Kaum Platz im Stall: Was die Tönnies-Schließung für Schweinebauer Tobias Clodt bedeutet

dzSchweinehaltung

Weil das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück stillgelegt ist, müssen Fleischhändler auf andere Schlachthöfe ausweichen. Das klappt nur bedingt. Im Stall von Landwirt Tobias Clodt aus Lünern wird es eng.

Unna

, 06.07.2020, 18:07 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit einigen Wochen ist der Hauptstandort des Fleischverarbeiters Tönnies in Rheda-Wiedenbrück stillgelegt. Mit einer Schlachtkapazität von rund 25.000 Schweinen pro Tag machen sich die Auswirkungen der coronabedingten Schließung auch weit über den Landkreis Gütersloh hinaus bemerkbar. Etwa bei Landwirt Tobias Clodt in Lünern.

„Die Situation momentan ist, vorsichtig gesagt, nicht witzig“, sagt der Landwirt. Weil durch die Schließung des Standorts ein großer Abnehmer seiner Schweine fehlt, müssen Clodts Tiere auf andere Schlachthöfe umgelegt werden. Das ist aber nicht so einfach: Auch diese Betriebe unterliegen derzeit nämlich verschärften Hygienieauflagen, sodass sie nicht unter den üblichen Bedingungen schlachten können. Ein Schlachthof in Bochum etwa, der einen Teil von Clodts Schweinen nun verarbeite, verfüge laut Clodt aktuell nur über 60 Prozent der eigentlichen Kapazitäten.

„Noch stapeln sich die Schweine nicht, aber die Lage spitzt sich zu.“
Landwirt Tobias Clodt

Pro Schwein nur noch 0,7 Quadratmeter Platz

Deshalb bleibe ein Großteil der schlachtreifen Schweine derzeit beim Bauern zurück. Vergangene Woche sei die Abholung etwa komplett ausgefallen. Ein Umstand, der Clodt Bauchschmerzen bereitet: „Noch stapeln sich die Schweine nicht“, sagt er, „aber die Lage spitzt sich zu.“ Bereits jetzt füllt er die Abteile in den Stallungen schon mit mehr Tieren: Wo einem Schwein vorher rund ein Quadratmeter zur Verfügung stand, seien es derzeit nur 0,7 Quadratmeter.

Dass dies nicht im Sinne eines Tierschützers ist, sei Clodt durchaus bewusst, Alternativen sehe er aber keine: „Ich kann die Schweine nicht einfach auf die Weide bringen, dafür bräuchte ich einen doppelten Zaun, um sie vor Kontakt mit Wildschweinen zu schützten“, sagt er.

 Vor rund einem Jahr protestierte der Landwirt mit einem Kreuz auf dem Hof gegen das Agrarpaket der Bundesregierung.

Vor rund einem Jahr protestierte der Landwirt mit einem Kreuz auf dem Hof gegen das Agrarpaket der Bundesregierung. © Archiv: Marcel Drawe

200 Schweine bereits oberhalb der Gewichtsgrenze

Über das Platzproblem hinaus gebe es aber noch ein finanzielles: Wenn die Schweine länger bei Clodt verbleiben, habe der Landwirt parallel mehr Ausgaben. „Ich muss die Tiere ja weiter füttern“, sagt er. Das wiederum ziehe einen Rattenschwanz mit sich: Je länger die Tiere bei dem Bauern stallen, desto größer und schwerer werden sie. Die Schweine, die bereits vergangene Woche schlachtreif waren, hätten eben zu diesem Zeitpunkt das gewünschte Gewicht gehabt. Nun stünden mindestens 200 Schweine oberhalb der Gewichtsgrenze, erklärt Clodt.

Und das sei keine Lappalie: Passen die Schweine nicht in die vorgegebene Maske, bekomme der Landwirt weniger Geld. Das möchte er jedoch um jeden Preis vermeiden: „Wir sind ja kein Kuschelbetrieb auf der Alm, sondern ein Wirtschaftsunternehmen“, sagt er.

„Wir sind ja kein Kuschelbetrieb auf der Alm, sondern ein Wirtschafts- unternehmen.“
LANDWIRT TOBIAS CLODT

Die Fütterung der Schweine deshalb herabzusetzen, sei jedoch keine Option: „Wenn ich sie hungern lasse, drehen die am Kabel und beißen sich gegenseitig Ohren und Schwänze ab“, sagt er. Ohnehin könnte man das Gewicht mit einer solchen Maßnahme nicht regulieren: „Wenn sie einem Jugendlichen ein paar Tage nichts zu essen geben, wächst er ja trotzdem weiter“, erklärt Clodt.

Pro Woche werden bei Tobias Clodt rund 300 Ferkel geboren

Die „Produktion“ der Schweine auszusetzen, sei ebenfalls nicht denkbar: „Es handelt sich hier nicht um Autoteile, bei denen man die Lieferung abbestellen kann, sondern um Lebewesen“, sagt Clodt. Die Säue, die er vor vier Monaten besamt hat, seien nun mal genau jetzt trächtig. Jede Woche werden rund 300 Ferkel geboren. Und diese brauchen Platz. Deshalb wünscht sich Tobias Clodt die Normalität auch „lieber gestern als heute“ zurück: Denn wenn sich die Lage in drei bis vier Wochen nicht normalisiere, wird es eng bei dem Landwirt – im wahrsten Sinne des Wortes.

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