Tauben zu füttern steht in Unna unter Strafe. Jetzt fordert der Tierschutzverein die Stadt auf, genau dies zu tun. In einer menschenleeren Innenstadt drohe den Tieren sonst ein elendiger Hungertod.

Unna

, 27.03.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Zeiten der Corona-Krise fehlt den Stadttauben eine Nahrungsquelle. Wo Cafés und Imbissstuben bestenfalls ein Päckchen für den Verzehr zu Hause aus dem Fenster reichen, fallen auch keine Krümel ab, an denen sich die Vögel bedienen könnten.

Ob man die Lebensmittelreste der Zivilisation nun als artgerechte Nahrung eines Wildtieres sehen möchte oder nicht: Das „Wir bleiben zu Hause“ der Menschen bedeutet ein „Wir haben Hunger“ der Tiere. Tauben gelten als besonders standorttreu. Das Wesensmerkmal, durch das sie einst als Nachrichtenübermittler eingesetzt werden konnten, hindert die Vögel heute daran, die Innenstadt zu verlassen und sich ihr Futter in einem weiteren Umfeld selbst zu suchen.

Tierschutzverein fordert gezielte Fütterung der Stadttauben

Der Tierschutzverein Unna schlägt nun Alarm und trägt an die Stadt einen Aufruf seines Bundesverbandes heran: Die Stadt selbst müsse nun Futterstellen einrichten, an denen die Stadttauben mit artgerechtem Futter wie Mais, Getreide und anderen Körnern genährt werden. Anderenfalls würden die Tiere elendig zugrunde gehen.

„Auch diese Lebewesen verdienen in unserer schwierigen Zeit Hilfe und Rettung“, appelliert Ursula Horn vom Tierschutzverein Unna an das Gewissen der Menschen. Die Stadttauben seien Nachfahren von Tieren, die der Mensch gezüchtet hat. Also müsse der Mensch auch eine Verantwortung für sie übernehmen.

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Allerdings sind die Tauben keinesfalls Tiere, die nur Freunde haben. Gerade in der Innenstadt von Unna werden sie auch als lästige Schädlinge gesehen. Im Laufe eines Jahres nimmt mit der Stärke der Population auch die Furchtlosigkeit der Tiere zu. Die natürliche Fluchtdistanz, die ein wildes Tier zum Menschen einhält, nimmt dafür ab. Über die Köpfe der Passanten hinweg fliegen die Tauben oft mit beängstigend geringem Abstand, was durch die Hanglage von Massener und Bahnhofstraße noch begünstigt wird. Immer wieder gibt es aber auch Meldungen von Tauben, die zu Fuß eine Bäckerei betreten.

Aushungern ist in Unna offizielle Strategie gegen die Stadttauben

Im Kampf gegen dieses Problem war gezielter Nahrungsentzug bislang das wichtigste Mittel. Dem bisherigen Umgang der Stadt mit ihren Tauben würde eine Fütterung aus der öffentlichen Hand regelrecht widersprechen. Denn wild lebende Tauben zu füttern, ist in Unna ausdrücklich verboten. Es werden sogar alle paar Jahre Faltblätter neu aufgelegt, die Besucher der Innenstadt darüber informieren, warum diese Ordnungswidrigkeit zu unterlassen ist.

Bislang lebten die Tauben auch gut von den Resten

Dass der Erfolg dieser Strategie überschaubar ist, lässt sich im Luftraum über Unnas Fußgängerzone leicht erkennen. Man muss diese Tiere gar nicht gezielt mit Brötchen füttern, um ihre Population zu nähren. In einer gastlichen Stadt, wie Unna sie üblicherweise ist, reichen schon die Krümmel, die zwangsläufig beim Abbeißen zu Boden fallen, wenn man sich auf dem Wochenmarkt einen Reibekuchen, eine Waffel oder eine Bratwurst im Brötchen auf die Hand geben lässt.

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Überspitzt formuliert sorgt die Corona-Krise nun erstmals dafür, dass der von der Stadt beabsichtigte Nahrungsentzug für die Tauben tatsächlich in vollem Umfang eintritt. Ursula Horn vom Tierschutzverein erkennt dies auch, missbilligt die Strategie der Stadt Unna aber auch grundsätzlich, nicht nur angesichts der aktuellen Lage in der Corona-Krise. Die Maßnahmen, mit denen Unna die Tauben bekämpft, seien nicht tierschutzgerecht, meint Horn, weil der Hungertod der Tiere darin immer eine Rolle spiele.

Die Tauben müssen auch ihre Jungtiere mit verpflegen

Momentan treffe dies nicht nur die Altvögel, denn auch die Brutzeit sei bei den Tauben bereits angelaufen. Unna sollte nun entweder selbst Futterstellen für die Tauben anlegen oder es zumindest den Bürgern gestatten, dies auf artgerechte Weise zu tun.

Rathaus erteilt Futterfreigabe eine Absage

Dazu dürfte es nicht kommen, zumindest nicht offiziell. Grundsätzlich sehe man im Rathaus zurzeit „keine unmittelbare Veranlassung vom Fütterungsverbot abzusehen“, erklärt Stadtsprecher Oliver Böer. Allerdings räumte er auf Nachfrage ein, dass die Kräfte des Ordnungsdienstes angesichts der aktuellen Sorgen um die Gesundheit der Menschen ganz andere Prioritäten hätten, als die Einhaltung des Verbotes zur Fütterung von Tauben zu kontrollieren.

In einem zentralen Taubenhaus wie hier am Potsdamer Platz in Berlin werden den nistenden Vögeln die Eier weggenommen und stattdessen Attrappen untergeschoben. Es ist eine Art Verhütungsmittel gegen die Vermehrung der Tiere.

In einem zentralen Taubenhaus wie hier am Potsdamer Platz in Berlin werden den nistenden Vögeln die Eier weggenommen und stattdessen Attrappen untergeschoben. Es ist eine Art Verhütungsmittel gegen die Vermehrung der Tiere. © picture alliance / dpa

Umstritten bleibt das Thema allerdings auch über die Corona-Krise hinaus. Der Tierschutzverein sperrt sich keineswegs gegen eine Bestandsreduzierung der Vögel, setzt dabei aber auf sanftere Methoden. Als Ideal gilt dabei ein sogenanntes „Taubenmanagement“. Im Mittelpunkt dabei würde ein Taubenhaus stehen, in dem die Tiere nisten können, ihnen aber die Eier weggenommen und Attrappen untergeschoben werden. Verwaltungssprecher Oliver Böer betont, dass sich die Stadt einer solchen Lösung nicht in den Weg stelle. Mit eigenen Kräften könne sie solch ein Konzept aber nicht umsetzen. „Wenn das Ehrenamt so etwas leisten kann, sind wir absolut gesprächsbereit“, betont Böer.

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