen „Unbekannt“ ermittelt die Polizei, und zwar nicht wegen eines „Dummejungenstreichs“, wie Sprecherin Vera Howanietz betont.

Verdacht: „Störung des öffentlichen Friedens“

Backpulver in einem Briefumschlag zu versenden, ist an sich nicht verboten. Aber es gebe den „Verdacht von Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten“. Das Strafgesetz sieht theoretisch eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Ob eine solche Straftat vorliegt und wie schwer sie ist, müsse aber die Justiz entscheiden, so Howanietz. Außerdem könnte ein Täter, wenn er überführt wird, verpflichtet werden, Kosten zu tragen, die bei dem Einsatz entstanden sind.

Bisher nie ein Verdächtiger gefunden

Denkbar ist allerdings, dass es schwer wird, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Es hat in den vergangenen Monaten mehr als ein halbes Dutzend Fälle mit Pulver in Briefumschlägen im Kreis Unna gegeben, überwiegend in der Kreisstadt. In keinem der bisherigen Fälle habe man einen Tatverdächtigen gefunden, bestätigt die Polizei.

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