Artistik ohne Anfassen: Wie der Circus Travados die Arbeit wieder aufnimmt

dzMit Video

Sehnsüchtig erwartet haben die Zirkuskinder das Training im Circus Travados. Nach langer Pause geht es mit neuen Hygieneregeln endlich weiter. Doch viele Fragen zur Zukunft bleiben offen.

von Sebastian Pähler

Königsborn

, 22.05.2020, 16:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Zirkus muss man sich aufeinander verlassen können. Ob es darum geht, eine Hebefigur zu stehen oder am Trapez im richtigen Moment eine Hand gereicht zu bekommen, all das geht nicht ohne Körperkontakt. Genau darauf müssen die Kinder und Jugendlichen in der Travados-Zirkusschule im Augenblick aber verzichten. Trotzdem war die Freude groß, als am Montag nach neun Wochen strengem Kontaktverbot das Training wieder anlief.

Neue Normalität im Zirkus

Der Festbau ist der gleiche geblieben, und doch ist einiges anders. Die gemeinsamen Umkleiden bleiben geschlossen, die meist weiblichen Teilnehmer kommen bereits umgezogen zur Trainingseinheit. Und während die eine Gruppe den Zirkus durch den Haupteingang verlässt, kommt die nächste durch den Hintereingang – vorbei am Desinfektionsmittelständer – in die Manege.

Video
Der Circus Travados trainiert wieder

Auch das Training ist anders. Die Gruppen sind auf 14 Teilnehmer verkleinert, das ist das Maximum, das nach Absprache mit dem Ordnungsamt in den Zirkusbau passt, wenn man den Mindestabstand einhalten will.

Und doch: endlich wieder zurück. Bewegen könne man sich auch alleine, erklärt etwa die zwölfjährige Greta, aber in der Manege sei es einfach noch mal ein ganz anderes Gefühl. „Der Livestream hat geholfen, die Zeit zu überbrücken“, berichtet sie. Mit dem Angebot über Instagram hat Travados den Kontakt zu den Zirkuskindern aufrecht gehalten.

„Ich fand es schwierig ohne das Training, aber wir müssen da ja alle durch“, berichtete auch Jana Neuhaus. Dass es jetzt weiter gehen kann, findet die Vierzehnjährige super, und die anderen in der Gruppe pflichten ihr bei. Besser kontaktlos eineinhalb Stunden dehnen, radschlagen und Spagat üben, als gar nicht in den Zirkus, finden hier alle.

Jetzt lesen

Trotz Ungewissheit optimistisch

Während die Kinder froh sind, dass es weitergehen kann, schaut Zirkusleiterin Melanie Talotti mit Sorge in die Zukunft. „Uns sind viele große Veranstaltungen weggebrochen. Mord am Hellweg, eine Kooperation mit dem Theater Narrenschiff... Das reißt ein großes Loch in die Kasse, aber Kosten laufen weiter.“

Auch Hilfsprogramme von Land und Bund greifen hier nicht, da der Travados als Zirkus und Verein durch das Raster der bisherigen Angebote fällt.

Dennoch bleibt Talotti optimistisch, dass zumindest der Weihnachtszirkus stattfinden wird. Das ist das angepeilte Ziel, schließlich sei es für viele Familien in Unna Tradition, auch wenn das vorläufige Konzept nur 300 statt der sonst 500 Zuschauer pro Vorstellung zulässt.

Selbst Figuren, die komplexe Anforderungen an die Motorik stellen, gelingen immer noch gut.

Selbst Figuren, die komplexe Anforderungen an die Motorik stellen, gelingen immer noch gut. © Sebastian Pähler

Einstweilen ist Talotti aber froh, dass sie die Zirkusschülerinnen und -schüler fast alle wieder aufnehmen konnte, wenn auch mit einem veränderten Stundenplan und in kleineren Gruppen. Nur die Kinder von zwei Familien können in dieser Saison nicht mehr mitmachen, weil bei ihnen zu Hause auch Risikopatienten leben. Mit ihnen hat Melanie Talotti telefoniert. „Die haben ihre Eltern gehasst, aber ich habe mit ihnen gesprochen und alles erklärt.“ Irgendwie, das hat Talotti versprochen, werden sie weiter eingebunden und Nachteile sollen ihnen auch nicht entstehen.

Kontaktlos, aber gemeinsam

So geht es im Kurpark erst einmal weiter. Zunächst heißt es für die Kinder und Jugendlichen, wieder ins Training zu kommen. Trainerinnen und Trainer wie Valentin Kriger geben Anweisungen und Tipps, aber Hilfestellungen bei Figuren und Bewegungen dürfen sie wegen des Mindestabstands grade nicht anbieten. Aber auch das ist besser als zu Hause sitzen, finden die Kinder. „Zu Hause wird einem schnell langweilig“, erzählt Mia. „Da vermisst man das schon sehr“, so die Zwölfjährige, die schon seit vier Jahren beim Circus Travados dabei ist.

Jetzt lesen

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Kaufprämie für Autos
Angst vor der Abwrackprämie: „Todesurteil für viele Autohändler“
Hellweger Anzeiger Gastronomie und Corona
Kunden schenken Mehl: Café-Inhaberin bewegt von Menschlichkeit in der Krise – mit Video
Meistgelesen